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Oper:Humor und Beischlaf

Der Reigen

Der Autor unter der Schauspielerin: Thomas Lichtenecker und Alexander Kaimbacher.

(Foto: Anja Köhler/Bregenzer Festspiele)

Bernhard Lang inszeniert in Bregenz "Der Reigen" nach Arthur Schnitzler

Traditionsgemäß gibt es bei den Bregenzer Festspielen eine zeitgenössische Oper, meist, wie heuer auch, auf der tollen Werkstattbühne. "Der Reigen": 120 Jahre ist Arthur Schnitzlers Stück alt, die Mehrzahl dieser Jahre galt es als Skandal, dabei tat der Arzt Schnitzler nichts anderes, als aufzuschreiben, was er beobachtete, an eigenem Verhalten, dem seiner Freunde, Bekannten, der Welt um ihn herum. Heute ist daran bemerkenswert, wie wenig es braucht, um diese Mechanik des Trieblebens fast so wirken zu lassen, als wäre sie eben erst geschrieben. Offenbar sind wir nicht viel weiter als damals zur Zeit der untreuen Ehemänner, der unbefriedigten Gattinnen, der süßen Mädels und all derer, die sich ihrer bedienen.

Jedenfalls richtete Michael Sturminger Schnitzlers Drama für Bernhard Lang so her, dass der daraus eine Oper machen konnte; die dauert etwa 100 Minuten und wurde 2014 bei den Schwetzinger Festspielen aufgeführt. Sie heißt "Der Reigen" und genau das ist sie auch.

Tatsächlich mäandert nur in Nuancen der Flair einer vergangenen Welt durch das Gesagte, ohne das dieses gleich fernsehdumm heutig würde. Die Musik hat mit der Vergangenheit eh nichts am Hut, auch wenn Bernhard Lang keineswegs ein Hardcore-Avantgardist ist. Er ist ein Spieler, ein Ausprobierer, er mag unüberhörbar Jazz, bastelt ein wenig mit Elektronik herum und hat hier ein Faible für repetitive Figuren und auch die Sturheit der Wiederholungen einzelner Worte und Sätze. Und ihm fällt auch genügend ein, das eigene Vorgehen zu beschreiben: "Harmonisch liegt dem gesamten Stück eine spermatozoische Spektralstruktur zugrunde, bestehend aus zehn zwanzigstimmigen Klängen, die das Stück umrahmen und sich als Orgasmusfigur jeweils in der Szenenmitte wiederholen." Man könnte auch sagen, Lang sucht den Humor im Beischlaf und findet davon viel. Die "spermatozoische Orgasmusfigur" (oder so) beschreibt das, was bei Schnitzler die Pünktchen im Text sind. Also Sex, worüber Lang nicht schweigt, sondern diese Figur zu schiebenden Minisymphonien vergrößert, zu denen die Regisseurin Alexandra Liedtke Bildfantasmagorien ihres Video-Manns Falko Herold zeigt, der deutlich erkennbar viel mit David Bösch gearbeitet hat und hier die Szenen erweitert - bis in Peter Zumthors Therme in Vals hinein. Dazu spielt das feine Amadeus Ensemble Wien unter Walter Kobéra.

Alles bringt ungeheuer Stimmung, schaut toll aus, wie auch die Bühne von Florian Schaaf, der in einer enormen Wand Zimmer und Orte auftauchen lässt. Liedtke bevölkert die mit dem schauspielpräzisen Spiel ihrer fünf Sängerinnen und Sänger. Lang schreibt oft nur deklamatorischen Sprechgesang vor, also versteht man den Text. Und er besetzt, nun ja, paritätisch: zwei Sängerinnen, zwei Sänger, ein Counter, der zauberhafte Thomas Lichtenecker, der zwischen den Geschlechtern hin und her hüpft und somit auch eine homoerotische Komponente hereinbringt. Anita Giovanna Rosati und Barbara Pöltl sind überlegen, kokett, selbstbewusst und recht wenig Opfer, Alexander Kaimbacher und Marco Di Sapia haben keine Angst vor Trotteleien und eh wenig Scheu. Vielleicht ist alles ein bisschen zu heiter, aber der Humor ist gut, genau, und die Fünf auf der Bühne sind fabelhaft.