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Knastgeschichten:Die Welt als Frauengefängnis

Video Still (c) Netflix

Die Figuren in "Orange Is The New Black" sind unterschiedlich, was "race, class and gender" angeht. Aber nicht aus Vielfalts-Verliebtheit. Es geht um Gerechtigkeit.

(Foto: Netflix)
  • Die Haftanstalt als Zentrum der Gesellschaft: diese Rolle spielen Frauengefängnisse sowohl in der Serie "Orange Is The New Black" als auch im Roman "Ich bin ein Schicksal" von Rachel Kushner.
  • Der Ausnahmezustand sieht dort zwar manchmal wie das "realistischere" Leben aus. Auf die, die sich nicht in diesem Ausahmezustand befinden, wirkt der dargebotene Traum von Einfachheit jedoch recht vorpolitisch.

An einer zentralen Stelle des Romans "Ich bin ein Schicksal" von Rachel Kushner unterhalten sich zwei Verurteilte, die nie wieder freikommen werden. Sie stecken in einem Bus und werden mitten in der Nacht in ein anderes Gefängnis verlegt: "Der Normalbürger wurde von unserem Anblick verschont, dem Anblick eines Trupps mit Handschellen und Ketten gefesselter Frauen." Draußen zieht schemenhaft Kalifornien vorbei, und eine der Frauen sagt: "Ich persönlich fühle mich hier drinnen sicherer, bei allem, was da draußen abgeht. Krankes, gruseliges, verstörendes Zeug, das man sich gar nicht ausdenken kann." Eine merkwürdig bestimmte, eigentlich unheimliche Bemerkung. Der Roman ist gerade auf Deutsch erschienen, nachdem er in den USA unter dem Titel "The Mars Room" vergangenes Jahr ziemliches Aufsehen erregt hat.

Das hatte damit zu tun, dass Rachel Kushner für die fiktive Geschichte einer Frau, die ihren Stalker erschlägt, sich keinen Anwalt leisten kann und für immer im Knast landet, den amerikanischen Haftalltag so genau recherchiert hat, wie ihn die Öffentlichkeit selten zu sehen bekommt. Außerdem durchzieht ihr Buch eine düster faszinierende Drift. Kushner erzählt nämlich nicht nur die eine, sondern verschiedene Lebensgeschichten, die wie schicksalsgetrieben auf das Gefängnis zulaufen.

In der Freiheit ist es gefährlich, da herrschen Ungewissheit und Ausbeutung

Unter dem Zwang dort kommt es zu Beziehungen zwischen Menschen verschiedener Hautfarben und sozialer Schichten, was "draußen" offenbar eher nicht passiert. Die Dinge liegen irgendwie verkehrt herum in diesem Roman: Wo man die Delinquenten versteckt, die Drop-outs, die Außenseiter, ist "drinnen", sozialer Innenraum mit rauen, aber begreiflichen Regeln, ein sicherer oder jedenfalls reeller Bereich. In der Freiheit dagegen ist es gefährlich, herrschen Ungewissheit und Ausbeutung.

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Dahinter steckt nicht nur die übliche Gesellschaftskritik. Das Gefängnis in der Literatur, als Ort, an dem oder über den geschrieben wird, steht von Marquis de Sade über Alexandre Dumas' "Graf von Monte Christo" bis zu Antonio Gramscis "Gefängnisheften" in der Tradition, die soziale Normalität von ihren verdrängten Rändern her zu sehen. In populären amerikanischen Geschichten spielt es heute eine andere Rolle. Kushners Roman ähnelt zum Beispiel stark der Netflix-Serie "Orange Is The New Black", deren siebte und letzte Staffel jetzt startet. Beide Geschichten spielen in Frauengefängnissen und haben auch ein paar dramaturgische Kniffe gemein. Vor allem ist aber in beiden eine Haftanstalt das eigentliche Zentrum der Gesellschaft.

Nun könnte man sagen, dass da die Fiktion einfach nur die Wirklichkeit in den USA spiegelt, wo der Anteil der Inhaftierten an der Gesamtbevölkerung höher ist als überall sonst in der Welt, selbst als in autokratischen Regimen. Wobei People of Color in den Gefängnissen die Mehrheit sind, obwohl sonst in der Minderheit. Die Bürgerrechtlerin Michelle Alexander hat deshalb das im Namen eines "Kampfes gegen die Drogen" aufgeblähte Strafsystem als Vehikel des alten Rassismus beschrieben. "The New Jim Crow" hieß ihr einflussreiches Buch von 2010. Sie konnte belegen, dass durch soziale Unterdrückung und Kriminalisierung heute die gleichen Ziele erreicht werden wie früher durch Rassentrennungsgesetze: Bürgerrechte nichtweißer Leute einzuschränken.

Wahlkämpfe, untermalt vom Ruf, Gegnerinnen einzusperren und aus dem Land zu werfen

"Orange Is The New Black" ist eine Serie, die über ihre sieben Staffeln ein irres Ensemble von Figuren mit verschiedenen Eigenschaften von race, class and gender angesammelt hat. Und nicht nur aus modischer Diversitäts-Verknalltheit. Man bekommt tatsächlich auch erzählt, wie unterschiedlich sich das Strafsystem auf verschiedene Menschen auswirkt.

Bücher wie "The new Jim Crow" und Schlagwörter wie mass incarceration und prison industrial complex haben inzwischen das Bewusstsein nicht nur der Popkultur geschärft, es gab auch politische Maßnahmen. Die Zahlen besserten sich etwas. Gleichzeitig nahm aber mit der Trump-Regierung die Bedeutung einer anderen Form des Freiheitsentzugs zu, der Abschiebehaft. 396 448 Menschen landeten 2018 in Einrichtungen des Immigration and Customs Enforcement (ICE) der Vereinigten Staaten. Das spielt eine wichtige Rolle in der letzten Staffel der Serie.

