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Opernpremiere:Mensch, schlaf deinen Goldrausch aus

Girls of the Golden West

„Girls of the Golden West“ zeigt die Goldsucher als frauen- und fremdenfeindliche Lynchmörder.

(Foto: Ruth Walz/Martin Walz)

Peter Sellars inszeniert die Oper "Girls of the Golden West" von John Adams in Amsterdam.

Er begann als Klarinettist in Marschkapellen und endete als einer der erfolgreichsten Klassik-Komponisten der Gegenwart: John Adams, der später in Harvard studierte, fand Anfang der Siebzigerjahre seine künstlerische Heimat in San Francisco, wo er bis heute lebt und eng mit dem San Francisco Symphony Orchestra zusammen arbeit. Für seine bislang erfolgreichste Oper, "Nixon in China" von 1987, tat er sich bereits mit dem früher oft sperrig provozierenden Regisseur Peter Sellars zusammen, und auch für sein jüngstes Werk, die Goldgräber-Oper "Girls of the Golden West", suchte er Sellars, diesmal zusätzlich als Librettisten. Doch Sellars zeigte sich in der Inszenierung am Opernhaus Amsterdam gezähmt, das Bühnenbild wechselte zwischen vorüberziehenden Hintergrundbildern aus stark vergrößerten alten Stichen und realistischen Szenen.

Männer in Hosen mit Hosenträgern und herausquellenden kragenlosen Hemden, Hut auf dem Kopf, Schaufel in der Hand, Gier in den Augen. Gleich zu Beginn versucht so einer vor glutroter Hintergrundbeleuchtung den Bühnenboden aufzuhacken. Also theaterhaft anzudeuten. Wenn die Spitzhacke dann jeweils knapp über dem Boden abgebremst wird, hört man statt des Aufschlags ein hohes Geigenpizzikato, eine tiefe Trommel, und einen Ton in Mittellage.

Die Genervtheit des Hörers in transzendentale Meditation verwandeln

Ein Dreitonmotiv, das oft wiederholt wird, ohne sich weiter zu entwickeln. Adams gehört, auch wenn er sich inzwischen ein Stück weit davon entfernt hat, zu den Vertretern der Minimal Music, die von solchen Wiederholungen lebt und, vereinfacht gesagt, die dabei entstehende Genervtheit des Hörers in transzendentale oder auch nur kapitulativ willenlose Meditation überführt. Die erzählte Geschichte läuft dann quasi stummfilmartig ab: Clarence und Joe Cannon, zwei Goldsucher, erreichen das Goldgräberlager, das überraschenderweise Gold Country heißt. Es folgt der Clash der Kulturen. Dame Shirley, die aus New England, dem vornehmen Teil des Landes stammt, durchkämmt wie zufällig mit ihrem ebenso vornehmen Ehemann Dr. Fayette die Gegend. Sie fällt vom Pferd und muss von einem gut aussehenden Helden - ein entlaufender Sklave, wie er ihr später im Bett gesteht - gerettet werden. Was noch fehlt zum Westernglück: Ein Saloon, eine chinesische Prostituierte, betrunkene Goldsucher beim Kartenspiel, eine versuchte Vergewaltigung.

Es trifft die tapferen Josefa, die den Angreifer prompt erdolcht und daraufhin gelyncht wird. Was man im Filmwestern seltener sieht, hier aber unbedingt dazugehört: die Aufführung von Shakespeares "Macbeth" zur Feier des 4. Juli. Allerdings kommt hierbei in flüsternder Erzählung auch die dunkle Seite der "honorable Americans" ans Licht. Hetzjagden auf Mexikaner, Chilenen, Peruaner, Chinesen. Hier merkt man auch: Adams war immer ein politischer Komponist, und als Theatermann liebt er eindeutige Bilder.

