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Oper:Zerrissen im Alp-Traum

"Stillhang", eine Hommage an Liesl Karlstadt in Erl

Von Egbert Tholl, Erl

Man muss schon nachfragen, wenn man bei den Festspielen in Erl noch eine Aussage über Gustav Kuhn hören will. Manche sagen dann, wäre er nicht so vorgestrig vernarrt ins eigene Genie gewesen und hätte vor zwei Jahren die Leitung ordentlich an eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger übergeben, dann hätten sie ihm noch eine Büste ins Festspielhaus gestellt, und sonst wäre nichts passiert.

Die Liesl Karlstadt hat ihre Büste bekommen, ein Jahr nach ihrem Tod. Als Brunnenfigur steht sie auf dem Münchner Viktualienmarkt. Bei der Einweihung haben sie die Bayernhymne gespielt. Wenn sie früher gestorben wäre und nicht eine eigene, späte Karriere gehabt hätte, dann hätte sie sich wahrscheinlich auch noch den Brunnen teilen müssen. Mit ihm, dem Karl Valentin, der sie als komische Figur erfunden und sie zur Geliebten und zur Bühnenpartnerin gemacht hat, jahrzehntelang, der ihr Geld in einer Schnapsidee von Gruselkabinett verjuxt hat, worauf sie, die ohnehin zart besaitete, in die Isar sprang. Das war 1935. Zwar wurde sie gerettet, aber die Risse in ihrem Inneren blieben. 1941 zog sich Liesl Karlstadt auf die Ehrwalder Alm zurück, hütete bei den Gebirgsjägern zwei Jahre lang Mulis, wurde als Obergefreiter Gustl einer von ihnen, wieder eine Hosenrolle wie bei Valentin, aber selbst gewählt.

Dort, auf der Alm, spielt "Stillhang", ein Musiktheater, das nun als Gastspiel in Erl seine Uraufführung feierte, aber eigentlich nach München gehört. Für Klaus Ortner, der das Libretto schrieb und Regie führt, und für den Komponisten Christian Spitzenstaetter, der auch das Orchester Komp.Art dirigiert, kam der Anstoß von Gunna Wendts Karlstadt-Biografie, dann kam Isabel Karajan dazu, die flackernd und aufregend die Liesl spielt. Zusammen fuhren sie zur Alm am Fuß der Zugspitze, trieben Zeitzeugen auf, Ortner las alles, was es von und über Karlstadt gibt, und verdichtete in den Szenen bei den Gebirgsjägern Zeitgeschichte mit dem Wesen einer Frau, die schon früh wusste, dass es ein Glück gibt, aber nur wenig davon für sie.

In vielen Momenten klingt Ortners Text wie Sperr, Schwab, wie von der Fleißer, harter, rauer Volksstück-Ton. In einem langen Monolog Karajans dräut Dunkles aus der Kindheit, die Gräuel, die die Gebirgsjäger vor allem in Griechenland anrichteten, werden vorweggenommen. Die jungen Soldaten, mit denen Liesl Theater spielt, gehen später hinaus zum Töten und zum Sterben. Ein Choral: "Morgenrot, Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod." Ortner braucht nur ein paar "Hoanzn", Gestelle zum Heutrocknen, um daraus ein Gräberfeld zu machen. Die Soldaten haben alle Stimmfarben bis zum Counter, die Musik hält sich im Hintergrund, klingt mitunter schön nach Weill oder Eisler, läuft aber manchmal leer in perkussiven Wiederholungsschleifen. Aber sobald gesungen wird, auch vom zarten Akkordeon, ist alles gut, und Karajans Liesl sowie der Text bleiben eh lang im Kopf.

© SZ vom 31.12.2018
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