Oper Des Kosmopoliten Ordnungsprinzip

"Karl V." an der Staatsoper ist eine Reflexion über Europa - und damit höchst aktuell

Von Henrik Oerding

Wer war der erste Europäer? Karl, würde mancher sagen und Karl den Großen meinen, erster Kaiser des Mittelalters und immer wieder als Vater Europas bezeichnet. Vielleicht aber war der Begründer der europäischen Idee zwar ein Karl, aber gut 750 Jahre jünger: Karl V., Kaiser von 1520 bis 1556. Ein Herrscher, der über Nationen hinaus ein Weltbürgertum schaffen wollte: So interpretiert ihn die Bayerische Staatsoper, wenn sie an diesem Sonntag die Premiere von Ernst Kreneks Oper "Karl V." in der Inszenierung von Carlus Padrissa feiert.

Erik Nielsen ist ihr musikalischer Leiter, ein Weltbürger, wie er Karl wohl gefallen hätte. Der Dirigent ist in einer kleinen Stadt in Iowa im Mittleren Westen der USA aufgewachsen, auf einer Apfelkiste imitierte er als Kind die Gesten der Kirchenchorleiterin. "Ich war fasziniert von den Bewegungen", sagt er. Nielsen studierte Oboe und Harfe an der berühmten New Yorker Juilliard School, dann Dirigieren am Curtis Institute of Music in Philadelphia. 2002 wurde er Korrepetitor an der Oper Frankfurt, 2008 dort Kapellmeister. Zuletzt war Nielsen Musikdirektor des Theaters Basel, seit 2015 ist er Chefdirigent des Sinfonieorchesters im baskischen Bilbao.

Im Baskenland wie in Katalonien wünscht sich mancher die Unabhängigkeit von Spanien. Könnte Karl etwas tun? "Ich denke, dass sich Spanien dringend an Karl V. erinnern muss", schreibt der Regisseur Carlus Padrissa in einem Essay für die Staatsoper. Er sieht in ihm einen Herrscher, der die Identitäten der unterschiedlichen Gebiete respektierte. Der Katalane inszeniert die Oper mit seiner Theatergruppe "La Fura dels Baus", bekannt für ihre aufwendigen Eventinszenierungen mit Akrobatik, Licht- und Videokunst.

Eine bildstarke Inszenierung ist "Karl V." mit dem Bariton Bo Skovhus (vorne) in der Titelrolle.

(Foto: Wilfried Hösl)

Auch Erik Nielsen ist sich sicher: "Dieses Stück ist extrem aktuell. Pegida, Brexit, Trump: Alles ist da." Das liegt nicht allein an der historischen Figur. Ernst Krenek, der nicht nur die Musik, sondern auch das Liberetto schrieb, macht Karl V. zu einem, der Menschen und Nationen zusammenführen will. Doch die Vereinigung ist kaum möglich bei einem "Reich, in dem die Sonne nie untergeht". Viel zu unterschiedlich waren die Bevölkerungsgruppen, Karl war in Burgund aufgewachsen, er sprach kaum Deutsch. "Ich spreche Spanisch zu Gott, Italienisch zu den Frauen, Französisch zu den Männern und Deutsch zu meinem Pferd", soll er gesagt haben.

Erik Nielsen spricht hervorragendes Deutsch mit einem beachtlichen Wortschatz. Das war allerdings nicht immer so. "Die Partitur von Mahlers erster Sinfonie beginnt mit einem Absatz auf Deutsch, den ich nicht lesen konnte. Da war mir klar: Ich muss nach Deutschland." Nielsen wurde als Harfenist an der Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker genommen. Zur Vorbereitung las er die Gebrüder Grimm. "Ich habe mir auch eine Kuckucksuhr gekauft, denn ich wollte diese Erinnerung haben: 'Du willst nach Deutschland!'"

Auch wenn er wohl keine Kuckucksuhr besaß, hatte Kaiser Karl V. eine umfangreiche Uhrensammlung. Sie dient in der Oper als Metapher: "So wie die Uhren dieses Raumes nach einerlei Gesetz den Stundenkreis abschreiten müssen, also sollte Einerleiheit herrschen über dem Vielsinn der Menschen in meinem Reich", sagt Karl zu Beginn. Da hat er als Kaiser bereits abgedankt und ist in die Nähe eines Klosters in Spanien gezogen. Weil er seinen Tod kommen sieht, legt er einem jungen Mönch gegenüber seine Lebensbeichte ab und erinnert sich: An Martin Luther, an Kriege gegen Frankreich, an den Papst, an das Gold aus der Neuen Welt.

Der Amerikaner Erik Nielsen dirigiert das Stück.

(Foto: oh)

Eine eher fragmentarische Handlung. Das findet Nielsen aber gut: "Es ist ein bisschen langweilig, wenn Komponisten immer nur Geschichten von Shakespeare benutzen." Auch die Musik ist experimentell, es ist Kreneks erstes Stück in Zwölftontechnik und die erste Zwölftonoper überhaupt. "Karl wollte eine Ordnung auf der Welt schaffen und da war es für Krenek selbstverständlich, dass er in Zwölftontechnik komponiert." Das bedeutet aber nicht, dass die Musik vollkommen unzugänglich wäre. "Es gibt wunderschöne Stellen", sagt Nielsen. "Ich bin ein leidenschaftlicher Genießer des Stückes."

Das dürfte auch an den Sängerinnen und Sängern liegen. Der Dirigent ist begeistert: "Als ich zum ersten Mal die Besetzung gelesen habe, dachte ich: Das kann nicht echt sein. So eine wunderschöne Besetzung". Der Bariton Bo Skovhus singt die Titelpartie, "eine extrem anspruchsvolle Rolle", sagt Nielsen. Okka von der Damerau singt Karls Mutter Juana, die Berliner Sopranistin Gun-Brit Barkmin seine Schwester Eleonore.

Dass Komponisten wie Krenek immer noch auf viel Ablehnung stoßen, hänge auch mit dem Nationalsozialismus zusammen, findet Nielsen. "Wenn jemand sagt: 'