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Oper :Vulgärer Zauber

FEU

Liebesgott Cupido (Rüdiger Frank) wird, entgegen der Gewohnheit, als zerbrechliches Wesen dargestellt.

(Foto: Iko Freese)

Stefan Herheim inszeniert Jacques Offenbachs "Blaubart" an der Komischen Oper Berlin, wo das Stück einst für Deutschland entdeckt wurde.

Liebe und Tod, vulgo: Eros und Thanatos ziehen einen großen Theaterwagen über die dunkle und leere Bühne von Berlins Komischer Oper. Doch der Liebesgott Cupido ist hier nicht der gewohnte jugendlich lebensstrotzende Knabe. Gespielt wird er von dem kleinwüchsigen Schauspieler Rüdiger Frank. Als ein zerbrechliches, verwachsenes Wesen blickt dieser Cupido mit großen und ernsten Augen unter der zerzausten Lockenmähne in die Welt, die ihn arg malträtiert hat. Seine Flügel sind zerrupft. Unter der Last des Theaterkarrens bricht er zusammen. Wolfgang Häntsch als Tod ist dagegen ein polternder Hüne, der Cupido brutal über die Bühne schubst. Was haben beide in Jacques Offenbachs "Blaubart" verloren?

Der Regisseur Stefan Herheim ist bekannt für optisch überbordende Operndeutungen, in denen er sich nicht mit der Partitur begnügt, sondern oft aus Biografie und Entstehungsgeschichte zitierende Erzählebenen hinzufügt. Diese Mal aber muss der Erfolgsdruck für Herheim enorm gewesen sein. Denn die legendäre "Blaubart"-Inszenierung Walter Felsensteins, des Gründers der Komischen Oper, machte mit 369 Aufführungen zwischen 1963 und 1992 das Stück in Deutschland erst populär.

Zwei Jahre hat Herheim mit seinem Dramaturgen Alexander Meier-Dörzenbach und dem Dirigenten Clemens Flick daran gearbeitet, um den gesellschaftskritischen Witz von Offenbachs Parodie auf das Zweite Kaiserreich ins Heute zu retten. Allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Das Beste des fast dreieinhalbstündigen Abends ist die hinzuerfundene Rahmenhandlung mit dem unauflöslichen Streit zwischen Eros und Thanatos. Die beiden zaubern das historisierende Geschehen um den frauenmordenden Ritter und seine wiederauferstehenden Leichen aus ihrem Karren heraus, um es am Ende wieder darin verschwinden zu lassen.

Die neue Übersetzung ersetzt die schillernde Obszönität des Originals durch eine vulgäre Plumpheit, die auch immer wieder die Szene prägt. Um das vom sprühend-anarchischen Witz Barrie Koskys, Regisseur und Intendant der Komischen Oper, verwöhnte Publikum zu amüsieren, reicht es nicht, die Frauen Erotikgrimassen wie im Pay-TV ziehen zu lassen, dem Blaubart einen großen Penis ans Kostüm zu nähen und die vergiftete Ehefrau Nummer sechs mit einer unter den Reifrock geschobenen Plastikbanane wiederzubeleben.

Clemens Flick, der die musikalische Leitung kurz vor der Premiere aus künstlerischen Gründen an Stefan Soltesz abgeben musste, hat Stücke aus anderen Offenbach-Operetten eingefügt, die Nebenfiguren durch neue Gesangsnummern aufgewertet sowie zahlreiche Stilparodien und Zitate eingefügt. Das reicht von Smetanas "Moldau" über Wagners "Siegfried" bis zur DDR-Nationalhymne. Der Text verballhornt Zitate von Shakespeare bis Goethe und der höfische Trubel um den von Peter Renz hinreißend gegebenen König Bobèche beschwört Felsensteins Inszenierung.

Die Anspielungen auf den abgerissenen Palast der Republik und den Bauskandal ums Berliner Schloss sorgen für gelungene Momente. Dennoch fehlt es dieser Inszenierung, die beflissen alles erfüllen will, alles, was Operette ausmacht: Schwung, Charme und Leichtigkeit.

Abgesehen von Peter Renz wirken auch die Sänger trotz überwiegend schöner Stimmen starr und verkrampft: Sarah Ferede als derbe Boulotte, Vera-Lotte Böcker als Fleurette, Tom Erik Lie als Giftmischer Popolani, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als auch stimmlich eigentümlich blasser Ritter Blaubart. Stefan Soltesz dirigiert das Orchester der Komischen Oper zwar mit Tempo und Schmiss. Ein überschäumendes Offenbach-Vergnügen wird aber (noch) nicht daraus.