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Oper:Michael Volle als Boris Godunow

Volle als Boris Godunow
(Foto: Monika Rittershaus)

Von Egbert Tholl

Der Regisseur Barrie Kosky musste Michael Volle erst einmal überreden, dieses Rollendebüt am Opernhaus Zürich zu wagen. Volle ist Bariton, wohingegen die Titelpartie von Modest Mussorgskis Oper "Boris Godunow" oft mit einem Bass besetzt wird, was aber schlicht falsch ist. Es gibt genug Brummbässe in dieser Oper, Mussorgski wollte explizit einen Heldenbariton, um ein zu einheitliches Klangbild in den Solopartien zu vermeiden. Schließlich sagte Volle zu - und es wurde ein Triumph.

Russland um 1600. Boris Godunow wird überredet, in einer Zeit der Wirren die Zarenkrone anzunehmen, doch ihn plagt sein Gewissen, ließ er doch einst den Zarewitsch Dimitri, Sohn Iwan des Schrecklichen ermorden - hier ist Mussorgski eindeutiger als die Geschichtsschreibung. Ein junger Mönch erfährt diese Geschichte, gibt sich als Dimitri aus, stürzt Godunow vom Thron, wird selber gestürzt und die Herrschaft der Romanows beginnt.

Godunow ist also irr, und wird immer irrer. Michael Volle, der wie eine Mischung aus Jack Nicholson und Valery Gergiev wirkt, zeichnet diesen Wahnsinn aber nie als ein privates Abgleiten ins Dunkelreich. In seiner Figur schimmern die Partien durch, die er schon gesungen hat, Wotan etwa, auch ein Herrscher in Not. Godunows Getriebenheit entsteht bei ihm aus der Last der Geschichte, die in ihm einen vorläufigen Endpunkt erreicht. Aber dann immer weitergeht, bis in Russlands Gegenwart hinein - Barrie Koskys Inszenierung spielt in einem riesigen Archiv.

Volle verfügt über eine flackernde Emotionalität, die sich im lichten Glanz seiner Stimme zeigt, er kann brodelnd grübeln, mitreißend in der Tiefe alle Abgründe aufreißen. Godunows Gegenpart in der Oper ist der Mönch Pimen, der alles weiß, und von Brindley Sherratt mit bodenlos tiefer Bassstimme verkörpert wird. Hier spürt man, wie sich Mussorgski die Stimmcharakteristika vorstellte.

Diese idealtypische Besetzung wird umgeben von einem vollen Orchester, das nicht da ist, sondern einen Kilometer vom Opernhaus entfernt im Probenraum sitzt, wie auch der Chor. Beides wird ins Opernhaus übertragen, die Anlage dort gibt die Musik plastisch wieder - und Michael Volles einsamer Herrscher füllt die Bühne allein.

© SZ vom 26.09.2020

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