bedeckt München 11°
vgwortpixel

Oper:Profane Maria

Die Sängerinnen Amelia Scicolone (links) und Nikola Hillebrand als Sopranengel in Mannheims Marienvesper.

(Foto: Hans Jörg Michel/Nationaltheater Mannheim)

Calixto Bieito hat sich in Mannheim die "Marienvesper" von Claudio Monteverdi vorgenommen - und murkst.

Es ist ein Abend zu Ehren der Heiligen Mutter Gottes. Sie selbst bleibt aber stumm. Maria sitzt auf der Bühne herum und starrt wie eine Psychiatrie-Patientin leer ins Publikum. Ihre Haare hängen fettig herunter, ihr Kleid ist ein weißer Sack aus Baumwolle. Der katalanische Regisseur Calixto Bieito, der als radikaler Provokateur gilt, hat am Mannheimer Nationaltheater in der "Marienvesper" von Claudio Monteverdi ein bleiches Mäuschen ins szenische Zentrum gestellt. Die junge Schauspielerin Simone Becherer leiht der bekanntesten Frau der abendländischen Kulturgeschichte ihr Gesicht.

Ihre erste Handlung ist ein Kuss. Mit dem Rücken zum Publikum greift sie nach den Lippen des schwedischen Gasttenors Kristofer Lundin - verständlich, schließlich singt er wunderschöne Koloraturen. "Himmel, höre meine Worte", fällt ihm da noch ein. Wenig später hält sich Maria am Unterleib fest, nimmt den Segen von rechts und links entgegen und lacht, dass sich ihr ganzer Körper schüttelt.

Dieses Bild ist eines von Bieitos stärksten, weil es so pur und köstlich unschuldig ist. Stark sind auch die beiden Engelsgestalten, die von den Sopranistinnen Amelia Scicolone und Nikola Hillebrand liebevoll gespielt werden. Scicolones Stimme ist kräftig und biegsam, Hillebrands strahlt eine ätherische Eigenheit aus, beide verbinden sich zu einem spannenden Duo. Ansonsten greift Bieito sehr tief in die Regieeinfallskiste und bringt Dinge zutage, die neben der Größe der Komposition plump wirken. Als die beiden Engel die "Sonata sopra Sancta Maria" singen, Erhabenheit in Stimme sozusagen, lässt Bieito sie aus einer großen weißen Pappkiste mit Geburtszangen kunstblutverschmierte Babyborn-Puppen herausholen.

Gegensätze kann er aber auch besser. Zum Beispiel wenn er mit Slogans wie "Ecce homo" auf T-Shirts an die Femen-Aktivistinnen erinnert und mit dem Gedanken kokettiert, dass Blasphemie und höchste Ehrerbietung in gewisser geistiger Verwandtschaft zueinander stehen.

Monteverdi hat die "Marienvesper" 1610 publiziert, sie ist liturgische Musik, lebt aber auch von Drama, Bildern und polyphonen Gesängen. Der Chor des Nationaltheaters bildet eine gute tragende Basis, Bieito nutzt auch die Möglichkeiten der Bühne und verteilt die vielen Stimmen, teilweise bis zu zehn gleichzeitig, im Raum. Trotzdem stellt sich nicht der übliche monumentale Eindruck des Sakralen ein. Das Barockorchester "Il Gusto Barocco" unter der Leitung von Jörg Halubek stellt einen intimen Klang her. Die Musik ist für den profansten aller Räume, die Theaterbühne, gezähmt worden, die Orgel verpufft leider im Riesenraum des szenischen Surround oder wird schlicht von Szenengeräuschen übertönt. Die bis zu acht Solopassagen sind ständig in Bewegung, die Noten klettern empor und kugeln wieder herunter. Narration sucht man vergeblich, man wohnt einem einzigen Moment bei, in Tausende von Noten aufgesplittert.

© SZ vom 18.12.2018
Zur SZ-Startseite