Opernpremiere Berlin Verrat an Medea

Bleibt immer skandalös: Sonya Yoncheva als Médée.

(Foto: Bernd Uhlig)

An der Staatsoper Unter den Linden verrät Regisseurin Andrea Breth die Hauptfigur in Luigi Cherubinis "Médée". Sonya Yoncheva rettet sie.

Von Julia Spinola

Medea schleppt sich in gebückter Haltung über die Bühne, eingehüllt in ein antikisierendes Kostüm aus schweren Stoffmassen. Wenn ihr das Kopftuch verrutscht, zottelt ihre schwarze Mähne wirr ums braun geschminkte Gesicht. Diese Frau ist eine bedrohliche Fremde: Wie sie mit den weiß blitzenden Augen rollt, bettelnd am Bühnenrand kauert oder die anständig gekleideten Geschäftsmänner umschleicht wie ein lauerndes Tier. So eine springt die Männer nicht nur raubkatzenhaft an, wenn sie provoziert wird, und greift ihnen derb zwischen die Beine, so einer, ahnt man, zuckt unter wallender Ganzkörperverhüllung auch das Messer in der Hand.

Was hat sich die sonst so einfühlsame Regisseurin Andrea Breth nur dabei gedacht, die fabelhafte Sonya Yoncheva in der Titelpartie von Luigi Cherubinis Opéra Comique "Médée" als platt exotisierenden Carmen-Abklatsch auf der Bühne der Staatsoper Unter den Linden agieren zu lassen? In den trostlosen Lagerhallen einer Zoll- oder Poststation (Bühnenbild: Martin Zehetgruber) wirkt diese seltsame Frauengestalt wie ein Teil der hier zwischengelagerten Kunstgewerbe-Beute, darunter das als "Goldenes Vlies" begehrte Widderfell und zwei monumentale Pferdestatuen, von denen eine bereits geköpft ist. Breth, der kein menschlicher Abgrund zu tief ist, schlägt sich ausgerechnet in dieser Frauenoper auf die Seite der kleingeistigen Siegertypen, indem sie der Medea jede Einfühlung und Glaubhaftigkeit verweigert. Fast scheint es, als sei sie vor der Ungeheuerlichkeit der Figur zurückgeschreckt. Denn der Medea-Stoff birgt bis heute ein nicht zu unterschätzendes Skandalpotenzial.

Diese Migrantin aus Kolchis liebt nicht nur mit einer solchen Unbedingtheit, dass sie ihren eigenen Vater beraubt und ihren kleinen Bruder zerstückelt hat, um dem Mann, für den sie alles aufgibt, zu folgen. Sie wird am Ende als amoklaufendes Mobbing-Opfer im Racherausch auch noch die eigenen Kinder niedermetzeln, um sich an ihrem Geliebten Jason zu rächen. Der hat sich im korinthischen Exil schnell als skrupellos-opportunistischer Weichling entpuppt, er verlässt, demütigt und prellt sie ums gemeinsame Sorgerecht. Die obszönste Zumutung der Kindsmörderin Medea aber liegt darin, dass man ihr in dieser Raserei auch noch zu folgen bereit ist. Es ist nicht zuletzt dieser unauflösbare Widerspruch, der der Medea-Geschichte jene bis heute aktuelle Sprengkraft verleiht. Von Ovid, Seneca und Euripides bis hin zu Christa Wolf, von Francesco Cavalli bis zu Aribert Reimann haben sich Dichter und Komponisten in diese Kindsmörderin hineinfantasiert. Auch Cherubini lässt von den ersten Takten der aufgewühlten Ouvertüre an keinen Zweifel daran, auf wessen Seite er steht.

An der Berliner Staatsoper hat man sich für die französische Erstfassung der "Médée" von 1797 entschieden, die 2006 im Simrock-Musikverlag erschien. Sie ist feingliedriger, raffinierter, vielschichtiger als die plakativere italienische Version mit den von Franz Lachner vertonten Dialogen, mit der Maria Callas Triumphe feierte. Die klein besetzte Staatskapelle zeichnet im vibratoarmen, trockenen Klang der Streicher und in farbenreichen Holzbläserschattierungen ein eindringliches Seelengemälde des inneren Schlachtfeldes der Medea: die Atemlosigkeit, das Weinen, der Klang vollständiger Verlassenheit - all das wird hörbar in einer von Vorhalten, Seufzern und Pausen durchsetzten Musik. Daniel Barenboim führt die Musiker mit größter Behutsamkeit durch die Vielgestaltigkeit dieser Partitur, die musikalische Dramatik mit symphonischen Mitteln schafft. Die durchbrochene motivische Arbeit hat mehr mit den späten Haydn-Symphonien zu tun, als mit der italienischen Oper.

Sonya Yoncheva macht mit ihrem Luxustimbre und ihrer Gestaltungskunst wieder wett, was ihr die Regie an Glaubhaftigkeit verwehrt: eine bewundernswerte Leistung. Sie singt so betörend schön und überpräsent, dass die anderen Figuren dagegen blass wirken: Elsa Dreisig als Nebenbuhlerin Dircé mit durchdringend klarem Sopran kämpft mit den heiklen Koloraturen ihrer Arie. Charles Castronovo (Jason) und Iain Paterson (Créon) liefern die leidenschaftslos-biederen Gegenbilder zur furiosen Medea. Der wiederum steht die hochmelodische Marina Prudenskaya als Néris musikalisch tröstend zur Seite. Die große Enttäuschung des Abends: Andrea Breth hat Medea verraten.