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Opernpremiere in Hamburg: Händels "Agrippina":Gefangen im eigenen Machtbunker

Probenfotos zu "Agrippina", Staatsoper Hamburg 2021

Eine luxuriöse Besetzung erntete Premierenjubel in Hamburg.

(Foto: Hans Jörg Michel)

Erstmals ist wieder Publikum zugelassen: Georg Friedrich Händels "Agrippina" wird in der Hamburger Staatsoper frenetisch gefeiert.

Von Julia Spinola

Hat man je eine erotischere Musik gehört? Die Zeit steht still, das Publikum hält den Atem an, wenn die Sopranistin Julia Lezhneva sich als Poppea an ihrer eigenen Schönheit berauscht. Einen halben Akt lang hat Händel uns bis zu diesem Moment zum Zeugen eines an Niedertracht, Herrschsucht und Verlogenheit kaum zu überbietenden Machtsystems gemacht. Sein 1709 uraufgeführtes Meisterwerk über die Manipulatorin Agrippina, der es durch ein perfekt inszeniertes Intrigengeflecht gelingt, ihren verzogenen Sohn Nerone auf den Thron Roms zu hieven, zeichnet das illusionslose Bild einer Gesellschaft, in der die Gefühle des Einzelnen nur dafür da zu sein scheinen, betrogen, ausgebeutet und benutzt zu werden.

Und dann verströmt sich diese auf eine Stahltreppe hingegossene Poppea in ihrer Auftrittsarie "Vaghe perle" mit silbrig zwitschernden, gurrenden und umgarnenden Koloraturen, deren schier unwirkliche Schönheit die Utopie eines besseren Lebens zu verkünden scheinen. Natürlich geht man ihr sofort auf den Leim - wie es die drei Männer tun, die sie in einer slapstickreifen Szene gleichzeitig in ihrem Schlafgemach empfängt: den sie aufrichtig liebenden Ottone, den tumben Kaiser Claudio und Nerone, der als dekadent verkorkstes Muttersöhnchen bereits jetzt jene tyrannischen Züge offenbart, die er später als römischer Kaiser ausleben wird.

Barrie Koskys Inszenierung wurde bereits 2019 als ein Höhepunkt der Münchner Opernfestspiele gefeiert

Die Premiere, mit der die Staatsoper Hamburg nach sieben Monaten den Spielbetrieb vor Publikum wiedereröffnet, prunkt mit einer musikalischen Besetzung, die alle Barockopernklischees vom Tisch fegt. Riccardo Minasi steht am Pult des auf modernen Instrumenten spielenden Ensembles Resonanz und unterstützt dessen warmen, transparenten Klang gelegentlich selbst mit der Violine. In flexiblen Tempi werden die Besonderheiten dieser Partitur hervorgehoben, von den Seufzerfiguren der Lamenti über den furiosen Irrsinn der Rachegelüste bis zum rauschhaften Walzertaumel, mit dem Agrippina den Triumph ihrer Intrige vorausnimmt ("Ogni venti"). Selten nimmt man so plastisch wahr, wie raffiniert Händel die Struktur der Da-capo-Arien nutzt, um das Schema der Affekte im Wiederholungsteil aufzubrechen, um Zweifel, Unberechenbarkeiten und eine psychologische Doppelbödigkeit des Ausdrucks einzubauen.

Diese kommt in Hamburg auch dank einer luxuriösen Sängerbesetzung mitreißend zur Geltung. Den Gegenpol zum glitzernden Sopran der Poppea von Julia Lezhneva bildet der farbenreich-satte Mezzosopran von Anna Bonitatibus. Sie verleiht der Titelpartie nicht nur die nötige Bosheit, sondern zeichnet das musikalische Porträt einer auch von Ängsten und Wahngedanken getriebenen, zerrissenen Figur. Der exzentrische Countertenor Franco Fagioli legt als ödipales Pubertätsmonstrum Nerone alle Facetten der Selbstsucht in seinen virtuosen Gesang. Dagegen gestaltet Christophe Dumaux mit seinem wohltimbrierten Countertenor ein Rollenporträt des Ottone. Als einzig wahrhaftige Figur zieht Ottone den Hass des höfischen Mobs auf sich, wird von Nerone und den beiden Hofschranzen Narciso (Vasily Khoroshev) und Lesbo (Chao Deng) zusammengeschlagen. Seine von Seufzern durchsetzte Arie "Voi che udite il mio lamento" lässt einem das Blut in den Adern stocken.

Barrie Koskys Inszenierung, in der, wie so oft bei diesem Regisseur, schrille Komik und abgründige Deutung zwei Seiten einer Medaille bilden, wurde bereits 2019 als ein Höhepunkt der Münchner Opernfestspiele gefeiert. Sie hat in der Hamburger Koproduktion nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Das unvorhersehbar sich wandelnde Gerüst aus metallenen Käfigen, das die Bühnenbildnerin Rebecca Ringst auf die Bühne gestellt hat, ist eine Architektur kalter Macht. Je stärker die Intrige demontiert wird, desto mehr Gerüstteile werden abgebaut. Ganz am Ende bleibt Agrippina zu den angefügten Klängen aus Händels Oratorium "L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato" in einer Zelle alleine zurück: eine Gefangene im eigenen Machtbunker. Der Geschmack ihres Sieges ist bitter. Der Premierenjubel im Saal aber ist groß.

© SZ/beg
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