bedeckt München 17°

Opernpremiere:Je bitterer, desto süßer

Così fan tutte 2020: Lea Desandre, Johannes Martin Kränzle, Bogdan Volkov, Marianne Crebassa, Andrè Schuen und Elsa Dreisig (v.l.).

(Foto: Monika Rittershaus)

Dem Regisseur Christof Loy und der Dirigentin Joana Mallwitz gelingt bei den Salzburger Festspielen eine beglückende Deutung der Mozart-Oper "Così fan tutte". Sie ist auf zweieinviertel Stunden gekürzt - und löst Ovationen aus.

Von Reinhard Brembeck

Polyamorie in Salzburg. "Ich liebe!", singt die leidenschaftlichere der beiden jungen Schwestern im Großen Festspielhaus, "und meine Liebe gilt nicht nur" - ihrem alten, sondern auch ihrem neuen Geliebten. Dass sie sich selbst das größte Rätsel auf Erden sein könnte, das hätte die unbedarfte Oberschichttussi Fiordiligi zwei Stunden zuvor nur für abgehobenes Intellektuellengeschwätz gehalten. Nachdem sie aber in zwei grandiosen Tiefseelenbohrungsarien, Wolfgang Amadeus Mozart hat sich nie tiefer in die weibliche Psyche hineinkomponiert, für sie bis dato undenkbare Wahrheiten über ihre Erotik erfahren hat, wird aus einem unbedarften Girlie schlagartig eine Frau.

Die Sängerin Elsa Dreisig hat die Souveränität und die Ruhe, die Agilität, die Strahlenhöhe und das Dunkel der Tiefe, um diesen Horroregotrip als ein weit übers Theater ausgreifendes Menschenporträt zu singen. So wird ebenso erschreckend wie faszinierend klar, dass zur Liebe nicht nur Betörendes, sondern unabdingbar auch Entgrenzung und Leiden gehören. Dabei gibt es kein Maßhalten. Liebe überrennt jede Persönlichkeit und jede Gesellschaftskonvention. Die größte dichtende Liebesexpertin nicht nur der Antike, Sappho, nannte Eros treffend "süßbitter". Diesen Befund exemplifiziert Elsa Dreisig unwiderlegbar, unwiderstehlich, überwältigend. Dreisig ist die Kronzeugin für die Verheerungswut der Liebe.

Die beiden Paare sind Durchschnittsmenschen ohne Eigenschaften. Aber sie lieben

Kein Wunder, dass das Publikum nach einer auf pausenlose zweieinviertel Stunden gekürzten "Così fan tutte" glücklich jubelt. Die Begeisterung gilt allen Beteiligten. Schließlich ist das eine der extrem seltenen und deshalb so extrem beglückenden Opernproduktionen, in denen Musiker, Sänger und Bühnenteam spürbar und sich gegenseitig beflügelnd ein einleuchtendes Gemeinschaftsprojekt realisierten.

Wo also beginnen mit dem Jubel? Beim Bühnenbild. Johannes Leiacker hat die riesige Bühne ziemlich weit vorne mit einer hohen und weißen Wand abgeschlossen, in die seitlich zwei Türen eingelassen sind, die geöffnet den Blick auf Gang und Fenster freigeben. Nur einmal, Fiordiligi erkundet gerade die letzten Tiefen ihres Fühlens, öffnet sich die Wand und gibt kurz den Blick frei auf einen Baum, auf ein Stück Natur, zu der die sechs Kulturmenschen auf der Bühne genauso wie Mozarts Musik nie wieder zurückkehren können.

Vor Leiackers klassizistisch strenger Wand wird in Barbara Drosihns Alltagskleidern rasant Komödie gespielt. Die beiden Liebespaare sind Durchschnittsmenschen ohne Eigenschaften, die Dienerin entstammt der Unterschicht, der alte Menschen-Experimenteur Alfonso ein Sadist, der unter seiner frauenkritischen Weltsicht zunehmend und am meisten von allen leidet. "Così fan tutte" bedeutet in Christof Loys grandioser und bewegungsintensiver Regie ein misogynes "So machen's die Weiber". Textdichter Lorenzo da Ponte meinte das so. Sein großes Vorbild, der unvergleichliche Liebeserforscher Pierre Carlet de Marivaux, wäre d'accord.

