Oper Mittelalter im Retro-Look

Die Blumenkinder feiern ein Hippie-Fest: Sabine Noack als Ariodante und Maria Pitsch als Ginevra mit dem Opernchor des Niederbayerischen Landestheaters in "Ariodante".

(Foto: Peter Litvai)

Stephen Medcalfs "Ariodante" in Passau wirkt über weite Strecken wie eine Karfreitagsprozession

Von Rudolf Neumaier, Passau

Die Passauer Redoute verfügt über einen hinreißenden Opernsaal aus dem 18. Jahrhundert. 330 Plätze, zwei Ränge, die Wände nach Stil und Geschmack jener Zeit bemalt, die Decke ein unendlich blauer Himmel, Bühne und Graben ideal dimensioniert für eine Barockoper. Für dieses Theaterkästchen müssten die Passauer dem Erbauer, dem nach heutigen Klerusmaßstäben bewundernswert kulturbeflissenen Fürstbischof Josef Franz Kardinal von Auersperg, jeden Tag Rosen in die Domgruft legen. Eine Händel-Oper im Passauer Stadttheater: Da sollten sich zwei Attraktionen zu einem Hochamt auf den Genius loci zusammenfügen.

Georg Friedrich Händels "Ariodante" ist eine Mischung aus mittelalterlichem Epos und reinem Märchen. Rückte man dem Libretto mit statistischen Berechnungen zuleibe, ginge es zu 47 Prozent um Liebe, zu 47 Prozent um Suizidgedanken, zu fünf Prozent um Machtgier und beim Rest um die Moral von der Geschichte: "Sa trionfar virtute in ogni cor." Die Tugend kann in jedem Herzen siegen. Ariodante und Ginevra lieben sich, der König, gibt seinen Segen. Allein der böse Polinesso funkt per Intrige dazwischen. Er unterliegt.

Was für eine Gelegenheit für Regisseure, die Geschichte mit eigenem Spielwitz aufzumöbeln. Allein der Brite Stephen Medcalf behandelt den sagenhaften Stoff, als hätte er ein Oratorium auf die Bühne zu stellen, bei dem es gotteslästerlich wäre, Charaktere zu überzeichnen. Seine Inszenierung wirkt unfreiwillig betulich wie die Ritterfilme aus den Fünfzigerjahren. Damals bliesen sie jeglichen Spaß mit der Fanfare beiseite und ließen die Helden mit dem Schwert für Liebe, Ehr' und Tugend kämpfen. Mit einem Schwertkampf in schwerem Harnisch, an dessen Ende Polinesso abgestochen wird, beschwört Medcalf diesen theatralischen Retro-Look. Willkommen auf dem Mittelaltermarkt. Immerhin schickt er Ariodante und Ginevra auf eine Landpartie in eine Hippie-Kommune. Vor einem Bühnen-Prospekt, der aus einem Batik-Kurs der örtlichen Volkshochschule stammen könnte, kiffen sie mit den Nymphen aus dem Opernchor. Endlich ein Märchen, doch es wirkt wie aus der Inszenierung gefallen.

Das Stück hat Händel im Jahr 1734 für das königliche Opernhaus Covent Garden komponiert. Er gab sich viel Mühe, denn das konkurrierende King's Theatre am Haymarket reüssierte gerade mit dem Kastraten Farinelli - einem Weltstar. Händel vertraute auf seine Kunst, die ganz großen Gefühle in Noten zu bannen. In diesem Fall vor allem Harm und Betrübnis. Die Dirigentin Margherita Colombo und die Niederbayerische Philharmonie gehen Händel auf den Leim: Sie lesen die Partitur über weite Strecken als Karfreitagspassion. Dabei verhandelt "Ariodante" immer noch profane menschliche Befindlichkeiten und müsste als Oper jederzeit leichter, flotter, lieblicher klingen. Die Schwerfälligkeit des Orchesters fußt auch darauf, dass es nicht mit historischen Instrumenten zu Werke geht, mit denen Händel und Co. nun mal schlanker und eingängiger klingen.

Die Sänger machen das Beste daraus. Sie kosten jede Gelegenheit aus, ihre Technik zur Geltung zu bringen. Die Stimmen überzeugen ausnahmslos, die Koloraturen sind blitzsauber, Colombos Tempo ermöglicht ihnen Perfektion. Mitunter müssen sie sich sogar bremsen, damit sie nicht dröhnen in dem kleinen Theater. Dieses Sich-Zurücknehmen halten die Sopranistin Emily Fultz und der Tenor Mark Watson Williams am konsequentesten durch, ohne dabei auch nur einen Hauch an Intensität einzubüßen. In Erinnerung bleiben ihre Dalinda und sein Lurcanio. Ebenso makellos Reinhild Buchmayers Polinesso, wenngleich die Arme in Lederkluft inszeniert ist und nicht klar wird, ob sie einen Mopedklub-Mephistopheles oder nur einen Hosenrollen-Casanova darstellen soll. Auch Sabine Noack hat sich für ihren Ariodante Applaus verdient. Den vermeintlichen Seitensprung seiner Verlobten beklagt dieser Titelheld im "Scherza infida" so andächtig, dass das Publikum vor lauter Kontemplation fast den Szenenapplaus vergisst.