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Oper:Überbordend

Requiem für einen Lebenden

Drei der Musiker, hier mal beim Lauschen alter Radioapparate, mittels derer ein klein wenig vom Draußen in die Zelle dringt.

(Foto: Wilfried Hösl)

Festspiel-Werkstatt: "Requiem für einen Lebenden"

In der letzten Produktion erfüllt sich dann doch der Labor-Charakter der Festspiel-Werkstatt der Bayerischen Staatsoper. Vier verschiedene Musiktheaterabende in der Reithalle, einer in der Alten Pinakothek, da konnte man schon auch auf die Idee kommen, dass das Bekenntnis der Staatsoper zum zeitgenössischen Experiment ein vorbeihuschendes ist. Ist es möglich, vier Uraufführungen innerhalb eines Monats in ein und derselben Spielstätte perfekt zu betreuen? Nicht, dass es je an der technischen Umsetzung etwas zu bemängeln gegeben hätte, nein, die Frage ist, ob nicht jedes einzelne Stück mehr dramaturgische, künstlerisch Rat gebende Unterstützung gebraucht hätte, um das ihm innewohnende Potenzial auszuschöpfen. Aber vielleicht ist das der Werkstatt-Charakter.

Auch zum "Requiem für einen Lebenden" fielen einem sofort ein paar eventuell gewinnbringende Verbesserungsvorschläge ein. Aber in ihrer Wüstheit, dem Tohuwabohu im Einsatz der Mittel, der Gleichzeitigkeit völlig disparater Dinge, der partiellen Wucht ihrer Wirkung ist die Aufführung erst einmal imposant.

Manuel Schmitt befasste sich seit mehreren Jahren mit dem Fall Gerald E. Marshall, der seit 15 Jahren in Texas in der Todeszelle sitzt, verurteilt wegen Mordes bei einem Raubüberfall auf einen Burger-Laden. Die Täter waren zu dritt, Marshall erhielt allein die Todesstrafe, beteuert, nicht geschossen zu haben. Fast zur selben Zeit, als das Urteil gefällt wird, kommt sein Sohn zur Welt. Gesehen hat er ihn bislang nur durch das Glas der Besucherzelle.

Schmitt reiste nach Texas, drehte über Marshall einen Film, wollte Oper, erbat sich von Reto Finger ein Libretto und von Felix Leuschner Musik. Der Text ist ein funkelndes Panoptikum über eine Jugend in prekären Verhältnissen, die Gedanken eines Menschen, der in seiner Einsamkeit nicht einmal schöne Erinnerungen mitnehmen konnte, die zynischen Mechanismen eines Strafvollzugs, zu denen gehört, dem Todeskandidaten nicht den Zeitpunkt der Hinrichtung mitzuteilen, ihn jahrelang in Ungewissheit zu lassen, bis er praktisch ums Sterben bettelt. Nur sein Sohn hat einen Traum einer poetischen Flucht.

Auf dem Weg zur Bühne, ein plastikplanenverhangenes Viereck mit Kritzeleien, schoben sich dann Text und Musik und Aktion zu einem schwer dechiffrierbaren Konvolut zusammen, aus dem der Schauspieler Ben Daniel Jöhnk mit toller Sprache und Körperlichkeit hervorsticht. Er wird umgarnt von zwei sich in Expression verlierenden Damen, Salome Kammer und Adriana Bastidas-Gamboa, die den Text in mikroskopische Partikel zerlegen, während sieben Musiker, unter ihnen Leuschner als Live-Elektroniker, einen mit tausend Zitaten angereicherten Klang- und Rhythmusmotor anwerfen. Das ist eine Zeit lang furios, dann nivellieren sich die Mittel gegenseitig. Schade.