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Oper:Free Kirill!

In Stuttgart feiert die Oper "Hänsel und Gretel" ohne Regisseur Kirill Serebrennikow Premiere. Der steht in Moskau unter Hausarrest. Die Lücke, die das reißt, gehört nun zur Inszenierung. Es fehlt einiges.

Von Reinhard J. Brembeck

Es herrscht beste Stimmung im Stuttgarter Opernhaus. Erst hat der Tenor Daniel Kluge als grellböse Knusperhexe die Stimmung angeheizt, und jetzt erscheinen Ariane Gatesi und David Niyomugabo leibhaftig auf die Bühne. Das sind die beiden afrikanischen Kinder, die in dem Film als Hänsel und Gretel zu sehen waren, der zur Inszenierung gehört und parallel zum Bühnengeschehen läuft. Das Publikum hat die beiden ganz besonders ins Herz geschlossen. Jetzt stehen Sänger, Musiker, Publikum, und alle klatschen sich begeistert zu.

Das Glück ist grenzenlos. Nur ein Detail erinnert daran, warum das alles eigentlich unendlich traurig ist. Wie viele im Publikum trägt die Gretel-Sängerin Esther Dierkes ein T-Shirt, auf dem ein frech blickender Männerkopf zu sehen ist und das Logo "Free Kirill", lasst Kirill frei. Gemeint ist der Regisseur Kirill Serebrennikow, der diesen Abend inszenieren sollte, der aber seit August in Moskau unter Hausarrest steht und mit niemandem außer seinem Anwalt sprechen darf. Serebrennikow, der in Moskau das Theater Gogol-Zentrum leitet, soll über Jahre staatliche Zuschüsse in Millionenhöhe für seine Theaterwerkstatt Plattform veruntreut haben. Die Reaktion des Staates wirkt willkürlich und kafkaesk, die Umstände des Verfahrens sind undurchsichtig. Selbst russische Kulturschaffende rätseln über den Sinn dieser Ermittlungen, die erst ehemalige Mitarbeiter Serebrennikows trafen - und dann ihn sel bst. Stuttgart aber muss Engelbert Humperdincks Märchen- und Hungeroper "Hänsel und Gretel" ohne Regisseur aufführen.

Vor zwei Jahren hat Serebrennikow in Stuttgart die Strauss-"Salome" herausgebracht. Sie katapultierte ihn in die oberste Riege der Opernregisseure, stellte ihn neben Meister wie Andrea Breth, Calixto Bieito, Hans Neuenfels und Tatiana Gürbaca. Solch einen Künstler zu ersetzen, wäre schon unter normalen Umständen schwer. Vermutlich hätte die Stuttgarter Oper auch nie diese nur schwer ohne Peinlichkeiten zu inszenierende Oper angesetzt, wenn sich nicht Serebrennikow dafür interessiert hätte.

Wegen der Angriffe auf Serebrennikow aber durfte der Regisseur nicht ersetzt werden. Denn das Haus hätte sich zu einem willigen Handlanger Moskaus gemacht, wenn es die Show und das Operngeschäft hätte weiterlaufen lassen, als sei nichts geschehen. Stuttgart muss die Leerstelle in der Aufführung benennen, es muss diesen Opernabend nicht nur als Theateramüsement ausrichten, sondern auch ein politisches Signal setzen, um mit jeder gesungenen und gespielten Note zu fordern: "Free Kirill."

Der Fall Serebrennikow erzwingt eine neue Form der kollektiven Opernregie - das ist eine Chance

Also wurde kein Ersatzregisseur benannt. Das Ensemble nahm die Sache selbst in die Hand und inszenierte frei nach Pirandello: "Sechs Sänger suchen ihren Regisseur." Alle treten in Alltagskleidung an, auch das auf der Bühne sitzende Orchester. Es gibt bis auf ein paar Stühle und Besen kein Bühnenbild. Das wartet, genauso wie die Kostüme, im Fundus darauf, dass Serebrennikow irgendwann freikommt und seine Version umsetzt, so hat die Oper versprochen. Und vom fertiggestellten "Hänsel und Gretel"-Film, den Serebrennikow vor ein paar Monaten in Ruanda gedreht hat, sind nur Teile zu sehen.

Anders als derzeit das Sprechtheater hält die Oper an ihren überkommenen hierarischen Strukturen fest. Alles ist arbeitsteilige Spezialisierung. Der Dirigent, der Regisseur (Frauen sind in beiden Sparten selten) und die Sänger teilen die Partitur wie eine Beute untereinander auf. Hier die Szene, da die Instrumente, dort der Gesang. Dass alle dabei eine Grundidee in ihrem jeweiligen Terrain kongenial umsetzten, ist selten. Dementsprechend rar sind vollauf gelungene Aufführungen. Oper sieht demokratische Formen nicht vor. Nur ganz selten wird aus diesem arbeitsteiligen Schema ausgebrochen, so wie etwa, wenn das Freiburger Barockorchester mit der "Zauberflöte", aber ohne Dirigenten auf Tournee geht.

