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Oper:König des Gemetzels

Les Huguenots
Opéra de Giacomo Meyerbeer

Die Königin Marguerite - dargestellt und gesungen von Ana Durlovski.

(Foto: Magali Dougados)

Der neue Intendant des Grand Théâtre de Genève hat Ehrgeiz. So darf sich Jossi Wieler an eine fünfstündige Inszenierung von Giacomo Meyerbeers Oper "Les Huguenots" wagen.

Fünf Stunden dauert es im Grand Théâtre de Genève, bevor das selbstgefällig überlegene Lächeln im Gesicht des skrupellosen Fanatikers Saint-Bris endlich erlischt. Gerade hat er den Befehl gegeben, die letzten Überlebenden des von ihm mit sadistischer Lust in Szene gesetzten Massakers zu erschießen, da erkennt er in seinem letzten Opfer die eigene Tochter. Saint-Bris ist sprachlos, und Giacomo Meyerbeers grandiose, von Legenden umrankte und erst in letzter Zeit wieder öfter gespielte Riesenoper "Les Huguenots" Sekunden später vorbei.

In Genf ist seit dieser Spielzeit mit dem Juristen, Sänger und Impresario Aviel Cahn ein neuer ehrgeiziger Intendant am Werk, der wie schon zuvor an der Vlaamse Opera in Antwerpen/Gent auch jetzt alles versucht, um das bis dato wenig beachtete Haus in der französischschweizer Provinz am Alpen-umstandenen Lac Leman ins allgemeine Opernbewusstsein zu katapultieren. Er holt Großregisseure wie Luc Perceval, Lydia Steier und Jossi Wieler ans Haus, bietet eine Uraufführung von Christian Jost und zwei französische Monsteropern: Im Juni läuft Olivier Messiaens "Saint François" und jetzt, dem Coronavirus zum Trotz, die fast ungekürzt gespielten "Hugenotten", von Marc Minkowski, dem Großmeister der französischen Oper, dirigiert und von Wieler inszeniert.

Die "Hugenotten" gipfeln in der Bartholomäus-Nacht, in der die französischen Katholiken 1572 die französischen Protestanten zusammenmetzelten. Etliche Überlebende flohen damals nach Genf. Doch die Bartholomäus-Nacht ist nicht das Thema der Oper, ihre Grauen haben in der Musik nur wenig Spuren hinterlassen. Giacomo Meyerbeer (1791-1864), wurde bei Berlin geboren und dort handwerklich solide ausgebildet. In Italien wandelte er sich zu einem Meistermelodiker, der bald Paris eroberte, mit "Les Huguenots" landete er dort 1836 seinen größten, durchs ganze 19. Jahrhundert strahlenden Erfolg.

Eine Musikdroge, der man sich immer weniger entziehen kann, je länger das Stück dauert

Meyerbeer ist wie Gioachino Rossini, Gaetano Donizetti, Franz Schubert, Hector Berlioz und Felix Mendelssohn ein früher Romantiker. Diese Meister stehen zwischen der in festen Formen denkenden Klassik, die Ludwig van Beethoven bis über ihre Grenzen ausgereizt hat, und der handfesten Hochdramatik bei Richard Wagner uns Giuseppe Verdi. All diesen Komponisten ist eine grandiose Eleganz eigen und eine melancholische Trauer um die zu Beginn des 19. Jahrhunderts verloren gehende Intaktheit von Leben und Kunst. Anders aber als Verdi und Wagner spinnen diese Komponisten die Abgründe und Widerwärtigkeiten der beginnenden Neuzeit nie drastisch aus, sie skizzieren sie bloß. Das macht ihren Charme aus, der erst neuerdings wieder Konjunktur bekommt.