Aber Mozart sucht immer wieder die größtmögliche soziale Distanz zum Text. Die Liebesaufwallungen der Jugendlichen vertont er als tief empfunden authentisch. Sie lieben wirklich. Wie so viele Menschen hängen sie einer traditionellen Liebeskonzeption an. Bald lernen sie in der Liebesschule, die von da Ponte und seinem Musterexegeten Loy betrieben wird, dass Liebesgefühle zwar echt und tief sein können, dass ihr als singulär empfundenes Sehnsuchtsobjekt aber jederzeit und leicht austauschbar ist. Das gilt für Frauen wie für Männer. Doch Männer tun sich mit dieser Lehre viel schwerer als Frauen, weil ihr empfindliches Ego (Männer eben) diese ihre Austauschbarkeit nicht verkraftet.

Christof Loy erklärt nichts. Er lässt den zwielichtigen Liebeslehrer Alfonso einfach sein Experiment mit dem Partnertausch machen. Was hat der Alte überhaupt bei den Jungen zu suchen? Ist er ihr Hauslehrer, aufs Geld angewiesen, ein Sadist, ein Altruist, ein gescheiterter Casanova, ein Aufklärer, ein abgewiesener, von den Frauen enttäuschter Liebhaber? Johannes Martin Kränzle gibt seinem Alfonso von all dem etwas mit, ohne sich auf eine Rolle festzulegen, ohne etwas aus dessen Leben zu verraten. Alfonso hat Mühe, mit den Jungen im Spieltempo mitzuhalten. Aber er will noch einmal jung sein. Seine So-sind-Frauen-Songs werden immer bitterer, da singt ein Betroffener. Kränzles Alfonso würde gern widerlegt werden. Aber das Liebeswechselspiel der Jungen bestätigt nur wieder einmal seine Thesen. Dieser Mann ist eine tragische Figur, dem zuletzt nur mehr die Vernunft bleibt. Aber, das weiß jeder vernünftige Kunstliebhaber, die Vernunft ist in der Kunst nur ein kalter und somit wertloser Trost.

Unerbittlich elegant: Der Sturm der Gefühle treibt Leidenschaften und Verzweiflungen voran

Wie Regisseur Loy hält auch die allüberall gefeierte Dirigentin Joana Mallwitz die Komödie trotz aller Seelenschrecken am Laufen. Wie üblich tanzt sie die Partitur. Sie tanzt mit Mozart und den ihr glücklich ergebenen Wiener Philharmonikern, die ihr nichts an Tempo, Vibratolosigkeit, Schmelz, Übergeschnapptsein und Süchteln verweigern. Fein zeichnet Mallwitz mit ihrer Linken das Säuseln der Erotikbrise. Schmachten gelingt ihr zart wie ein Baiser. Despinas Unverschämtheit gluckst schnippisch aus den Bläsern. Behauptete Charakterstärke klingt komisch. Und der endlose Sturm der Gefühle treibt die Komödie und die Leidenschaften und die Verzweiflungen elegant unerbittlich voran. Großer Jubel für dieses Bravourstück.

Die anderen drei Jungen? Andrè Schuen ist ein volltönend großmundiger Macho-Beau, Bogdan Volkov ein verträumter Blonderich, ganz an die Schönheit verloren. Marianne Crebassa singt die reifere der beiden Schwestern, Dorabella. Sie ist weniger überrascht über ihr Volten schlagendes Herz als Fiordiligi, sie ist schneller entschlossen zum Männertausch, distanzierter zu ihren eigenen Gefühlen. Und Lea Desandre zeigt mit Despina, dass Unterschicht Unglück bedeutet und Lebensweisheit gebiert. Diese so zarte wie resolute und lebenspraktische Frau ist mit dem Wissen um die süßbittere Liebe geboren, die zu akzeptieren Alfonso unendlich schwerfällt. Dennoch atmen Despinas Kantilenen jene Melancholie, die wie Mehltau selbst über den heitersten Brioklängen liegt und davon kündet, dass alle Menschen die Liebe bitte nur sehr süß haben wollen, aber eben nicht bitter.

Papperlapapp, komponiert Mozart, Unsinn, schreit da Ponte. Und schon jubelt die Musik ins wirbelnde Finale der erschütterten Selbstsicherheiten und triumphierenden Polyamorien.

Korrektur: In einer früheren Version wurden den Namen der beiden Sänger der Liebhaber Ferrando und Guglielmo die falschen Beschreibungen zugeordnet. In Wirklichkeit ist Tenor Bogdan Volkov (Ferrando) "der verträumte Blonderich, ganz an die Schönheit verloren" und Bariton Andrè Schuen der "volltönend großmundige Macho-Beau", nicht umgekehrt.

© SZ vom 04.08.2020/cat

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite