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Oper: Intendant Nikolaus Bachler:"Stars sind Vergangenheit"

Anna Netrebko? Eine "gute Sängerin" - doch der Star sei die Oper selbst, sagt Nikolaus Bachler, Neu-Chef der Münchner Staatsoper. Zur Premiere kommt "Macbeth".

Als "sowieso cool" beschreibt sich Nikolaus Bachler am Tag seiner ersten Premiere als neuer Intendant der Bayerischen Staatsoper. Der bisherige Direktor des Wiener Burgtheaters hält Opernaufführungen, bei denen Sänger starr den Dirigenten anvisieren, für "völlig sinnlos". Auch Stars haben für ihn ausgedient; viele gefeierte Regisseure hält er für überfordert. Bachler will alles anders machen - und kündigt im Gespräch mit sueddeutsche.de eine neue Form der Oper an.

Nikolaus Bachler
(Foto: Foto: Christian Kaufmann/oh)

SZ.de: Bei vielen Opernaufführungen passiert auf der Bühne wenig, das Publikum langweit sich. Sie haben angekündigt, das ändern zu wollen. Wie?

Nikolaus Bachler: Solche verschnarchten Aufführungen sind völlig sinnlos. Ich bin ein Vertreter des Musiktheaters, ich glaube, dass Oper Theater ist. So, wie die Oper überlebt, könnte das Theater nie überleben. Denn selbst wenn bei einer solchen Aufführung gar nichts auf der Bühne passiert, hat sie immer noch die Musik. Aber wozu mache ich dann überhaupt den Vorhang auf, wenn ich gar nichts erzählen möchte? Es gibt also nur eine Möglichkeit: Man muss die Opernaufführung zum Star machen . . .

SZ.de: ... indem Sie Stars engagieren?

Stars in der Opernwelt sind Vergangenheit. Dieses Star-Tum ist mit Maria Callas zu Grabe gegangen.

SZ.de: Anna Netrebko ist für Sie kein Star?

In dem Sinne sicher nicht. Anna Netrebko ist eine sehr gute Sängerin, die sich ganz toll dafür eignet, in der heutigen Zeit vermarktet zu werden. Das Klischee lautet, dass gute Sängerinnen dick und alt sind. Und jetzt kommt eine, die sieht ähnlich gut aus wie Madonna. Oder finden Sie, Anna Netrebko sieht besser aus als Madonna?

SZ.de: Geschmäcker sind verschieden, Herr Bachler.

Aber: Madonna! 50 Jahre alt - und dieses Aussehen? Jedenfalls eignet sich Anna Netrebko hervorragend für die heutige Zeit, weil sie gut aussieht, weil sie Star-Qualitäten hat. Das hat nichts mit Oper, sondern mit der Zeit zu tun. Aber ich bin ja aus ganz anderen Gründen hier: Ich will eine Geschichte erzählen, mein Job ist nicht, Anna Netrebko zum Singen zu bringen, sondern ich sage, dass diese ganzen bunten Tiere in der Bayerischen Staatsoper alle auftreten sollen, aber das ist nicht das Zentrum meiner Arbeit. Ich bin schließlich kein Konzertagent.

SZ.de: Also gut: Die Aufführung soll Ihr Star sein - wie wollen Sie das schaffen?

Indem ich mit Intuition interessante Konstellationen erzeuge. Es ist entscheidend, das Gespür, das Wissen und auch den intellektuellen Hintergrund zu haben, um zu sagen, es könnte lohnend sein, wenn ich diesen Künstler mit jenem Künstler und diesem Stoff zusammenbringe.

SZ.de: Wie sehen diese interessanten Konstellationen in der Bachler'schen Oper aus?

Erstens ist die Qualität des Stoffs und der Musik entscheidend. Das Zweite ist: Was hat die Oper heute zu sagen? Wie kann ich es in Deckung bringen mit dem, was uns heute bewegt? Theater ist nur sinnvoll, wenn es heute eine Relevanz hat. Was bei unserem Macbeth passiert - der heute in der Inszenierung von Martin Kusej Premiere hat - hat sicher mehr mit Srebrenica zu tun als mit dem alten Schottland. Wer für die Bühne schreibt, geht einen nie endenden Vertrag mit der Zukunft ein, dass sein Stück ewig weitergeschrieben wird.

SZ.de: So viel zum Thema Werktreue.

Ich nenne es Werkethos. Das bedeutet, in der Inszenierung auf jenes Niveau zu kommen, auf dem das Werk angesiedelt ist. Das Problem beim heutigen Theater ist aber, dass die Regisseure mit ihren Interpretation oft weit unter dem Niveau des Autors bleiben.

SZ.de: Viele Regisseure des Regietheaters sind also mit den Stücken überfordert?

Manche nutzen den Stoff eben nur so weit, wie ihr Horizont reicht. Das dritte Kriterium lautet daher, Künstler zu finden, die auf die Höhe des Werkes kommen. Ich brauche einen Regisseur, der die Kapazität hat, an Shakespeare heranzukommen, ich brauche also Sänger, die das auch wirklich singen können. Das Geschick ist nun, Konstellationen zu finden, die miteinander etwas wollen, wo sich nicht der Regisseur etwas ausdenkt und dann kommt der Dirigent dazu und will ganz etwas anderes.

SZ.de: Der Dirigent muss sich unterordnen?

Das geht nicht. Martin Kusej hat neulich in der Probe einen sehr entscheidenden Satz gesagt: "Theater ist nicht Verabredung, sondern das Spiel miteinander". Ein Stück zu inszenieren heißt also nicht, zu vereinbaren, dass der eine nur dann spricht, wenn der andere schweigt und dass der eine nur dann geht, wenn der andere steht. Es ist vielmehr das Spiel miteinander, das in der Oper zwischen Regisseur, Dirigent und Sängern stattfinden muss.

SZ.de: Gibt es in der Opernwelt überhaupt genug geeignete Künstler, die Ihrer Vorstellung von Oper entsprechen?

Wir stehen an einer Scheidewand, was Dirigenten und Regisseure betrifft, da findet ein Generationswechsel statt. Ich möchte neue Opernregisseure erfinden! In den ersten beiden Jahren haben von den 15 Produktionen, die wir hier machen, zehn Regisseure noch nie Oper inszeniert. Wir engagieren auch eine Unzahl von neuen, noch unbekannten Dirigenten. Es wird auffallen, dass ich die sogenannten Stars eher im Repertoire einsetze, unbekanntere Sänger hingegen in den neuen Produktionen.

SZ.de: Für Ihre Vorstellungen von Oper haben Sie sich nicht für Wien, Paris oder London, sondern für München entschieden. Warum?

Das war ein Zufall. Ich war nahe daran, nach San Francisco zu gehen, habe das dann aber abgesagt, weil mir klar wurde, dass ich im amerikanischen Kunst-System 80 Prozent meiner Zeit damit beschäftigt gewesen wäre, Geld aufzutreiben. Mein Beruf ist es aber, Geld auszugeben. Als das Angebot aus München kam, konnte ich zuerst nicht zusagen, da ich gerade am Burgtheater verlängert hatte. Dann habe ich mir aber gedacht: Eigentlich ist das in München ein richtig tolles Opernhaus! Weil es alle Möglichkeiten hat, international zu sein, andererseits aber nicht diese Schwere, diese institutionelle Rückwärtsgewandtheit hat wie New York, Covent Garden oder Paris. Es ist leichter, flexibler, da kann man mehr machen - denke ich mir. Naja, wir werden es ja sehen. (lacht)