All das ist eine Folge der zunehmenden Repertoireverkleinerung. Weil nur sehr wenige Stücke immer und immer wieder gespielt werden, interessieren sich Kenner und Kritiker schon lange nicht mehr für die Inhalte, sondern nur noch für den Grad an Neuinterpretation, die oft lediglich eine Neuverpackung ist. Nur der geniale Spitzendirigent, Spitzenregisseur und Spitzensänger ist in der Lage, diesen Hunger nach Neuem zu befriedigen. Aus diesem Teufelskreis gibt es kein Entkommen. Denn anders als im Sprechtheater werden neue Stücke allenfalls in homöopathischen Dosen in den Opernbetrieb eingespeist. Weder Intendanten noch Musiker oder das Publikum haben daran ein grundlegendes Interesse. Die grundlegenden menschlichen Probleme scheinen bei den Klassikern schon längst und zudem paradigmatisch vorbildlich dargestellt zu sein.

Nun erzwingt der Fall Serebrennikow eine neuartige Form der kollektiven Opernregie. Die wird in Stuttgart zwar nicht aus zwingenden künstlerischen Überlegungen, sondern aus politischer Notwendigkeit geübt. Das Ergebnis, und das verwundert wenig, ist auch nicht gelungen. Von einem solchen Erstling sollte man auch nicht mehr erwarten. Vor allem aber könnte und sollte dieses Experiment der Anstoß zu weiteren Versuchen in diese Richtung sein. Denn so könnten die nach wie vor diktatorischen Strukturen im Opernbetrieb ein wenig demokratisiert werden. Dann würde der unübersehbare Leerlauf in den Opernhäusern beendet.

Lange Zeit sind Ausschnitte aus dem "Hänsel"-Film auf einer Leinwand über dem Orchester zu sehen. Da wird Armut in Ruanda gezeigt. Die Menschen im Film sind einfach, unzerschlissen und bunt gekleidet. Sie wohnen in kargen Behausungen. Kinderarbeit, ständiger Sonnenschein, bunte Lebenswelten sind zu sehen. Das mag ein realistisches Afrikabild sein, aber so könnte auch ein Touristikunternehmen Afrika bewerben.

Die Intendanz will die Leerstellen der Regie bewusst sichtbar lassen

Es ist keine existenzielle Not wie auf "Brot für die Welt"-Plakaten und auch nicht jener Hunger, den Humperdincks Opernlibretto recht drastisch beschreibt (und der in vielen "kindgerechten" Aufführungen unterschlagen wird). Oper hat immer große Probleme, wenn sie Gefolterte, Geschundene und Verhungernde realistisch und mit in der Regel gut genährten und lebenslustigen Opernsängern auf die Bühne bringen will. "Fidelio", "Tosca" und der "Hänsel" sind die besten Beispiele.

Im Film spielt David Niyomugabo den Hänsel, Ariane Gatesi die Gretel. Die Kinder sind gut gelaunt und neugierig, sie laufen von daheim weg und landen märchenhafterweise erst in einem Stuttgarter Süßwarenladen und dann in der dortigen Staatsoper. Serebrennikow erzählt eng am Originaltext, obwohl alles in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika beginnt, der Völkermord an den Tutsi 1994 kurz anklingt, die Erdbeeren zu Minibananen werden und das einbeinig stehende Männlein im Walde ein beinamputierter Gespenstermann ist.

Diesen schlicht gemachten Realmärchenfilm sehen sich die Zuschauer zusammen mit den Sängern an, der Abend läuft auf eine konzertante Opernaufführung hinaus. So einfach würde es sich der Theatermaniac Serebrennikow, wäre er nur endlich in Stuttgart, garantiert nicht machen. Er würde ein subtileres Zusammenspiel zwischen Bühne und Film bieten, die im Film fehlende Hexe als Höhepunkt aufmischen und Sozialpolitik mit Groteske und Anarchismus anreichern. Vielleicht so, wie er in seinem Berliner "Barbier von Sevilla" eine leicht trottelige islamistische Selbstmördergang auftreten ließ. Dadurch unterlief er den Leitartikelernst der Situation durch grelle Komik und entging der wohlfeilen Betroffenheit.

Vermutlich hätten die Sänger ohne Film freier und selbstbewusster agiert. Das aber lag nicht in der Absicht des Intendanten Jossi Wieler. Er will die Leerstelle der Regie bewusst sichtbar machen. Die Theaterhierarchie wird in Stuttgart nicht angetastet. Also konzentrieren sich nicht nur die spielverliebten Musiker unter dem Dirigenten Georg Fritzsch vorwiegend aufs Musikalische, sondern auch die Sänger.

Diana Haller und Esther Dierckes sind ein vergnügtes und pseudoängstliches Kinderpaar, Irmgard Vilsmaier eine fast schon knuddelige Hartz-IV-Mama und Michael Ebbecke ein gemütlicher Papa. Hunger und existenzielle Sorgen hätte ihnen wohl erst der Regisseur einhauchen können. Und Daniel Kluge macht aus der Bühnenhexe das beste Slapsticktheater, das diese Männerrolle hergibt. Bedrohlich, abgründig, aktuell ist das alles nicht. Aber amüsant.

Und die Moral von der Geschicht'? Ohne Regisseur geht gar nichts in der Oper. Es sei denn, das Kollektiv nähme dessen Aufgabe selbst in die Hand. Aber das bleibt in Stuttgart Zukunftsmusik. Und deshalb wird weiter gehofft: "Free Kirill."

© SZ vom 24.10.2017

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