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Opernpremiere:Menschheitskatastrophe

Staatsoper unter den Linden

Verzweifeltes Endspiel: Mojca Erdmann als Marquise de Merteuil und Thomas Oliemans als Vicomte de Valmont.

(Foto: Monika Rittershaus)

Daniel Barenboim dirigiert an der Berliner Staatsoper Luca Francesconis Oper "Quartett", die in den Gesprächen zweier Sexomanen den Untergang der Menschheit verhandelt.

Von Julia Spinola

Eine imposant aufgebrochene Betonkugel beherrscht die kahle Bühne: Ist es eine Bunkerruine oder der zerborstene Überrest unseres Planeten? Darin zerfleischen einander die beiden letzten Überlebenden einer Menschheitskatastrophe auf die abgeschmackteste Weise. Eineinhalb Stunden lang bieten ein Mann und eine Frau noch einmal all ihre Lebensenergie auf, nur um sie ins schlechthin Böse zu wenden, als wollten sie uns zeigen, was von Adam und Eva am Ende der Geschichte übrig geblieben ist.

Die beiden gehen in sexualisierten Rollenspielen aufeinander los, ziehen die Schraube der Erniedrigungen und Demütigungen immer noch um eine weitere Drehung enger und zielen dabei nicht nur auf die seelenkannibalistische Auslöschung des Anderen, sondern zugleich auf die Vernichtung all dessen, was man einmal die menschliche Würde nannte. Und als wäre dieses sado-masochistische Untergangsszenario an einem der letzten sonnigen Berliner Wochenenden mitten in der hochschwappenden zweiten Coronawelle nicht ohnehin niederschmetternd genug, tragen die beiden auf der Bühne, genau wie das schütter im Saal der Berliner Lindenoper verteilte Publikum, auch noch den obligatorischen Mund-Nasen-Schutz, wenn sie nicht gerade singen. Ist dies das Opernerlebnis, nach dem man sich während all der Monate einer pandemiebedingten Abstinenz gesehnt hat?

Vielleicht nicht, aber dennoch ist diese Saisoneröffnungspremiere ein starkes politisches Statement. Pünktlich zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit setzt Daniel Barenboim mit Luca Francesconis "Quartett" nach Heiner Müllers gleichnamigen Theaterstück eine Oper an, deren Fazit über die Auswüchse der kapitalistisch entfesselten Gesellschaft pessimistischer kaum sein könnte. Heiner Müller schrieb sein "Quartett" Anfang der Achtzigerjahre, als sich das Scheitern der sozialistischen Utopie in der DDR nicht länger leugnen ließ, und er zählte später zu den wortmächtigen Kritikern der Wiedervereinigung. Sein Theaterstück verdichtet Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos' berühmten Briefroman "Gefährliche Liebschaften" auf den Zweikampf der beiden Protagonisten, der Marquise de Merteuil und des Vicomte de Valmont.

Die Personenführung verdoppelt einfallslos, was der Text erzählt

Die im Roman formulierte Rationalismuskritik radikalisiert Müller aus den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts heraus ins Apokalyptische. Eine total gewordene Logik der Ausbeutung hat die Menschen endgültig zu Zwecken degradiert, ihre Körper in Schlachtfelder verwandelt, die Verbindung von Leib und Seele zerstört. Zum Setting heißt es lapidar: "Salon vor der Französischen Revolution / Bunker nach dem dritten Weltkrieg". Der 1956 in Mailand geborene und in Fachkreisen sehr geschätzte Komponist Luca Francesconi schrieb das Libretto für seine 2011 an der Mailänder Scala uraufgeführte Oper auf Englisch. Für die Berliner Produktion wurde es nun ins Deutsche rückübersetzt.

Barbara Wysockas Inszenierung spielt mit Videobildern auf die Katastrophen des 20. und 21. Jahrhunderts an: infernalische Brände, das Artensterben, Kriege und Atombomben, Pandemien und verdorrte Landschaften. Einmal sinkt ein Schwarm toter Vögel wie ein schwarzer Regen auf die Szene herab, dann wieder hängt der Raum voller pornografischer Fotos. Doch der in diesen Bildern behauptete Gegenwartsbezug bleibt vage, weil er szenisch nicht eingelöst wird. Die Personenführung verdoppelt einfallslos, was der Text erzählt. Am Ende scheint sich die Geschichte eines Missbrauchs herauszukristallisieren, an den sich die traumatisierte Marquise in Traumsequenzen und Flashbacks erinnert. Aber auch das wird nur angedeutet. Um die gesellschaftliche Reichweite und Aktualität des Heiner-Müller-Stoffes auf der Opernbühne neu zur Diskussion zu stellen, bräuchte es eher einen unbotmäßig bilderstürmerischen Regieberserker wie Frank Castorf.

Dies umso mehr, als auch Francesconis Musik mit einem klein besetzten Orchester im Graben, dazu kommen Zuspielungen und Live-Elektronik, zwar suggestive Spiegelungen, illusionistische Klangräume und ein überbordendes Gespinst musikalischer Allusionen erschafft, sich aber kaum je zu einer zwingenden musikalischen Dramaturgie verdichtet. Obwohl Dirigent Daniel Barenboim mit den Musikern der Staatskapelle eine bewundernswert transparente und spannungsreiche Balance zwischen den verschiedenen Klangebenen gelingt, wird man auch hier den Eindruck einer bis ins Lautmalerische reichenden Illustration des Textes nicht los. Die brutale sprachliche Präzision Heiner Müllers erscheint bei Francesconi auch durch die redundant opernhaften Wiederholungen einzelner Phrasen entschärft. Großartig wirft sich Mojca Erdmann mit ihrem flammenden, ungeheuer wandlungsfähigen Sopran und einer mitreißenden Bühnenpräsenz in die fordernde Partie der Marquise de Merteuil. Dagegen bleibt Thomas Oliemans' Bariton in der Rolle des Valmont ein wenig blass. Dennoch: wohlwollender Applaus.

© SZ vom 06.10.2020

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