Oper Rückgewinnung des Paradieses

"Selbstermächtigung" mit Caspar Singh, Oleg Davydov, Musiker des Bayerischen Staatsorchesters.

(Foto: Wilfried Hösl)

Die Festspiel-Werkstatt versucht sich am Ungewöhnlichem

Von Egbert Tholl

Noch haben die Münchner Opernfestspiele gar nicht begonnen, schon gibt es sie. In Form der Festspiel-Werkstatt, einem mittlerweile etablierten Labor für ungewöhnliche Formen des Musiktheaters. Beheimatet ist die Werkstatt zumeist in der kulturell eher vor sich hindümpelnden Reithalle. Erst war das Gärtnerplatztheater hier, nun wird wenigstens im Sommer die Halle ihrer Schönheit entsprechend genutzt, bietet mit "Eva und Adam" auch ein enormes Raumereignis. Doch bevor dort 30 Jugendliche unter der Anleitung von Jessica Glause ihre Gedanken zum Paradies ausbreiten, geht es am Tag davor erst einmal in die Alte Pinakothek.

Die Sonderausstellung, die dort Caravaggio und vor allem die Werke der von ihm inspirierten Maler aus Utrecht zeigt, ist ja an sich schon eine Inszenierung. Eine der effektvollen Beleuchtung und dieser Bilder, die, obwohl viele Bibelszenen darunter sind, echte Menschen zeigen, deren Emotionen und Hautfalten. Einige der Bilder zeigen Szenen, in denen jemand tätig wird, David erschlägt Goliath, Christus vertreibt die Händler aus dem Tempel, Judith schlägt Holofernes das Haupt ab. Viele jedoch zeigen auch Genrebilder und Heilige ohne große eigene Tatkraft. Nichtsdestotrotz waren erstere der Auslöser für die Werkstatt-Inszenierung hier. Die heißt "Selbstermächtigung" und stellt den Bildern Musik gegenüber.

Bis auf eine Ausnahme - Monteverdis "Lamento della Ninfa" - keine Musik aus der Zeit, in der die Bilder entstanden. Das wäre das ganz frühe 17. Jahrhundert. Händel, hier stark vertreten, Conti, Bach, Schubert ohnehin, komponierten natürlich (viel) später. Vielleicht war da der Hauptgedanke irgendwie Barock, passt schon, vielleicht sollte der Inhalt der Arien und Ensembles zum Inhalt der Bilder passen. Aber was hilft das, wenn man eh kein Wort versteht und es zu dunkel ist, um den Text mitlesen zu können. So entsteht eher ein wohliges, synästhetisches Aroma, das am spannendsten dann aufgelöst wird, wenn die vier Sängerinnen und Sänger nacheinander Berios "Folksongs" singen, modernisierte, archaische Volkskunst.

Die Sopranistin Anna El-Khashem verzaubert und liest ein Textlein der Aktivistin Greta Thumberg vor; die Mezzosopranistin Niamh O'Sullivan entzückt, Casper Singh und Oleg Davydov bewegen sich furchtlos durch die Menge und die lichtspendenden Statisten. Es ist zu eng, um das angesungene Bild zu sehen, irgendwo erahnt man die Sänger. Die Musik, arrangiert für Geige, Akkordeon und Fagott ist fabelhaft schön. Aber: Wehe, man ermächtigt sich eines eigenen Wegs. Dann passt eher der Titel "Viehtrieb vor Bild".

Tags darauf spielt ein jugendliches Orchester Haydn und Animierendes von Benedikt Brachtel, erzählen die Jugendlichen von Schöpfung und Paradies, münden in die Vertreibung aus selbigem. Die jungen Menschen sind toll und mutig, ihre Sätze echt, Splitter ihrer Fluchtgeschichten erschütternd. Eine perfekte Schul-Show über Feminismus, Klima, Krieg, Rassismus und Rollenbilder mit am Ende entwaffnend naiver Utopie.