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Oper:Mürbes Puppenspiel

Gefühle vom Trödelmarkt der Romantik: Edgaras Montvidas in der Rolle des Grafen Egmont, im Hintergrund der Arnold Schoenberg Chor.

(Foto: Monika Rittershaus)

In Wien wurde Christian Josts Oper "Egmont" uraufgeführt. Vor lauter handwerklichem Pflichtbewußtsein bleibt dabei die Kunst auf der Strecke.

Es dauert fast eineinhalb Stunden, bis der einem Politmord zum Opfer fallende niederländische Freiheitsheld Egmont sich endlich mit einem packenden Tenor-Chor-Tableau emanzipiert und in die Herzen des Publikums im Theater an der Wien hineinsingt. Davor ist alles Grau, These, Apokalypse, Stillstand. Weil sich das Männeropernmacherquartett des Abends - Komponist Christian Jost, Textdichter Christoph Klimke, Dirigent Michael Boder, Regisseur Keith Warner - allzu verkeilt hat in die historisch übermächtige Bildungsbürgerbürde seines Themas. Ein Thema, in dem sich Wolfgang Goethes Drama "Egmont" trifft mit Ludwig van Beethovens dafür komponierter Bühnenmusik, mit dem Theater an der Wien, wo die Frühfassungen von Beethovens legendärer einziger Oper "Fidelio" uraufgeführt wurde, dessen Orchesterbesetzung Jost für seine dramaturgisch traditionelle Oper übernahm.

Das 250. Beethoven-Geburtstagsjubiläumsjahr ist zwar erst sechs Wochen alt, wirkt aber jetzt schon erschöpft. Es gibt keine neuen Erkenntnisse und keine neuen Interpretationsansätze zu vermerken, die immer gern gespielten Werke Beethovens werden nach wie vor gespielt, die unbekannten Stücke interessieren niemanden. Da ist die Idee, Beethoven mit einer Freiheitsoper eine Hommage zu widmen, nicht abwegig. Doch die Wiener Opernmacher sind weder frech noch humorvoll noch aufsässig noch revolutionär genug, um dem Stoff über den beginnenden Aufstand der freiheitsliebenden Niederländer gegen die bornierte spanische Besatzungsmacht neue oder gar triftige Aspekte abzugewinnen. Stattdessen machen sie bloß brav Oper, die weder aufrüttelt, noch verstört, noch provoziert und in keinem Moment eine Anbindung ans Heute sucht.

Der Wiener "Egmont" steht von Anfang an am Abgrund. Keith Warner, ein eleganter Opernbebilderer, bringt weiße Kostüme des Spätfeudalismus mit einem schwarzen Interieur zusammen, auch viele schwarze Kraniche sind unterwegs. Von Freiheit und Verfassung wird zwar ausgiebig gesungen, aber der Konflikt dahinter, ist in der extremen Knappheit des Librettos verschütt gegangen. Ganz abgesehen davon, dass sich eine Oper noch weniger als das Schauspiel als ein diskursives Medium eignet. Schon gar nicht, wenn die verhandelten Ideen nicht als Personen und in den Klang gebannt daherkommen.

Den Egmont, bei Goethe ist er ein populärer Lebemann und Hobbyrevolutionär, zeigt Edgaras Montvidas als einen frustrierter Parteisekretär. Sein spanischer Widersacher Alba ist ein brutaler und zu jedem Mord bereiter Machtpolitiker, dem selbst Bo Skovhus keine Nuancen dazuzaubern kann. Die von den Spaniern unterjochten Niederlande und ihre Freiheitstendenzen sind nur ein mürbes Puppenspiel, in dem Angelika Kirchschlagers sich durchlavierende Statthalterin eine hilflose Figur abgibt, während ihr Sekretär Macchiavell bei Károly Szemerédy ein augenrollender Comicbösewicht sein darf. Die Gefühle sind auf dem Trödelmarkt des Pathos und der Romantik erworben. Doch die wunderbare Maria Bengtsson kann mit konzentriertem und oft wundervoll leisem Sopran Egmonts Geliebte schlicht und tief empfunden beglaubigen, während die herbe und intensive Theresa Kronthaler als Albas Sohn leider etwas stiefmütterlich vom Komponisten bedacht wurde.

In Wien brennt niemand für die Niederlande und schon gar nicht für die Freiheit. Der Lust- und Erkenntnisgewinn bleibt auf dem Niveau einer Deutsch- oder Geschichtsstunde, die ihre Schüler weder zu Revolutionären und noch zu Kunstanbetern macht. Im geglückten Versuch, alles handwerklich richtig und solide zu machen, geht, wie in solchen Fällen üblich, die Kunst vor die Hunde, die Musik malt gekonnt Schrecken. Großer Beifall, vor allem auch für den Arnold-Schoenberg-Chor, der immer wieder lockend schöne Tableaux hinzaubert.

© SZ vom 20.02.2020
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