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Oper:Lebensfrohe Geisterstunde

Markus Brück als Königsmörder Macbeth.

(Foto: Monika Rittershaus)

Teodor Currentzis ist einer der aufregendsten Dirigenten der Gegenwart. Nun brachte er in Zürich mit dem Regisseur Barry Kosky Verdis "Macbeth" auf die Bühne - als wahnsinniges, mitreißendes Schauerstück.

Von Reinhard Brembeck

In Zürich feiern die Hexen Sabbath im Orchestergraben. Die einen stechen Eber ab, und während im Schlagwerk Blitz und Donner detonieren, jaulen die Holzbläser auf. Andere aus der wilden Brut schleppen Vipernzunge, Giftkröte, Ketzerherz, Kinderfinger und Tatarenlippe heran, auf dass der Oberhexenmeister - an diesem Abend der Dirigent Teodor Currentzis - daraus einen höllischen Brei bereite.

Currentzis ist ein spindeldürrer Hexer, der mit beiden Armen lustvoll in die Klänge greift, sie knetet, zum Kreischen bringt, zum Toben und zum Flüstern. Wieder und wieder entwickelt er im kleinen Züricher Opernhaus ohrenbetäubende Lautstärken. Dann wieder irrlichtern feine Tremologespinste aus der Gruppe der Streicher oder dunkle Drohungen aus dem tiefen Blech.

Vor allem aber hat Currentzis, 1972 in Athen geboren, lang schon in Russland tätig und einer der derzeit aufregendsten und eigenwilligsten Dirigenten, ein Faible für die Rummelplatzmärsche in Giuseppe Verdis "Macbeth", für ihre ausgelassenen Begleitrhythmen und überbordende Lebenslust. Wenige Dirigenten haben solch eine unbändige Freude an Verdis schlichten Begleitformeln, die bei Currentzis immer von einer riesigen Lebensfreude künden. Gleichzeitig klingt sein Verdi immer ein wenig nach Igor Strawinksky und dessen im Kirmesspuk "Pétrouchka" ausgestellte Kasperle-Stücke. Das ist nicht störend, denn Strawinsky zeigte sich zutiefst beeindruckt vom früheren Verdi, während ihm der Mythenbeschwörer Wager eher suspekt war.

Diese Oper ist mehr als eine kalt modernistische Vision des "Macbeth"

Currentzis ist weit davon entfernt, eine kalt modernistische Vision von Verdis erster Shakespeare-Vertonung zu liefern. Sein "Macbeth" ist vielmehr ein expressionistisches Schauerstück. Jede Begleitfloskel und jedes Humm-ta-ta raunen Bedeutung und erzählen von den seelischen Verheerungen, die das Mörderpaar der Macbeths auf ihrem Weg zur Macht sich und anderen zufügt. Nie geht es an diesem Abend um jemand anderen als den aufrechten Soldaten und seine machthungrige Frau. Die Opfer sind nebensächlich, die Hexen ebenfalls. Dazu illustriert die Musik in den grellsten und erschreckendsten Dunkelheiten, was das Paar an Höllenqualen erlebt.

Markus Brück ist ein berserkerhafter Macbeth, ja, ein unbekümmerter Haudrauf - so lange seine Brutalität als General im Krieg erwünscht ist. Er braucht diese gesellschaftliche Erdung bei seinen Mordaktionen, und er weiß das nur zu genau. Sobald er aber auf eigene Rechnung zu töten beginnt, erst seinen Dienstherrn, dann seine Kombattanten und zuletzt das Volk, wird er unsicher und überheblich. Nach und nach verlässt ihn das Glück, das ihm die Hexen einst so trügerisch suggerierten.

Dieser Macbeth hat bald schon seine innere Balance verloren. Markus Brück kennt selbst noch in seinem aus der so gut wie nie gespielten Erstfassung entlehnten Todesmonolog nur den schmetternden Triumphgesang oder das verzagte Jammern. Dieser Held ist lange vor dem Ende der Oper nur noch ein menschliches Wrack, und seine vollständige Vernichtung Verdi führen und sein Zeremonienmeister Currentzis minutiös vor.

Seine Lady hingegen verliert nie die Contenance. Tatiana Serjan hat Macbeth nur geheiratet, weil er für sie ein Mittel ist, um ihre Machtgier zu befriedigen. Kaum dass sie die Chance sieht, sich endlich an die Staatsspitze hinaufzumorden, treibt sie den zögerlichen Gatten zu immer entsetzlicheren Bluttaten. Serjan singt stolz und unerbittlich, ihr Achtung gebietender Sopran peitscht Chor wie Orchester voran. Deshalb hört sie auch die zunehmend warnenden Untertöne nicht, die Currentzis der Partitur entlockt.

Kein Hexenkessel, kein Defilee der Geister, kein wandernder Wald

Weil Serjan derart unerbittlich das skrupellose Machtweib gibt, wirkt dann ihre Demontage in der Schlafwandlerszene um so grandioser. Da kauert sie an der Bühnenrampe, offensichtlich wie betäubt, aber aus dem Unterbewussten, so scheint es, dringt die Urszene ihres Seelenleids nach oben: Wie sie das Blut ihres ersten Opfers nicht von ihren Händen waschen kann. Eine lastende Melodie bohrt sich immer tiefer in diese Besessenheit, so dass zuletzt nichts mehr übrig ist von der herrischen Selbstsicherheit der Lady. Kein Wunder, dass sie diese Schreckensnacht nicht überleben wird. Currentzis lässt dazu Klanggespenster aus dem Orchester aufsteigen, die selbst die Albträume Edgar Allan Poes fast ein wenig harmlos erscheinen lassen.

Doch nicht nur Currentzis, Brück und Serjan arbeiten konsequent daran, dem "Macbeth" jedes italienische Opernflair auszutreiben, auch der Regisseur Barrie Kosky hat sich dieser Auffassung ganz und gar verschrieben. Klaus Grünberg hat ihm dazu einen schwarzen Bühnenkasten gebaut, der wie ein nächtliches Rollfeld nur spärlich beleuchtet wird. Meist steht dabei nur das Mörderpaar im Zentrum und an der Rampe, selbst der Banquo des fabelhaft bedrohlich singenden Wenwei Zhang kann sich deshalb szenisch kaum profilieren.

Kosky, der Leiter der Komischen Oper in Berlin und zunehmend als Gastregisseur gefragt, bietet ein ganz auf die beiden Protagonisten zugespitztes Schwarz-Weiß-Drama, in dem sich halb nackte Lemuren tummeln, die bald Hexen, bald Kanonenfutter sind. Dass Kosky dabei mit allerlei Stofftieren und Federn ausgiebig auf Poes legendäre Gedicht "The Raven" (Der Rabe) anspielt, wirkt allerdings bald ein wenig penetrant. Immerhin meidet er in seinem streng antirealistischen Kammerspiel das theatralische Brimborium. Kein Hexenkessel, kein Defilee der Geister, kein wandernder Wald. Statt dessen sitzt der ebenfalls wahnsinnig gewordene Macbeth zuletzt genauso wie zuvor seine Frau völlig von Sinnen auf einem Stuhl und versucht, hilflos jene Geister zu vertreiben, die er losgelassen hat.

© SZ vom 12.04.2016

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