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Opernpremiere:Monteverdi swingt

Orfeo; Im Bild (v.li.n.re.): 
Martin Platz (Orfeo),
Julia Grüter (Euridice), 
Ensemble 
Staatstheater 
Nürnberg Oper und 
Mitglieder des 
Internationalen 
Opernstudios

Wunder über Wunder: Martin Platz betört als Orfeo.

(Foto: Ludwig Olah)

Paradiesische Unterwelt-Musik: Die Dirigentin Joana Mallwitz und der Sänger Martin Platz brillieren im Nürnberger Staatstheater mit "Orfeo".

Von Reinhard J. Brembeck

Charon, der ewig schlecht gelaunte Fährmann der Unterwelt, hält nicht viel von der Kunst und noch weniger vom Gesang. Nachdem sich der legendäre Meistersänger Orfeo mit der ersten Bravourarie der Opernhistorie die Seele aus dem Leib gesungen hat, Martin Platz überwältigt damit jeden in Nürnberg, meint Charon nur gönnerhaft: Ganz nett, aber was soll's. Den Wunsch des Künstlers, zur toten Geliebten übergesetzt zu werden, erfüllt er nicht.

In diesem Moment erinnert Charon an all die Politiker, die die Sänger und Künstler derzeit aus Seuchenangstgründen kaum auftreten lassen - und wenn, dann nur vor sehr wenig Publikum. Dass man dabei in dieser Aufführung automatisch an den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder denkt, liegt erstens daran, dass Nürnberg seine Heimatstadt ist, und zweitens hat der Politiker ein Videogrußwort in Cinemascope geschickt, das vor Beginn der ersten Nürnberger Opernaufführung seit dem Lockdown auf der Bühne zu sehen ist: Väterlich, jovial, gönnerhaft ermahnt und hätschelt er die wenigen Zuschauer. Das Publikum ist danach so gar nicht zum Klatschen aufgelegt, tobt aber beim Schlussapplaus, feiert Martin Platz als Orfeo, die grandiose Dirigentin Joana Mallwitz und das Gesangsensemble wie das Orchester und das Regieteam.

Orfeo ist in dieser 400 Jahre alten Oper des Renaissancegenies Claudio Monteverdi ein Popstar, ein begnadeter Sänger und Egoshooter. Alles scheint ihm machbar zu sein kraft seiner Kunst. Euridice, das It-Girl seiner Clique, hat er endlich rumgekriegt, und Martin Platz jubelt seinen Triumph mit einem orgasmischen "Vi ricorda, o boschi'ombrosi" - um gleich ausgebremst zu werden von der Botin, die ihm zu düsterer Harmonik und mit fahler Stimme vom Schlangenbiss kündet, der sein Sexualobjekt getötet hat. Über die Videoleinwand im Hintergrund rast ein blau lichternder Krankenwagen durch Nürnberg.

Die grandiosen zwölf Sänger auf der Bühne singen Hirten-, Unterwelts- und (Söder'sche) Ermahnungschöre, immer wieder verwandelt sich ein Chorist in ein Individuum. Wonyong Kang wird mit seinem Bass zum drohenden Caron, Andromahi Raptis zu einer zauberhaften Verkörperung der Musik, Almerija Delic zur Unterweltsgöttin, die sich durch Orfeos Erotikgesinge an frühere Liebesspiele mit ihrem rumpeligen Göttergatten erinnert.

Immer wieder schiebt Monteverdi Tanzstücke ein, die wie alle Nummern hier melancholisch geprägt sind. Monteverdi hat seine 90-minütige Oper nur in einer Abbreviatur drucken lassen, die von den Ausführenden viel Fantasie, Freiheit und historisches Wissen verlangt. Nürnbergs Chefmusikerin Joana Mallwitz hat deshalb zusammen mit Frank Löhr eine eigene Fassung für alte und neue Instrumente erstellt. Dieser Hybrid ist faszinierend. Immer wieder suggerieren völlig stilfremde Streichertremoli Spannung, und in Orfeos Versuch, Euridice aus dem Totenreich herauszuholen, fallen Bläser mit schrägen Störmanövern ein. Denn die "Ich schaff alles"-Doktrin des Sängers wird im Libretto streng moralisch als nicht lebbar abqualifiziert.

Mallwitz ist eine der magischen Alleskönnerinnen unter den Dirigenten. Sie kann Mozart und Verdi, Wagner und Monteverdi. Sie camoufliert ihr starkes Ego mit einem sinnlich warmen Klang, sie gibt stets swingende Rhythmen dazu, sie beherrscht Zuschauer, Musiker und Sänger, ohne zu bevormunden. Das überwältigt. Als des Sängers Kunst umsonst an Charon verschwendet sind, dirigiert Mallwitz einen traumverlorenen Schwebetanz, der diesen rüden Funktionär einschläfert. Und als der Sänger endgültig die Liebste verloren hat, lässt sie das Orchester abgrundtief trauern. Wunder über Wunder.

Der Regisseur Jens-Daniel Herzog, er ist der Chef des Hauses, stellt in dieser seuchenbedingt ins Programm gekommenen Oper eine unbedarft flowerpowernde Jugendclique auf die Bühne. Sie tänzelt, hüpft und springt. Dass die Abstandsregeln brav auf der Bühne eingehalten werden, fällt nicht auf. Immer wieder fährt ein Banketttisch aus der Unterbühne herauf, die Unterwelt ist düster, Industriebrachen grundieren im Video den Schrecken, am Schluss künden Sternwirbel von der Apotheose des Sängers. Herzog bleibt unverbindlich und lässt den Musikern den Vortritt. Bravi!

© SZ vom 05.10.2020
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