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Oper:Völker, lebt gefährlich!

Oper "Babylon" an der Berliner Staatsoper //Credits: Arno Declair

Jörg Widmanns Oper "Babylon" bietet so ziemlich alles von Sintflut über Weltkatastrophe bis hin zur Liebesorgie.

(Foto: Arno Declair)

Jörg Widmann hat seine auf einen Text von Peter Sloterdijk geschriebene "Babylon"-Oper für Berlin überarbeitet, aber noch immer herrscht einiges Pathos.

Im Oktober 2012 brachte die Bayerische Staatsoper ein Stück Musiktheater heraus, das mit Spannung erwartet wurde. Jörg Widmann, der 1973 in München geborene Tonsetzer, hatte den Kulturphilosophen Peter Sloterdijk dazu überredet, ihm das Libretto zu einer Babylon-Oper zu schreiben. Das vom Alten Testament zehrende Sujet verhieß welthistorischen und ideologiekritischen Erkenntnisgewinn, obendrein Sinnenlust in Sachen Laster, Gewalt und Größenwahn. Grandios zu beschwören war die Sintflut, die "Große Hure" Babylon. Dem biblischen Laszivitäts- und Katastrophenszenario aber wollten Sloterdijk und Widmann das moderne Bild von einer multikulturellen Gesellschaft in der vorantiken Metropole entgegensetzen. Ein Spektakel fürs Oberseminar.

Ergebnis und öffentliche Resonanz konnten sogar das Münchner "Babylon"-Team, mit Kent Nagano am Pult, in der Regie von Carlus Padrissa von La Fura dels Baus, mitnichten zufrieden stellen: Tatsächlich ächzte das Stück unter der Last mythologisierenden Kraftmeiertums, unter dem in Sprache und Musik enorm aufgeladenen Pathos. Sodass der Komponist sich irgendwann an eine Umgestaltung machte, mit Kürzungen und neuen instrumentalen Übergängen. Und, so Widmann, durch "die Profilschärfung der Chorgruppen". Die Berliner Staatsoper hatte plötzlich ihre nächste Uraufführung, die Daniel Barenboim wegen gesundheitlicher Probleme, so hieß es, nicht dirigieren konnte. Einspringer Christopher Ward, der bei der Münchner Aufführung mitgewirkt hatte, steuerte jetzt souverän durch die massige Partitur.

"Die Lust am überbordenden Klang" sei es gewesen, sagt der Komponist heute, die ihn einst zu der Babylon-Oper gedrängt habe, als sein Thema benennt er die "musikalisch-orgiastische Vielfalt". Darin liegen Vorzüge und Probleme auch der Neufassung: Widmann beherrscht zwar immer kontrollierter die Erzeugung raffinierter instrumentaler Formen, Klangcharaktere und Orchesterfarben, aber er versetzt die Klangbilder oft und gern in ein für Musiker und Hörer strapaziöses Dauerprasseln, der die Blechbläser und reich besetzten Schlagwerker der Staatskapelle zu beängstigender Lautstärke verführt.

Dank einer sehr langen dramatischen Auseinandersetzung mit der Figur des Tod, den der geniale Otto Katzameier zur aufregendsten Konfliktfigur der Oper macht, gelingt Tammus Freigabe, die ins finale Liebesglück mündet.

Problematisch weiterhin die Dramaturgie und schwergängige Handlung der dreistündigen Oper in sieben Bildern: Der jüdische Exilant Tammu, hier mit der gleißend hellen Tenorstimme von Charles Workman, leidet unter dem Tannhäuser-Syndrom, denn er fühlt sich zwar der Figur der reinen "Seele" nahe, die Mojca Erdmann in höchste Sopranhöhen entschweben lässt, aber viel stärker wird er in Bann gezogen von einer attraktiven Babylonierin namens Inanna. Sie ist die lustvoll herrschende Frauenfigur des Stücks und erfährt durch Susanne Elmarks mächtigen Sopran schillernde, durchdringende Präsenz. Die Sintflut wird durch den personifizierten Euphrat als Weltkatastrophe manifest, Marina Prudenskayas gibt dem Fluss den aufgewühlten Klageton.

Widmanns "Babylon" ist zugleich berstend bunte Choroper, bei einem "Neujahrsfest" prallen die Kollektive der Babylonier und Juden krachend aufeinander. Überhaupt frönt der Komponist seiner Lust an musikalischen Stil- und Formmixturen, da kann der Bayerische Defiliermarsch in die postmoderne Klangflut einschießen. Die kleine Bühne der Berliner Staatsoper platzt aus allen Nähten, Andreas Kriegenburg füllt sie dank routinierter Chor- und Personenregie, Harald Thor hat sie mit einer großen Wand aus auf- und abfahrenden Kästen ausgestattet, in denen sich die Chorleute drängeln.

Die Handlung ufert aus, weil den zornigen Babyloniern das Götteropfer verschafft wird: Der Jude Tammu wird gefangen und getötet. Als Priesterkönig kann John Tomlinson eindrucksvoll auftrumpfen. Nun ereignet sich der umgekehrte Orpheus-Mythos, denn die Frau, Inanna, ist es, die den toten Mann, Tammu, aus der Unterwelt befreien will. Dank einer sehr langen dramatischen Auseinandersetzung mit der Figur des Tod, den der geniale Otto Katzameier zur aufregendsten Konfliktfigur der Oper macht, gelingt Tammus Freigabe, die ins finale Liebesglück mündet.

Im Nachspiel erscheint der apokalyptische Skorpionmensch es Babylon-Beginns, um sich selbst zu stechen.

An das anfangs zerstörte tragische Babylon denkt der Zuschauer beim letzten Bild, "Der neue Regenbogen", eigentlich nicht mehr, die Liebesgeschichte mit Höllenbefreiung entwickelte ihren Sog. Es folgt das finale, das triumphale Heilsversprechen, der musikalische Horizont glänzt in tonalen Harmonien. Dann geht das Saallicht an, eine Kinderstimme sendet Sloterdijks Verse in die nach Visionen dürstende Jetztzeit der Menschheit: "Ihr Völker, lernt gefährlich leben. Baut Häuser, die schwimmen, baut Städte, die schweben".

Das nun vollständig versammelte riesige Ensemble jubiliert endlich, nach so viel intellektuell verknoteter Dramenmühsal, in wilder Wohlfühl- und gelinder Kitschnähe. Im Nachspiel erscheint der apokalyptische Skorpionmensch (Andrew Watts) des Babylon-Beginns, um sich selbst zu stechen, bevor zwei Kinder, ganz wie im "Wozzeck", den Zukunftstrost spenden.