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Opernfestspiele:Der Choreograf - ein Zeitgenosse

Niedere Dienste in der Mörderabsteige "Cecil Hotel": Dustin Klein, der Portier, wischt das Blut auf.

(Foto: S. Gherciu)

Das Bayerische Staatsballett versucht sich "À Jour"

Der neue Titel des Abends bleibt vage: "À Jour. Zeitgenössische Choreografien" statt der landauf, landab abgenudelten "Jungen Choreografen". Er besagt erst einmal aber nicht mehr, als dass die drei Halbstünder, die in einer Aufführungsserie zu den Opernfestspielen im Prinzregententheater gezeigt werden, von lebenden Choreografen stammen. Von Zeitgenossen eben. Diese hier sind zwar längst im Betrieb angekommen, aber gelten noch als jung. Sie waren nun eingeladen, mit der Creme des Bayerischen Staatsballetts Neues einzustudieren. Ob diese drei Stücke aber tatsächlich auch zeitgemäß sind? Kein Mensch hat erwartet, dass Edwaard Liang, Yuka Oishi und Andrey Kaydanovskiy angehalten worden wären, kollektiv die neueste Welle zu reiten, will heißen, die Tänzer improvisierend im "Jumpstyle" über die Bühne springen zu lassen.

Das wäre mal was gewesen! Stattdessen wählten zwei von ihnen, der Chinese Liang und die Japanerin Oishi, Musik, an der sich fast jeder ernstzunehmende Tanzschöpfer schon mal abgearbeitet hat: Schuberts "Der Tod und das Mädchen" und Strawinskys "Le Sacre du Printemps". Liang, als findiger, klassisch fundierter Bewegungsarchitekt, unter anderem beim New York City Ballet reüssiert, konfrontiert den Tod in Gestalt eines gewandten jungen Mannes mit einem Septett sieben krakenhafter Herren. Aus dessen Mitte nähern sich zwei identisch aussehende Mädchen. Sie schlagen ihm abwechselnd in geschmeidig-akrobatischen Pas de deux ein Schnippchen, dem eleganten Herrn Tod. Denn es handelt sich bei diesem doppelten Lottchen um computergesteuerte KI-Tanzautomaten, die digitalen Nachfahrinnen der mechanischen Olimpia, die, allzeit adrett, den Tod überwinden.

"Der Tod und das Mädchen" - "mise à jour", also aktualisiert. Das lässt sich von Yuka Oischis "Sacré" nur bedingt sagen, denn das Solo dreht sich nicht nur um den göttlichen Nijinsky, sondern um den aktuell Vergötterten, um Sergei Polunin, der hier das Leben des am Ende geistig umnachteten Tanz- und Chorografengenies hoch konzentriert reflektiert. Ein Seil, von herbstlichem Laub bedeckt, beschreibt dieses sich verdüsternde Leben als unentrinnbaren Kreis - samt dramaturgischer Unwucht. Den kann auch ein Polunin, ganz in Schwarz, mit Rasputinschem Fusselbart, mal sinnierend, zwischendrin Nijinskys Faun und dessen Skandal-"Sacre" zitierend, dabei immer wieder bravourös sich exponierend, nicht sprengen.

"Sacré" zieht als zeitloses Galaschmankerl eines Stars auf Tour. Die Zeitlosigkeit von Andrey Kaydanowskys komisch-makabrem Handlungsballett "Cecil Hotel" nach dem Vorbild der realen Serienmörderabsteige in L.A. manifestiert sich in seiner unbedingten Stadttheatertauglichkeit: Gut gemacht, atmosphärisch dicht, skurril dank virtuos schlackernder Gliedmaßen. Beliebt im eigenen Land, in Wien und auch hier, räumt der Russe damit ab. À la bonne heure!