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Oper:Triller und Tod

Masnadieri

Die Chance der Liebe wäre da – bevor er sie ersticht: Charles Castronovo als Carlo, Diana Damrau als Amalia in der Münchner Neuinszenierung.

(Foto: Wilfried Hösl)

Zweifelhaftes Vergnügen: Die Bayerische Staatsoper zeigt eine Neuinzenierung von Giuseppe Verdis Frühwerk "I masnadieri" nach Schillers "Räubern". Es ist ein Sängerfest, das dem Ernst der Lage aber nicht gerecht wird.

Passend zum Weltfrauentag wird am Ende der Münchner Staatsopernpremiere die Heldin von dem sie innig liebenden Helden erstochen, aus Gründen der Ehre. Aber die Oper, auch Giuseppe Verdis selten zu erlebende Oper "I masnadieri", lebt von einem leichtfertigen Umgang mit dem Tod. Als zum Schlussapplaus Chor, Solisten und Dirigent in dem 2100-Plätze-Haus auf die Bühne kommen, nehmen sich alle an der Hand, Bussi links, Bussi rechts, und demonstrieren Gelassenheit angesichts der vorgeblich bloß draußen wütenden Seuche. Dieses Verhalten wird Gesundheitsminister Jens Spahn nicht gefallen, der am gleichen Tag die Absage von Großveranstaltungen mit über 1000 Menschen gefordert hat. Auch manche im Publikum sind irritiert.

Einen leichtfertigen Umgang mit dem Tod vor dem Schlussapplaus muss auch der Bühnencrew angekreidet werden. "I masnadieri", die eigentlich nur dann auf den Spielplan kommen, wenn sich eine Meisterkoloratursopranistin wie jetzt Diana Damrau dafür interessiert, nimmt den Plot aus Friedrich Schillers Jugenddrama "Die Räuber". Schnörkellos werden zu Beginn in drei atemlos einander folgenden Szenen die vier Hauptakteure vorgestellt, der gute Tenor-Bruder Carlo, der durch die Ränke seines bösen Bariton-Bruders Francesco in die Verbrecherunterwelt getrieben wird, sowie deren nicht besonders heller Bass-Vater Massimiliano und Carlos Sopran-Geliebte Amalia.

Mit dem Cello-Stachel gegen sexuelle Übergriffe: Das ist unfreiwillige Komik

Der Regisseur Johannes Erath aber betreibt zu diesem gern in düsteren Mollfarben gemalten Drama bloß eine harmlose Familienaufstellung in Schwarz-Weiß und mit wuselndem Butler. Gemütlich wie mit der Krinoline auf der Wiesn fahren ins Einheitsbühnenbild eines düsteren Herrensitzsaals sowohl Banketttische wie der grinsend greinende Räuberchor und der Sarg, in dem Papa Massimiliano schon früh und noch lebendig begraben wird. Die Brüder und Amalia sind oft doppelt und in ihrer Jugend zu sehen, sie werden von Schauspielern gedoubelt. Einmal erscheint der alleinerziehende Vater sogar mit seinen Söhnen als Babys auf dem Arm. Die Mutter jedenfalls, sie war wohl Cellistin, ist früh gestorben, ihr trauerbeflortes Porträt steht auf der Bühne. Als der Bösewicht Francesco Amalia sexuell bedrängt, da hält sie diesem skrupellosen, aber einknickenden Bösewicht erst das Mutterporträt als Schutzzauber hin und verteidigt sich dann mit dem Cellostachel. Das ist Slapstick von grandios unfreiwilliger Komik.

Der Ernst der Lage aber wird dadurch nicht deutlich. Für das Existenzielle, für das Aussichtslose diesen frühen, unmittelbar nach dem sich in Psycho- und Physiograusamkeiten suhlenden "Macbeth" komponierten Stück hat der Regisseur keine Bilder. Sänger wie Orchester können dieses Defizit nur durch das allgemeine Ungefähr der oft aufgepeitschten, schwarzdunklen und immer tänzerischen Musik ausgleichen. Diana Damrau trillert, haucht Hochtöne, wiegt Melodien. Charles Castronovo ist ganz strahlender Tenorheld, seine Töne oft gepanzert drängend. Manchmal aber auch kann er die Stimme zurücknehmen, dann deutet er Verzweiflung an und Aussichtslosigkeit. Wenn die beiden, Amalia & Carlo, sich im dritten Teil der nur zweistündigen Oper erstmals begegnen, kommt endlich Innigkeit auf, mögliches Glück. Dass der Mann die Frau dann aber erstechen muss...

Anders als bei Schiller wird bei Verdi bloß behauptet, dass das Unterweltsleben des Carlo ihm jede bürgerliche Existenz und damit das hier ersehnte eheliches Standardglück verstellen wird. Das mag einst so gewesen sein, als ein Gangsterglück à la Bonney und Clyde nicht vorstellbar und die solch ein Glück feiernde "Dreigroschenoper" noch nicht komponiert war. Doch die historische Distanz zwischen Schiller, Verdi und heute ist gewaltig. Die Amalia, ganz ans Häusliche und an die Liebe gefesselt, ist allzu uninteressant als dramatische Figur. Sie hat nichts von der Abgefeimtheit und psychischen Labilität der Lady Macbeth und auch nichts von der unbedingten Liebessehnsucht der Traviata: diesen beiden grandiosen Frauenfiguren Verdis bleibt sie auch musikalisch unterlegen.

Mächtige Stimmen, brodelnde Leidenschaften - ist das alles?

Der böse Bruder Francesco ist vor allem böse, was Igor Golovatenko mit heftigen Tönen beglaubigt, so wie Mika Kares als Massimiliano die allzu späte Altersmilde des Übervaters mit balsamischen Tönen versieht. Wer das als Sängerfest goutieren kann, der ist damit am besten bedient. Wer aber von der Oper mehr erwartet als nur mächtige Stimmen und brodelnde Leidenschaften, die Dirigent Michele Mariotti federnd, oft mit Gespür für Nuancen und nur ganz selten brachial aus dem Orchester und dem alles und alle überragenden Chor entlockt, den wird dieser Abend nicht beeindrucken.

Jenseits der Auslassungen des Librettos begegnet dem Zuschauer im Carlo ein Intellektueller mit feinem Gefühl für Naturschönheit, die Liebe, moralischen Gerechtigkeitssinn und einem unreflektierten Hang zur Misogynie. Solch eine Gestalt ist doch nach wie vor aktuell, diese Aktualität könnte auch jenseits des Regietheaters leicht aufgefaltet werden. Wenn der Chor musikalisch vergnügt tänzelnd von Mord und Vergewaltigung trällert, dann wäre es ein Leichtes, diese grausigen Vergnügungen szenisch zu konterkarieren. Genauso wie der in letzter Sekunde erfolgte Mord an Amalia einfach weggelassen werden könnte, weil er dramatisch durch nichts vorbereitet wird und hier nichts als Effekt ist. Während er bei Schiller, aber das ist dezidiert ein anderes Stück, das erlösende Ende einer langen Apokalypse auf Erden ist.

© SZ vom 10.03.2020

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