Oper Wagner, der Rattenfänger

Wie kann man in der Figur des Beckmesser keine Karikatur eines Juden erkennen? Sänger Johannes Martin Kränzle mit Maske, die er später ablegt.

(Foto: Enrico Nawrath/dpa)

Bei der bejubelten Eröffnung der Bayreuther Festspiele nimmt der jüdische Regisseur Barrie Kosky die "Meistersinger" als komische Oper ernst - und lässt sie bei den Nürnberger Prozessen enden.

Von Reinhard J. Brembeck

Ein Schriftzug in verwaschener Schreibmaschinentypografie informiert das Publikum schon während der Ouvertüre darüber: Wir befinden uns gerade im Jahr 1875 und blicken in den menschenleeren Salon von Richard Wagners Bayreuther Villa Wahnfried. Der Meister geht gerade mit seinen Hunden Gassi. Und seine Gattin Cosima liegt mit Migräne im Bett. Zudem werden erwartet und erscheinen auch bald: Cosimas Vater, der Komponist Franz Liszt, sowie der Erzwagnerianer und Stardirigent Hermann Levi, der 1882 den "Parsifal" als die erste Bayreuther Uraufführung dirigierte.

Was sich wie ein fades, hagiografisch-historisches Setting liest, gerät dem Regisseur Barrie Kosky - er leitet die Komische Oper in Berlin und ist als frecher, musicalverliebter Theatermacher berühmt - zu einem aufgedrehten Musikkabarettklamauk. Allerdings lässt dieser brillante Beginn erst einmal die eher beiläufig und pauschal vom Dirigenten Philippe Jordan im Orchestergraben angeleitete Musik vergessen. Aber das Publikum im Bayreuther Festspielhaus amüsiert sich zur Eröffnung der Festspiele köstlich mit den sonst gern drögen, langatmigen "Meistersingern von Nürnberg". Das Stück firmiert zwar als komische Oper, durfte es aber nie sein - bis es Barrie Kosky in die Hände fiel.

Cosima hat Migräne, und die Familie spielt "Deutschland sucht den Superstar"

Der Baritonsänger Michael Volle gibt hinreißend verdruckst den Haustyrannen, Ego-Exzentriker, Antisemiten und Hobbystaats- und Kunsttheoretiker Richard Wagner. Dessen Hunde sind so knuddelsüß wie seine Kinder, seine exaltierte, überempfindliche Gattin Cosima ist ganz die verhuschte Gefährtin seiner Größe. Wenn der Dramatiker Henrik Ibsen Komödien hätte schreiben können, dann würden sie so ausgesehen haben. Und Kosky setzt noch eins drauf, indem er alles wie eine Parodie auf sich ohnehin selbst parodierende Shows à la "Deutschland sucht den Superstar" inszeniert. So werden selbst viereinhalb "Meistersinger"-Nettomusikstunden zum Rasanttheater.

Bayreuther Festspiele Bronze in Bayreuth Bilder
Roter Teppich der Bayreuther Festspiele

Bronze in Bayreuth

Nicht nur die Kanzlerin greift zu Bewährtem, selten war der rote Teppich der Wagner-Festspiele so langweilig. Zum Glück gibt es Karin Seehofer und Schwedens Königin Silvia.

Doch trotz aller spießigen, urfränkischen Gemütlichkeit ist dieses Stück kein Familien-, sondern ein Arbeitstreffen - wie es so nie stattgefunden hat. Aber das kümmert den Unterhaltungsgroßmeister Kosky natürlich ganz und gar nicht. Die historischen Figuren sind ihm Abschussrampe für seine Bühnenwitze und eine zunehmend perfide Familienaufstellung, die an der Mischpoke der Wagners kein gutes Haar lässt. Bei Barrie Kosky probt Wagner in der Villa Wahnfried die "Meistersinger", und alle müssen mitmachen. Er selbst gibt den schuhmachernden Pop-Poeten Hans Sachs, seine Cosima die etwas unbedarfte und dauerverliebte Eva, Liszt deren Vater Veit Pogner und Hermann Levi den Chefkritiker und Pedanten Beckmesser.

Aber ganz so schlicht eins zu eins geht es Gott sei Dank nicht weiter. Kosky hat nämlich genau gesehen, dass sich der durchaus nie uneitle Wagner in den "Meistersingern" gleich zweimal selbst porträtiert. Einmal in dem längst gesellschaftlich etablierten alten Volkstribunen Hans Sachs, zum anderen in dem jungen Schnöselavantgardisten und Menschheitsverächter Stolzing, der mit seiner Kunst alle vor den Kopf stößt. Schließlich trat Wagner, der als Musiker ein spätberufener Außenseiter war, ja selbst so an, und er hat sich wohl immer einen Sachs als väterlichen, verständigen Förderer seiner Kunst gewünscht.

Der Sänger Klaus Florian Vogt, es ist eine seiner großen Meisterleistungen, gibt den Stolzing lässig und präpotent. Phänomenal, wie unangestrengt er die horrend schwere Partie hinkriegt, bei der seine Kollegen regelmäßig um ihre Contenance kämpfen. Vom Charakter wie von der Melodik her ist der Stolzing von Wagner als ein typisch italienischer Tenor-Macho angelegt, ironischerweise in einer vom Text her so entschieden deutschnationalen Oper, die ausgiebig gegen die "welsche", also die italienische und französische (Musik-)Kultur geifert. Vogt könnte noch etwas stringenter in der Linienführung sein und auch etwas mehr Tonmasse liefern, um diesen Widerspruch noch deutlicher zu machen.

Der erste große musikalische Höhepunkt ereignet sich kurz nach Beginn und zudem in einer Partie, mit der noch niemand je überzeugen musste. Die Rede ist von Daniel Behle, der die große gesangstheoretische Abhandlung - eine sehr unsinnliche Gattung - des Lehrlings David zu einer überwältigenden Charakterstudie verdichtet. Bei Behle verzweifelt ein von den Lehrern malträtierter Schüler an einem längst aus der Mode gekommenen, kunstfernen Dogmensystem, das nur mehr als pädagogisches Folterinstrument gebraucht wird, um jede Eigeninitiative zu ersticken. Jeder Ton ist dabei eine kunstvoll gedrechselte Offenbarung. Schade nur, dass der Dirigent Philippe Jordan, wie oft an diesem Abend, nie so recht auf seine Sänger eingeht und auch gern eine Spur zu laut ist.

Schade auch, dass Barrie Kosky mit den von Wagner bis zur Erschöpfung zelebrierten kunsttheoretischen Diskursen dieser Oper so gar nichts anzufangen weiß, obwohl die für den Komponisten ein zentrales Anliegen sind. Wagner versucht sich im künstlerischen Selbstresümee gleich an einer Reihe von Unmöglichkeiten: Er will Avantgarde (Stolzing) mit Tradition (Meistersinger) aussöhnen, Pop- mit Hochkultur, Raffinesse mit Ballermann. Das wird zwar als möglich behauptet, geht aber in der Bühnenwirklichkeit grundlegend schief. Deshalb sind die "Meistersinger" jenes geniale, typische Sammelsurium von Unvereinbarkeiten.