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Oper:Von der Lust, zermalmt zu werden

Salome Asmik Grigorian

Lieben, bis es wehtut: Asmik Grigorian als Salome.

(Foto: Ursula Kaufmann)

So hat man die "Salome" noch nicht erlebt: Asmik Grigorian überwältigt das Publikum der Salzburger Festspiele.

Von Reinhard J. Brembeck

Seit Anna Netrebko vor 16 Jahren in Mozarts "Don Giovanni" bei den Salzburger Festspielen die Besucher zu Ovationen hinriss und damit ihre Weltkarriere begründete, hat es hier keinen derart fulminanten Sängertriumph mehr gegeben wie den der Asmik Grigorian. Die junge Frau aus Litauen gibt eine Salome, wie sie sich weder Komponist Richard Strauss noch der Textlieferant Oscar Wilde je hätten erträumen können. Grigorians Salome hat nichts mit dem Fin de Siècle im Sinn, nichts mit Verworfenheit, Skandal, Orient oder Bordell. Diese Salome ist eine Frau der Gegenwart. Und sie formuliert das Begehren derart genau und überwältigend, dass der seit Jahren ausgerufene Tod der Liebe, die Agonie des Eros, annulliert zu sein scheint.

Asmik Grigorian ist in ihrem weißen, schlichten Kleid eine zickige, verwöhnte und gelangweilte Kindfrau, die nicht nur ihren lüsternen Stiefvater um den Verstand bringt. Romeo Castellucci - Bühnengenie, Regisseur, Ausstatter und Ausleuchter in Personalunion - hat die charakteristischen Arkaden der Felsenreitschule zumauern lassen und dadurch eine erdrückende Steintristesse geschaffen, aus der es kein Entrinnen gibt. Die Entourage des Stiefvaterpotentaten trägt graue Anzüge, selbst die einst so lebenslustige Mutter fügt sich dem Zwang zu gedeckten Farben. Hier Liebe und Begehren? Undenkbar.

Dann aber ertönt diese fordernde und anklagende Stimme aus den Katakomben und verändert Salomes Leben. Als der fanatische, daher weggesperrte Prediger Jochanaan erscheint (Salome trotzt die Begegnung mit ihrem Verwöhngirliewillen durch), wird ihr Wollen zermalmt.

Sie ist jetzt nur noch Begehren und Körper. Alles andere zählt nicht

Sie ist jetzt nur noch Begehren und Körper. Alles andere zählt nicht. Nur ganz selten konnten Schriftsteller dieses unbedingte Begehren derart schonungslos grundsätzlich in Worte einfangen wie Oscar Wilde. Damit begab er sich auf Augenhöhe zu den Großlyrikern der Erotik, Sappho und Konstantinos Kavafis. Ist es ein Zufall, dass diese drei Dichter Sänger der Homoerotik sind?

Romeo Castellucci lässt auf der Grundlage von Wildes Drama kein Klischee aus. Weiß kracht auf Schwarz, Kindfrau auf Proselyt, Machismo auf Verworfenheit. Ganz bewusst spielt Castellucci mit dem despektierlich gewordenen männlichen Blick auf die Frauen. Er treibt seine Sichtweise wie einen rostigen Spieß voller Widerhaken ins Bewusstsein der Zuschauer. So lange und so tief, bis der Unterschied zwischen Eros und Liebe sichtbar wird.

Alle sind davon gebannt, niemand im Raum kann sich der Wucht dieser Analyse und Enthüllung entziehen, die mit dem heiligen Ernst des Rituals das Geheimnis der Liebe enthüllt, das laut Wilde größer ist als das Geheimnis des Todes. Größer, grausamer, unbedingter, verheerender. Asmik Grigorian kann diesen Irrsinn spielen und singen. Sie geht nicht an Grenzen, sie hat keine. Die litauische Opernsängerin erzeugt Töne, die lodernd wie ein Fanal von jenem einzigen Urgrund künden, der dem Leben Sinn geben kann. " . . . aber die Liebe ist die größte . . . ", heißt es in der Bibel. Das beglaubigt Grigorian mit Leib und Stimme.

Nach der Aufführung fällt sie, mehr als erleichtert darüber, dass diese maßlose Selbstentäußerung gelungen ist, dem Dirigenten Franz Welser-Möst in die Arme, hält ihn lange und glücklich fest. Das ist so ungewöhnlich wie Welser-Mösts Dirigieren. Uneitler kann niemand seinen Sängern und der Regie zuarbeiten als Welser-Möst. Immer bewahrt er im Wahnsinn einen kühlen Kopf, dämpft, nimmt zurück, ziseliert. Dabei wäre es so leicht, sich in dieser Partitur dem fortwährenden Stürmen zu überlassen. Geradezu absichtlich betont Welser-Möst die konservativen Aspekte der Partitur, die Verklemmtheiten, Konventionen, Feigheiten, die dann vom "Rosenkavalier" an den Rückzug des Komponisten ins verbindlich Bürgerliche möglich machte, in dessen gezügeltere Erotik. Durch die aber immer die Unbedingtheit der "Salome" durchscheint. Als Erotiker ist Strauss dem in der musikalischen Logik stets kühleren Mozart überlegen.

Gerade weil Welser-Möst die ungewohnt luzide, dezent und elegant spielenden Wiener Philharmoniker immer zurücknimmt, kann das Wunder von Salzburg auf der Bühne überhaupt glücken. Können die allesamt intensiven Sänger Grigorian zuarbeiten: John Daszak, Julian Prégardien, Anna Maria Chiuri, Gábor Bretz, Avery Amereau. Immer wieder geht Möst einen Schritt zurück, setzt neu an. So verbrauchen sich die Energien und Kräfte nicht vor der Zeit, so wird für Grigorian die völlige Entladung der Kräfte tatsächlich erst im Schlussgesang ermöglicht.

Castellucci überschreibt den grausigen Realismus des Stücks mit Symbolen. Bald erscheint statt des ganz in Schwarz gehüllten Jochanaan ein lebendiges schwarzes Pferd. Traumdeuter werden an diesem Sinnbild für Leidenschaft und Weisheit ihre Freude haben. Statt des stets peinlichen Schleiertanzes kauert ein fast nacktes Salome-Double gebondagt auf einem Altar und wird von einem Steinquader zermalmt. Exakter kann niemand beschreiben, wie der Eros wirkt. Zuletzt wird Salome der abgetrennte Kopf des Pferdes gebracht und der kopflos nackte Körper Jochanaans. Das Begehren der Frau hat den Geliebten zerrissen. Und Strauss hatte im genialsten Moment seines Lebens die Kraft, diese für Liebende alltägliche Extremerfahrung zu vertonen: "Ich hab deinen Mund geküsst ... Hat es nach Blut geschmeckt? Nein! Doch es schmeckte vielleicht nach Liebe ..."

Die Salzburger "Salome" wird am 11. August um 20.15 Uhr auf 3sat gesendet.

© SZ vom 30.07.2018
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