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Oper:Hass macht hässlich

Orest hat seine Mutter umgebracht, die ihren Mann ermordete. Marco Arturo Marelli inszeniert Manfred Trojahns Griechenoper "Orest" an der Wiener Staatsoper.

Von Helmut Mauró

Manfred Trojahn. "Orest". Wiener Staatsoper

Der Krieg ist vorbei – und tobt doch weiter in den Köpfen der Menschen. Orest wird die Bilder des Schreckens nicht mehr los.

(Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn)

Die Geschichte funktioniert immer noch. Wut und Verzweiflung, verletzte Eitelkeit, Familienehre, enttäuschte Liebe, Rachelust und Blutdurst werden offenbar seit der griechischen Antike bis heute gleich empfunden. Die Geschichte des Trojanischen Krieges bietet für all das überreichlich Stoff, noch dreitausend Jahre nach den tatsächlichen oder fiktiven Geschehnissen, wie sie Homer berichtet.

Dem Musiktheatraliker Manfred Trojahn, einem der profiliertesten Gegenwartskomponisten, ist mit seiner Oper "Orest", die auf dem Drama des Euripides sowie den Dionysos-Dithyramben von Friedrich Nietzsche beruht, eine hochdramatische Version des klassischen Epos gelungen; ein Meisterstück, das in seiner zeitlichen Kompaktheit und musikalisch strengen Logik gleichsam eine konzentrierte Fassung des ganzen Krieges liefert, des Krieges an sich sowie seiner fundamentalen Erschütterungen.

Ein einziger grausiger Schrei schneidet zu Beginn durch die dunkle Stille der Wiener Staatsoper. In diesem mörderisch hohen und hysterischen Kang steckt schon der ganze Krieg und seine physischen und psychischen Leichen. Das Orchester der Wiener Staatsoper unter Leitung von Michale Boder übernimmt die Klangidee, zart flirrende Geigen formen in hoher Lage ein zwar leises, aber nicht minder angreifendes schauriges Echo des anfänglichen Todesschreis. Schon hier zeigt sich das Gespür für Stimmungen und Tonfälle des Komponisten Trojahn.

Es bleibt offen, ob mit dem Schrei eine konkrete Person verbunden werden soll. Schreit da Klytämnestra (Julitta-Dominika Walder), gemordet von ihrem Sohn Orest (Thomas Johannes Mayer)? Der erschlug einst seine Mutter, weil diese seinen Vater Agamemnon umgebracht hat, und wird von Erinnyen geplagt. Bedrohlich unruhige Geigen suchen ihn heim, er kann sich seiner Schuldgefühle nicht entledigen. Der Gott Apollo (Daniel Johansson), Auftraggeber des Muttermordes, lässt ihn da allein. Und seine Schwester Elektra (Evelyn Herlitzius)? Die will, dass er gleich weitermordet. Vor allem Helena (Laura Atkins), Ehefrau von Menelaos (Thomas Ebenstein), ist ihr ein Dorn im Auge, ihr schiebt Elektra die Gesamtschuld am Trojanischen Krieg zu. Und mit ihrer legendären Schönheit ist es auch vorbei. Elektra über Helena: "Des Wahnsinns Ursprung, hässlich und verbraucht". Elektra will sie tot sehen, und auch gleich deren unschuldige junge Tochter Hermione (Audrey Luna).

Orest ist in einem Geisterreich gefangen, Tiere bedrohen ihn, die Mutter sitzt ihm als großer schwarzer Rabe auf der Brust.

Orest tötet Helena, an ihrer Tochter aber scheitert er, wird sich seines Tuns bewusst. Er kann und will keine Götter mehr dafür verantwortlich machen. Er glaubt an sie, aber nun stellt er sich gegen deren böse Macht. "Ich bin nicht der, der ich bin", schreit Orest. "Ich werde sein, den ich finde. Du aber bleibst, alter Gott. Du brauchst die Angst der Erstarrten." Auch die Bosheit der Schwester, die ihren Bruder als Mordwerkzeug benutzt, findet ein Ende. Elektra hat ihn durch ihre Rachsucht ungewollt auf den eigenen, selbstbestimmten Weg gebracht. Seine Skrupel, seine Empathie mit den Opfern hat sie nie interessiert. Jetzt fehlt ihm das Mitgefühl für die Schwester. Aus Mitleid, ihr zuliebe, kann er nicht mehr morden.