Dass er die große Oper beherrscht, zeigt er besonders in den Massenszenen. Die sind wichtig, weil hier das Verhältnis von ungeschütztem Individuum und gruppenhysterischer Gewalt und Deppentum entwickelt werden kann. Und das ist der Kern dieser Goldgräberoper: Was ist der Mensch wert im Goldrausch, wie stark ist der Einzelne, wenn er nicht nur der Natur, sondern auch seinen Mitmenschen ausgeliefert ist? Dass hierbei Frauen kein Prinzessinnenleben führen, ist klar, und deshalb ist es ein bisschen wohlfeil, daraus ein überzeitliches Geschlechterbild zu zeichnen und damit einen gängigen, moralisch nicht immer haltbaren Empörungsreflex zu bedienen.

Aber wenn man schon Frauen, die den weiten Weg in die Goldgräberlager auf sich nahmen, um dort als Prostituierte zu arbeiten, als Opfer männlicher Gewaltfantasien anpreist, dann sollte man das konsequenterweise etwas drastischer darstellen und weniger musicalhaft, als dies in den "Girls of the Golden West" geschieht. Der gesetzlose Westen, in zahlreichen Filmepen als kulturelle Basis der USA verklärt, war ja vor allem Mord und Totschlag, Alkohol und Goldgier - alles maßlos und ungehemmt; ein unausgeschlafener endloser Goldrausch. Um diese Situation nachzuempfinden, hätte Sellars weniger altbacken naturalistisch inszenieren dürfen.

Was ist schlimm daran, dass sich reiche Menschen die gute alte Zeit in ihr Opernhaus holen?

Liegt es daran, dass diese Uraufführungsinszenierung im letzten November in San Francisco stattfand? In den USA bedienen und bestimmen Sponsoren die Bühnenästhetik, also quasi Nachfahren der Goldschürfer. Aber, so die vermeintlich rhetorische Standardfrage: Was ist schlimm daran, dass sich reiche Menschen die gute alte Zeit in ihr Opernhaus holen? Wird das den alten Opern nicht eher gerecht als ein intellektuell überambitioniertes Regietheater, das die Grundbedürfnisse sentimentalen Kunstgenusses mit Füßen tritt? In Amsterdam konnte man verfolgen, was daran schlimm ist, wenn man den Bezug zur Gegenwart scheut, zum gegenwärtigen Publikum, das auf aktuelle Probleme und Reize anspricht.

Dagegen wirkt die Musik von John Adams aktuell, diesseitig, unmittelbar, affektgeladen und auch hintergründig, plakativ, selten allzu platt. Adams folgt nicht der europäischen Nachkriegstradition, Hörgewohnheiten durch physischen Schmerz zu vernichten oder sich erst gar nicht entwickeln zu lassen. Stattdessen hört man hier eine im Kern konventionell verständliche Musiksprache, inklusive Dreiklangsharmonik, die dennoch anspruchsvoll zeitgemäß klingt. Die hatte ihre Höhepunkte nicht unbedingt in den ausgetretenen Pfaden weitläufiger rezitativischer Arbeit, denn das minimalistische, trotz weiter Intervallsprünge eher litaneihafte musikalische Erzählen, ist schlichtweg ermüdend. Selbst wenn mit Julia Bullock als Dame Shirley, mit Davone Tines, Paul Appleby, der hochdramatischen J'Nai Bridges als Josefa eine beeindruckende Besetzung auf der Bühne stand.

Der Orchesterapparat diente oft nur als Farbgeber: mit wechselnden, solistisch hervortretenden Instrumenten. Das Rotterdams Philharmonisch Orkest unter Leitung von Grant Gershon spielte bewundernswert präzise und ausdrucksstark. Nein, die Fortentwicklung des Adamsschen Minimalismus zeigte sich vielmehr in drei grandiosen Chorszenen (der Koor van De Nationale Opera) gegen Ende des Stücks, wo unterschwellige Kontrapunktik mit der Wucht plakativer Klangrede zusammenfiel, wo vielstimmig und vielklangschichtig alles gleichzeitig passierte - gleichermaßen verständlich und ein bisschen vernebelt.