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Operette:Brautalarm am Plattensee

Prächtig gesungen und getanzt - doch das Ensemble ist mit einer etwas flachen Musicalästhetik in Szene gesetzt.

(Foto: Komische Oper Berlin/PR)

Die Geschwister Pfister versuchen sich an der Komischen Oper Berlin an Paul Abrahams Fußball-Stück "Roxy und ihr Wunderteam". Bühnenbild und Ensemble überzeugen. Aber der Rest?

Anarchisch überbordende Lebenslust, eine explosiv-witzige Bühnenshow und ein Füllhorn musikalischer Pointen: Mit seiner hinreißenden Inszenierung von Paul Abrahams Operette "Ball im Savoy" läutete Barrie Kosky zu Beginn seiner Intendanz an der Komischen Oper Berlin ein Revival des Genres ein. Die Mischung aus Berliner Jazz, wienerischem Schmelz und Klezmer hatte "Ball im Savoy" wenige Wochen vor Hitlers Machtergreifung zu einem spektakulären Operettenerfolge gemacht und eine Ahnung davon vermittelt, welches Niveau die deutsche Operette hätte erreichen können, wenn man ihre überwiegend jüdischen Komponisten nicht ins Exil getrieben hätte. Bei Kosky spürte man in jeder Regiepointe eine große Liebe zu diesem Stück, das für ihn den Höhepunkt eines jäh abgeschnittenen Zweiges deutscher Musikgeschichte repräsentiert.

Nun zeigt die Komische Oper Paul Abrahams Fußball-Operette "Roxy und ihr Wunderteam". Es kam drei Jahre nach "Ball im Savoy" in Budapest heraus und feierte 1937 in Wien Erfolge, bevor Abraham als psychisch Gebrochener im amerikanischen Exil landete. Während er, der einstige Star-Komponist, 1946 geistig verwirrt auf der New Yorker Madison Avenue den Verkehr als imaginäres Berliner Orchester "dirigierte" und schließlich in einer Nervenheilanstalt endete, verzerrten die Nachkriegsaufführungen in Deutschland seine Werke bis zur Unkenntlichkeit.

Nach Abrahams Wiederentdeckung durch Kosky wurde auch "Roxy und ihr Wunderteam" in Dortmund und Augsburg wieder aufgeführt. Die Komische Oper zeigt nun einer Produktion des Musical-Spezialisten Stefan Huber mit Kai Tietje am Pult des Orchesters der Komischen Oper und dem Revue- und Cabaret-Trio der Geschwister Pfister. Sie macht jedoch deutlich, dass die Operette an der Komischen Oper in Intendantenhand gehört. 2014 kam Nico Dostals Operette "Clivia" mit dem gleichen Team heraus, schon damals hatte die queere Komik von Christoph Marti alias Ursli Pfister der kalauernden Biederkeit nicht aufhelfen können. Ähnlich harmlos gingen nun die Liebesverwicklungen eines ungarischen Fußballteams mit seinem Maskottchen Roxy, einer getürmten Braut, über die Bühne - aller schlüpfrigen Metaphorik zum Trotz, die der Fußball-Jargon für das Aufeinandertreffen der Jungs und einer kurz gehaltenen Klasse eines Mädchen-Pensionats in einem Landgut am Plattensee bereithält.

Gesungen und getanzt wird prächtig. Die kokette Heldin spielt Christoph Marti.

Dabei prunkt das Bühnenbild von Stephan Prattes mit einem Riesenfußball, der wie der Vollmond im Sternenhimmel hängt, sich dann zu einer kitschigen Landhausfassade öffnet und schließlich sogar die obligatorische Showtreppe bereithält. Gesungen und getanzt wird zwar prächtig: Neben Christoph Marti als unwiderstehlich koketter Roxy, Tobias Bonn als Mannschaftskapitän Gjurka und Andreja Schneider als altjüngferlicher Pensionatsdirektorin ernten vor allem Uwe Schönbeck als knickriger schottischer Mixed-Pickels-Fabrikant und Jörn-Felix Alt als Tormann Hatschek begeisterten Szenenapplaus.

Insgesamt aber zieht sich der Abend vor allem in der ersten Hälfte, nicht zuletzt durch die vorhersehbaren Dialoge. Während man sich noch ausmalt, was Kosky wohl zu den Seitenhieben eingefallen wäre, die Abraham und seine Librettisten Alfred Grünwald und Hans Weigel gegen die Nazis austeilten, ziehen launig Tanznummer für Tanznummer vorbei.

Das spezifische Melodientalent Abrahams, seine moll-lastigen, immer ein wenig melancholischen Harmonisierungen, die gekonnte Mischung aus Csardás und Foxtrott, Jazzbatterie und Operettenschmalz ist zwar auch in dieser Fußball-Klamotte noch zu spüren. Als "Vaudeville-Operette" ist "Roxy" jedoch lockerer konstruiert als "Ball im Savoy", die einzelnen Nummern sind unverbunden in die gesprochen Szenen eingestreut. So mag es nicht nur an der etwas flachen Musicalästhetik von Stefan Huber gelegen haben, dass der Abend nicht recht zünden wollte. Die Pfister-Fans applaudierten dennoch lautstark.