Doch zunächst rufen ihn die Geister aus dem Off einer großflächig grau möblierten Bühne. Nicht nur der Haussegen hängt schief bei den Agamemnons, sondern das ganze Haus. Orest hangelt sich durch schiefe Ebenen, das Gesicht der Mutter kommt ihm entgegen mit gebrochenem Blick, die rachegierige Schwester - Orest ist verstört und stammelt mehr, als er singt. Für eine gestandene Opernarie taugt die Szene nicht.

Er ist in einem Geisterreich gefangen, Tiere bedrohen ihn, die Mutter sitzt ihm als großer schwarzer Rabe auf der Brust. Es sind die Frauen, die selbst noch im Tod die Fäden spinnen. Er hat vollkommen kapituliert: "Ich bin zertrümmert, Gott!" Und er muss erfahren, dass diesmal auch die unwürdigste Selbstentäußerung nichts hilft, dass sich kein Gott erbarmt. Stattdessen trommeln harte Orchesterschläge auf ihn ein, wüste Cluster, undefinierbare Klangballungen, hartes Paukengeprassel. Und zwischendrin immer orientalisch anmutende, quälend schräge Holzbläser, Oboen, Fagotte, Englischhörner. Dirigent Michael Boder lässt alles in fantastisch schaurigen Klangfarben ausmalen.

"Wer auf der Seite des Rechts steht, kann kein Schuldiger sein."

Und manchmal - "Orest! Flieh!" - gibt es großen Aufruhr im Orchestergraben auf mit Blechgeschrei und wüstem Trommeln,und die ganze Partitur erscheint für einen Augenblick als Fortsetzung der die Zeitgenossen so aufwühlenden "Elektra" von Richard Strauss. Meist brauch Trojahn aber gar nicht den ganz großen Apparat, sein Spiel mit Andeutungen und knappen, aber wohl gesetzten Klangzeichen, oft mosaikartig zusammengesetzt, seltener in Spontanausbrüchen, ist seiner Art des lapidar-dramatischen Erzählens in der Regel angemessener. Es ist aber keine rein intellektuelle Musik - auch hierin mag man eine Parallele zu Strauss sehen. Es gibt viel zu verstehen, aber man kann sich auf dieses Klangerlebnis weitgehend unbedarft einlassen, sich berühren lassen und verwirren, aus der Gemütlichkeit bringen und tief erschüttern lassen - und also auch richtig verstehen und hineinfühlen in Orest und vor allem Elektra, die Unerschütterliche, die das Todesurteil durch Steinigen in Kauf nimmt, um ihren persönlichen Rachegottesdienst zu vollziehen: "Blut muss fließen, damit die Welt freier und schöner wird. Dann stehe ich da und warte auf die Steine, die geworfen werden. Ein Bauwerk aus Stein wird über mir stehen, ein Altar der Gerechtigkeit." Die Bedenken des Bruders - "Zu viele sind gestorben und immer noch ist Dunkel in der Welt" - will sie nicht verstehen: "Wer auf der Seite des Rechts steht, kann kein Schuldiger sein."

Aber wie das alles inszenieren, ohne zu langweilen, ohne zu verwirren? Der erfahrene Schweizer Regisseur Marco Arturo Marelli - er gestaltet schon seit Mitte der 1970-er Jahre große Oper, vermeidet alles, was die Protagonisten in den Verdacht des falschen Spiels bringen könnte, was sie ihrer durch Schlichtheit und Geradlinigkeit verbürgten Glaubwürdigkeit berauben könnte. Selbst Atemnähe und Körperwärme erscheinen abstrahiert zwanghaft, als sich Bruder und Schwester vorübergehend in angedeuteter erotische Rage verlieren. Distanz ist das Mittel der Annäherung. Selbst in der Sprache.

"Sie ist sich nie begegnet", sagt Hermione über Elektra, sonst würde sie erkennen: "Ein jeder ist allein in seinem Hass." Und der macht nicht nur einsam, sondern auf vielfältige Weise hässlich. Helena dagegen, eine Jesusfigur - "Ist's nicht mehr als eine Stunde her, da alle um mich waren?" -, darf goldgewandet gen Himmel fahren. "Und morgen", sagt Hermione, "wird ein anderer rächen, was heute geschieht." Der Komponist Trojahn, der auch das Libretto verfasste, hat der unschuldigen Helena-Tochter die poetischsten und klügsten Worte in den Mund gelegt. In älteren Opern hätte sie sicherlich die wundervollsten Arien gesungen.

© SZ vom 05.04.2019
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