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Oper:Eine Frau nach eigenem Gesetz

Alceste

Sie singt und tanzt hinreißend: Anna El-Khashem in der tanzorientierten Münchner „Alceste“.

(Foto: Wilfried Hoesl)

Sidi Larbi Cherkaoui inszeniert Christoph Willibald Glucks "Alceste" in München.

Von Reinhard J. Brembeck

Alceste hat gerade ihrem Gatten Admète das Leben gerettet, allerdings um den Preis ihres eigenen. Aber anstatt ihr dafür dankbar zu sein, lässt der Mann darauf sofort den Patriarchen raushängen. Er ist untröstlich, dass ihm sein liebstes Sexobjekt abhanden kommt und herrscht sie an: "Wer hat dir das Recht gegeben, über dich zu verfügen?" Die Antwort in Christoph Willibald Glucks französischer "Alceste", die 1776 in Paris auf ein geteiltes Echo stieß aber dann 50 Jahre im Repertoire blieb, erfolgt ganz im Sinne der Aufklärung und der frühen Emanzipation. Alceste braucht niemanden, der ihr irgendetwas erlaubt. Sie handelt aus freien Stücken und folgt nur der plötzlich wieder gewaltig aufkeimenden Liebe zu ihrem Mann.

So deutet das der als Kultchoreograf gefeierte Sidi Larbi Cherkaoui in seiner "Alceste"-Inszenierung im Münchner Nationaltheater. Cherkaoui übersetzt den Impetus, die Tragik und das stürmische Drängen nicht nur der Tänze, sondern auch vieler Arien und Chöre in die quirlig eleganten Bewegungsmuster seiner vor allen anderen Mitwirkenden gefeierten zwölf Tänzer, mit denen nur die hinreißend singende und tanzende Anna El-Khashem mithalten kann. Cherkaoui macht fulminant sichtbar, was Dirigent Antonello Manacorda zusammen mit dem Staatsorchester aus Glucks Partitur Tragik, Verzweiflung, Ich-Zerstörung und Leidenschaft herausmusiziert, wobei schnelle Wechsel, heftige Kontraste und dunkle Klangfarben die Regel sind.

Das Stück wird hier in seiner ganzen existenziellen Wucht erlebbar

Doch Cherkaoui macht nicht viel mehr. Die Protagonisten und der grandiose Chor stehen und schreiten im Gegensatz zu den Tänzern viel öfter herum, als dass sie spielen würden. Alcestes Geschichte inspiriert den Tanzmeister zu keinerlei weiterführenden oder eigen(willig)en Gedanken, die Sänger bieten Standard und wenig Idiomatisches, Bühnenbild und Kostüme suggerieren stilisierten Orient und Passionsspiel.

Aber durch all diese Unzulänglichkeiten hindurch wird, das ist das große Wunder dieser eigenartigen Aufführung, erstaunlicherweise das Stück in seiner ganzen existenziellen Wucht erlebbar. Es wird erfahrbar, wie überzeitlich allgemeingültig Alcestes zweieinhalbstündiges Ringen um die große Liebe ihres Lebens ist. Das gelingt genau deshalb, weil Cherkaoui keinerlei Regieeinfälle und keine weiterführende Interpretation liefert und seine Tänzer einfach nur die Musik fantasievoll vergrößern, aufblasen und illustrieren lässt.

Das ist deshalb möglich, weil Glucks geniale Librettisten Calzabigi und Du Roullet sich radikal auf die Alceste und ihre innere Entwicklung konzentrieren, und weil Gluck ganz nah am Text entlang komponiert und sehr viel mehr in den aufpeitschenden Moll- als in den oft ein wenig biederen Durpassagen eine ergreifend genaue Seelenschau liefert. Die nachzeichnet, wie Alceste nach langen Ehejahren sich erst langsam ihrer großen Liebe zu Admète bewusst wird, wie sie sich dann durchringt, ihren Mann vor dem sicheren Tod zu retten und wie sie zuletzt diese Entscheidung gegen dessen Einspruch und gegen die Anfechtungen, die aus ihrem langsamen Dahinsterben entstehen, rechtfertigt und aufrechterhält. Das ist eine ganz feine und stimmige Psychologie, einhundert Jahre vor Freud.

Dorothea Röschmann gibt diese Alceste. Sie ist eine High-Society-Gattin, die schon fast im Schatten ihres allseits beliebten Macher-Macho-Manns erloschen war. Stumpf ihr Blick, schicksalsergeben ihr Gesang. Aus eigenen Stücken würde diese Frau nie die Kraft aufbringen zu Rebellion und Emanzipation. Also muss ein Gott her. Apoll, den sie verzweifelt ums Leben ihres Mannes anfleht, eröffnet ihr den Weg zu einem selbstbestimmten Leben. Wenn sie stirbt, so seine Botschaft, dann wird er leben. Alceste braucht nicht lang, um diese Botschaft zu begreifen und die darin verborgene Chance für sich und ihre Ehe zu erkennen.

Diese Emanzipationsgeschichte wäre an sich einschichtig banal. Die Librettisten aber kreuzen sie mit dem Erwachen der ganz großen Liebe in Alceste. Diese Kombination ist genial, ihre Doppelbödigkeit macht aus Alceste eine der ganz großen Heroinen der Oper. Deshalb hat auch die auf liebend emanzipierte Frauen spezialisierte Maria Callas die Alceste gesungen.

Dorothea Röschmann unterspielt und untersingt diese Rolle. Sie lässt in keinem Moment Starallüren erkennen. Stattdessen zeigt sie eine ganz normale Frau, welche die historische Gunst der aufklärerischen Aufbruchsstimmung erkennt und sich, ihre Menschlichkeit und Intellektualität und Emotionalität voll entwickelt. Nur selten singt Röschmann Phrasen voll oder gar triumphierend aus. Viel öfter staunt sie darüber, dass diese so lange im Patriarchat eingemauerte Frau zu solcher Selbstbefreiung fähig ist. Glucks politische Botschaft ist klar: Wenn diese Jederfrau zu solch einem Höhenflug fähig ist, dann kann das auch jeder andere Mensch. Dieses Vertrauen in die Selbstheilungskräfte des Individuums war 1776 revolutionär, es ist heute, und am Europawahlabend gespielt, noch immer genauso aktuell wie damals.

Es wäre allerdings ein Fehler zu folgern, dass der Verzicht auf Interpretation und Deutung das neue Allheilmittel der Opernregie werden könnte. Denn die "Alceste" ist ein Sonderfall, da die Geschichte nach wie vor unmittelbar verständlich ist. Das ist in den allermeisten Opern ganz anders, selbst die Stücke Mozarts, Verdis und vor allem Wagners sind in vielen Momenten aus der Zeit gefallen und brauchen daher einen erläuternden und in die Tiefe gehenden Interpretationsansatz, um nicht nur apart klingende Museumsopern zu sein.

© SZ vom 28.05.2019

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