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Opernfestspiele:Der Tod spielt mit

Eine Figur am Abgrund: Marlis Petersen (hinten) in der Rolle der Salome an der Bayerischen Staatsoper.

(Foto: Wilfried Hösl)

Bei der Eröffnungs­premiere von Richard Strauss "Salome" gibt Marlis Petersen ihr Rollendebüt in der Titelpartie, Kirill Petrenko dirigiert, Krzysztof Warlikowski inszeniert

Gerade war Orchesterprobe. Also volle Besetzung. Marlis Petersen hüpft durch die Rheingold-Bar. Es ist ein paar Tage vor der Festspielpremiere der Bayerischen Staatsoper, Richard Strauss' "Salome". Petersen singt die Salome. Ihr Debüt in dieser Partie. "Es ist der Wahnsinn! Die Wucht der Musik, der Geschichte, der Inszenierung - das knockt einen aus", sagt sie. "Danach brauche ich mindestens fünf Minuten, bis ich wieder aus dem Universum zurück bin. Was da aus dem Orchester kommt, was das für eine Spannweite hat, vom allerleisesten Pianissimo bis zur Klangexplosion, wie Petrenko das auslotet - der Wahnsinn. Heute, auf der Probe, hatte ich nach Narraboths Selbstmord Tränen in den Augen."

Nun ist ja Marlis Petersen keine Frau, von der man annehmen würde, dass sie irgendetwas ausknockt. Einmal, das ist längst legendär, hätte sie es fast selbst geschafft. Da sang sie Alban Bergs "Lulu" in der Staatsoper, rannte gegen eine der gut geputzten Glasscheiben des Bühnenbilds, brach sich die Nase, sang die Partie zu Ende und später auf der Premierenfeier noch Jazz, begleitet von Musikern des Orchesters. Dass sie ihre Nase wirklich kaputt gemacht hatte, sagte ihr tags darauf der Arzt.

Nun liegt der Fall bei der "Salome" ja nicht ausschließlich in der physischen Herausforderung des Überlebens auf der Bühne, sondern in der enormen Emotionsspanne. Die der Titelfigur sei größer als die der Lulu, meint Petersen, und das sagt ja schon sehr viel. Und überhaupt: "Es ist eine schräge Geschichte von lauter schrägen Leuten. Kein einziger ist in seiner Mitte." Schlägt man ihr vor, vielleicht Herodes als noch einigermaßen nachvollziehbar agierende Figur zu begreifen, meint Petersen nur, der habe auch nicht alle Juwelen im Safe.

Der Raum auf der Bühne wird eine Bibliothek sein. Nach dem Gespräch guckt Marlis Petersen noch schnell in den Zuschauerraum, ja, der Vorhang ist offen, da müsse man schnell schauen. Heimlich. Und ja, da ist eine Bibliothek. Groß. Und Petersen weist einen noch schnell, enorm praktisch veranlagt, auf die teils problematischen Sichtachsen hin. Die Bibliothek muss man sich - aber mehr greifen wir nicht vor, offiziell haben wir ja nichts gesehen - als einem Haus zugehörig denken, in dem reiche Juden in den Vierzigerjahren darauf warten, dass die Gestapo sie findet. "Der Tod spielt von Anfang an mit." Und, so könnte man weiterdenken, in einer großen Bibliothek findet sich sicherlich eine Bibel, in der man die Geschichte von Herodes, Salome und Jochanaan nachlesen kann. Oder, noch passender, ein Buch von Oscar Wilde, dem Dichter der Textvorlage.

In diesem Ambiente sei Krzysztof Warlikowski dabei, an der Essenz zu kratzen. "Er ist der reine Wahnsinnige." Und, wie er jüngst an der Staatsoper Stuttgart mit seiner fabelhaften Gluck-"Iphigenie" bewiesen hat, ein Meister der Psychologie. Das passt auch zu Marlis Petersen. Die Salome wollte sie schon immer mal machen, sie sei neugierig auf Figuren, die einen Abgrund haben. Stimmlich findet sie die Partie zwar fast noch zu früh für sie, aber "weil es Petrenko macht, bin ich ins Wasser gesprungen. Petrenko rollt einem 15 rote Teppiche aus. Das ist ein Verhältnis voller Respekt und Vertrauen. Manchmal dirigiert er das so leise, dass ich das Orchester auf der Bühne kaum hören kann." Und dann kommt wieder der große Bumms - "leider muss ich da auch manchmal singen". Kirill Petrenko übergibt auch schon mal in der Probe einem Assistenten den Stab und läuft währenddessen im Zuschauerraum herum, um die Klangbalance und alles Mögliche zu überprüfen. Es gibt in dieser Oper eine Stelle, bei der empfahl Richard Strauss selbst, sie zu kürzen, weil da die Musik zu laut für die Sänger sei. Petrenko kürzt nichts, für ihn ist die Stelle eine interessante Aufgabe, die es zu lösen gilt.

Eigentlich ist Salome ja eine gefährliche Kindfrau. Nun findet sich natürlich keine Sopranistin im jugendlichen Alter, die das singen könnte. Selbst Asmik Grigorian, die vielbewunderte Salome bei den Salzburger Festspielen im vergangenen Jahr, hatte trotz aller jugendlichen Ausstrahlung am Ende doch die Aura einer erwachsenen Frau. Klar, sagt auch Petersen, Salome sei blutjung. Aber Warlikowski wolle sie nicht "extrakindlich". Zwar schon kindliche Fantasie, die Begeisterung eines Mädchens für diesen Propheten. Aber nicht nur. "Wenn sie nicht kriegt, was sie will, wird sie zum pubertären Biest." Könne man alles spielen. Glaubt man Petersen sofort, zumal die Kostüme im Stil der Vierzigerjahre bei der Verschleierung helfen. Für Salome sei der Tod von Anfang an eine Option, auf den Punkt gebracht werde die in ihrem Tanz. "Aber von dem verrate ich noch nichts."