Also ist die "Orgie" in den "Hugenotten" spritzig aufgedreht, aber nie abgründig gewalttätig, ist das Duell-Septett handwerklich brillant, aber ohne Einsprengsel von Grauen - gleiches gilt für das Metzelfinale. Keine Sekunde lang kommt in den vier Genfer Musikstunden Langeweile auf. Dirigent Marc Minkowski verbindet atemberaubend Detailfreude mit Leidenschaft, Eleganz und dem ganz großen Atem. "Les Huguenots" sind bei Minkowski eine Musikdroge, der man sich immer weniger entziehen kann, je länger das Stück dauert. Wer aber nicht das Glück hat, in Genf dabei sein zu können, der sei auf den schon vor 30 Jahren in Montpellier entstandenen Livemitschnitt unter Cyril Diederich verwiesen, der alle Vorzüge dieser Wunderpartitur offenbar macht (Erato).

In Genf trifft die quirlig gelassene und das Publikum überwältigende Lea Desandre den Meyerbeer-Ton am besten und hinreißendsten. Desandre singt zwar nur den Pagen, also eine dramaturgisch unbedeutende, kompositorisch aber groß aufgestellte Rolle, die in den aberwitzigsten Koloraturen die pure Lebenslust aussingt, ohne sich um die sich zuspitzende Dramatik um sie herum zu bekümmern.

Das ist das ungewohnt eigenwillige Erzählprinzip dieser Oper. Der König, der nicht auftritt, plant das Gemetzel an den Hugenotten, der Großteil der Gesellschaft kriegt das überhaupt nicht mit. Die Schwester des Königs ist in eskapistische Liebeswelten verfangen, die Ana Durlovski als brüchige Traumgirlanden in den Raum singt. Ihre Marguerite glaubt doch tatsächlich, dass sie den Religionskonflikt durch die Ehe zwischen dem tapsigen Hugenotten Raoul und der katholischen Hochadeligen Valentine entschärfen kann, die Rachel Willis-Sørensen handfest sicher gibt.

Jossi Wieler lässt brav in historischen Kostümen spielen und zeigt den Raoul (Mert Süngü) als einen Enkel von Charlie Chaplins Friseur aus dem "Großen Diktator": ein tapsiger Außenseiter, begleitet von dem Underdog Marcel, der bei Michel Pertusi hinfällig wie Don Quixote wirkt und dessen ewiges Protestantenchoralgesinge völlig aus der Zeit gefallen ist. Die beiden stehen für eine Minderheit, die niemandem gefährlich ist, die niemand ernst nimmt, die aber ausgelöscht, ermordet werden muss. Diese Dringlichkeit, die Meyerbeers Musik zu formulieren verweigert, kann auch Wieler in seinen Bildern nicht beglaubigen. So lässt er das Publikum mit dem gleichen Unverständnis zurück, in dem zuletzt auch Marguerite verstummt, die nicht begreifen kann, warum dieser Massenmord nicht zu vermeiden war. Über dessen Motive, seien sie religiöser, wirtschaftlicher und/oder politischer Natur, klären weder das Libretto, noch die Musik, noch der Regisseur auf.

So haben in dieser Oper wie so oft in der Realität die Fanatiker das letzte Wort

Wieler setzt der elegant aufputschenden Musik auf der Bühne nicht genug an Irritation und Grauen entgegen, um Liebe und Gemetzel, Politik und Eskapismus in eine stimmige Form zu überführen. Er lässt das Liebespaar Valentine / Raoul unkommentiert einen dummen, nur oberflächlich religiös motivierten Tod sterben. Angestachelt durch den weltfremden Fanatiker Marcel opfern sie sich für die verlorene Sache der Hugenotten, obwohl sie doch nur in ihrer spät gefundenen Liebe glücklich sein wollten und es auch könnten.

So haben in dieser Oper wie so oft in der Realität die Fanatiker das letzte Wort, Marcel und Valentines Vater Saint-Bris, den Laurent Alvaro hinreißend unsympathisch gibt. Beide opfern das ihnen Liebste, die Tochter und den Ziehsohn, für eine blöde Rechthaberei. Nur Nevers, den Alexandre Duhamel schön zwischen blasiert und visionär balanciert, macht bei diesem Irrsinn nicht mit. Er hält es wie Meyerbeer mit den alten Werten, mit Anstand, Formbewusstsein, aufrechter Haltung. Das alles aber, Meyerbeers Musik trauert darüber, ist längst aus der Mode gekommen.

© SZ vom 06.03.2020

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