Und während Donald Trumps Wahlkämpfe von den Sprechchören "Lock her up" und "Send her back" untermalt werden, dem Ruf, politische Gegnerinnen einzusperren und aus dem Land zu werfen, entsteht der Eindruck, die politische Imagination der mächtigsten Kultur des Kapitalismus sei vom Ausgrenzen und Einbunkern, Festsetzen und Rauswerfen total besessen.

Von der Langeweile eines immer gleichen Knastalltags keine Spur

Wobei das kein amerikanisches Spezialproblem sein wird. Mal abgesehen von dem Einfluss, den amerikanische Geisteszustände auf den Rest der Welt haben, klingen europäische Debatten, zum Beispiel über Seenotrettung, nicht völlig anders. All das kann einen daran erinnern, dass schon vor zehn Jahren eine philosophische Theorie sehr in Mode war, die gezeigt hat, wie fundamental gerade liberale Demokratien auf dem Aus- und Wegschließen von allem Störenden beruhen. Der italienische Philosoph Giorgio Agamben und die amerikanische Theoretikerin Judith Butler argumentierten, mitten unter uns normalisiere sich der Ausnahmezustand. Jetzt kann man in Literatur und Fernsehserien die popularisierte Version dieses Gedankens sehen.

In einer der neuen Folgen von "Orange Is The New Black" werden zwei Frauen in Einzelhaft gesteckt. Beide haben eine Art Migrationshintergrund, und weil die eine durch die Isolation völlig verstört wirkt, rät die andere: "Um wieder zu werden, wer wir davor waren, müssen wir tun, was wir vorher getan haben." Da winkt die nur ab: "Vor was? Der Isolation? Dem Gefängnis? Amerika?" In wenigen Worten kippt die zeitliche Dimension eines Ausnahmezustands in einen räumlichen, und auf einmal steht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten in einer Kontinuität mit der Gefängniszelle.

Dialoge und lakonische Kommentare sind die absolute Stärke dieser Serie. Ihre Schwäche ist ihre Hauptfigur, eine eher langweilige Mittelstandsblondine, die weißen Zuschauern den Einstieg in die Handlung erleichtern sollte. An den anderen Figuren wird aber alles verhandelt, was manchmal unter dem Begriff Identitätspolitik verharmlost wird. Da geht es um Transgender-Häftlinge, die hispanische Community in Angst vor den Einwanderungsbehörden, um Black Pride und deklassierte Opioidabhängige.

Ist jenseits der Disziplinargewalt "drinnen" und der Entfremdung "draußen" noch etwas Drittes zu erkennen?

Von der Langeweile eines immer gleichen Knastalltags keine Spur. Soziale und ökonomische Ungerechtigkeiten werden nimmermüde in scharfe Pointen verwandelt. Und auch in Rachel Kushners Roman gibt es keine Leere. Die Autorin ist offenkundig fasziniert von der Betriebsamkeit des Gefängnisses, geschmuggelten Stöckelschuhen und Knastalkohol, vergoren aus Saft, Ketchup und Zucker, Brieffreunden, die Verbindungen nach draußen schaffen, und der nützlichen Regel, Aufseher nie zu korrigieren, wenn sie im Unrecht sind, weil man dann vielleicht am Ende selber recht bekommt. Die Souveränität der Insassen wirkt "drinnen", wo sie Rassismus und Sexismus untergraben, indem sie sich Sachen, Respekt und Solidarität verschaffen, viel größer als in Freiheit, wo sie beliebige Verschiebemasse sind: "Wir mussten den Kunden gegenüber lieb und nett tun, aber das war schon alles, das Einzige, was von uns gefordert war, und nicht mal dazu waren wir gezwungen."

Der Ausnahmezustand der Inhaftierung sieht in diesen Geschichten wie der "realistischere" Lebensbereich aus, wo die Staatsgewalt roh ist und die Widerstandskraft wach, wo Ideologien körperliche Folgen haben und Beziehungen Überleben sichern.

Die Frage ist nur, ob jenseits der fatalen Alternative von Disziplinargewalt "drinnen" und zwangloser Entfremdung "draußen" etwas Drittes zu erkennen ist. Am Ende von Kushners Roman sehen wir die Heldin in einem ausgehöhlten Baum Schutz suchen, in dem ein Bienennest ist: "Im Inneren des Stamms wurde das Summen der Bienen zum Summen des Baums. Der Baum selbst war stumm, also sprachen die Bienen für ihn." Eine Kommunion mit der Natur, die für die Rückkehr zu einer Unschuld jenseits der verwalteten, feindlichen Menschenwelt steht.

Gegen Ende der letzten Staffel von "Orange Is The New Black" läuft im Hintergrund der alte Sinatra-Song "The House I Live In" in einer Version des Soul-Sängers Sam Cooke. Das Original ist eine patriotische Hymne, Cookes Fassung wirkt eher wie Kahlschlagliteratur: Das Haus, in dem ich wohne, ein Stück Erde, eine Straße, zählt er auf, die Kirche, die Schule, die Kinder, "the howdy and the handshake", die Gesichter, "all races all religions", und die Leute, das Volk, "yes, especially the people, that's America to me". Ein Traum von Einfachheit, in der es keine Ressentiments gibt, weil man sich kennt und sich umeinander kümmert. So rührend diese Rückkehr ins Übersichtliche auch ist, so vorpolitisch wirkt es doch, wenn man für ein Gemeinwesen abseits des Ausnahmezustands nach einer Fantasie sucht.

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