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Opernpremiere:Mondestrunkener Clown

Pierrot Lunaire; Komische Oper Berlin

Kindlich verschlafen: Dagmar Manzel in Arnold Schönbergs "Pierrot Lunaire".

(Foto: Monika Rittershaus)

Die Diseuse und Tatortkomissarin Dagmar Manzel triumphiert an Berlins Komischer Oper mit zwei Einaktern von Samuel Beckett und Arnold Schönbergs Monodram "Pierrot Lunaire".

Von WOLFGANG SCHREIBER

Minimalistisch, schlank und modern kommt die Komische Oper bei ihrer Spielzeiteröffnungspremiere daher, mit drei für Berlins Muse Dagmar Manzel inszenierten Monodramen, zwei Monologe Samuel Becketts, gekettet an Arnold Schönbergs Melodram "Pierrot Lunaire". Schönberg an Beckett, so etwas in der Art wollte Hausintendant und Regisseur Barrie Kosky auf die Bühne bringen. Das sei jedoch keine Corona-Notproduktion, erklärte Kosky am Ende ins Mikro, es sei mit und für Dagmar Manzel seit Langem geplant gewesen.

Die Schauspielerin, Operettensoubrette und Tatort-Hauptkommissarin Manzel, sie ist durchaus keine blutjunge Chansonnette, triumphiert hier als gelenke Diseuse - sie allein auf offener leerer Bühne in einer fünfviertelstündig virtuosen Glanznummer sondergleichen. Samuel Becketts Miniatur "Not I", das knatternde Redefeuerwerk einer Hysterikerin, schleudert Dagmar Manzel, sie ist nur als blutroter Mund in der Bühnenschwärze sichtbar, atemlos wortakrobatisch wie eine Sprechmusiknummer in den Raum. Vom späten Beckett stammt dann "Rockaby", der Monolog einer im Schaukelstuhl wippend Sterbenden: Manzel salbadert rhythmisiert die Frau in die Verzweiflung und den Tod hinein.

Doch Becketts literarische Monologe sind nur Vorspiel für Schönbergs Liederzyklus. Barrie Kosky findet mit Dagmar Manzel den Dialogweg von Becketts Kunstdepression ins Absurdistan des jungen Schönberg. Keine Pause! Die Solistin schleppt stumm ein Bett an die Bühnenrampe, und eine Kammermusikcombo samt Dirigent fährt aus der Grabentiefe nach oben.

"Die in der Sprechstimme durch Noten angegebene Melodie", so Schönberg zu seinem Liederzyklus mit, so steht es in der Partitur, drei mal sieben Gedichten des Albert Giraud, "ist nicht zum Singen bestimmt." Der Interpret wird vielmehr gebeten, notierte Tonhöhen, mit ein paar Ausnahmen, in eine "Sprechmelodie umzuwandeln". Da ist eine riesige Herausforderung für Sängerinnen, die üblicherweise dann doch singen und damit an diesem Stück scheitern. Dagmar Manzel aber wirft ihre Nuancierungskunst melodiösen Sprechens in die Waagschale, durch Glissandorezitation, Laut-leise-Kontrast im Sprechsingen, Staccato-Artikulieren mit Beschleunigung oder Retardierung. Auf der Szene erscheint sie als ein Junge im Matrosenanzug, eine Puppe in der Hand, und surreal auf, unter oder hinter das Bett kriechend.

Kosky schafft mit dieser Traumtänzerin das groteske Musiktheater eines "mondes-trunkenen" Clowns. "O alter Duft, - aus Märchenzeit!" philosophiert sie am Ende. Geige, Bratsche, Cello, Klavier mit je zwei Klarinetten und Flöten, mehr braucht es nicht, um Schönbergs bizarr gelenkige Musik zum Klangwunder zu machen, und der junge Kapellmeister Christoph Breidler feuert Instrumentalisten der Komischen Oper beschwörend an, ihr Können in Rhythmuspräzision mit Geist zu überführen.

© SZ vom 06.10.2020

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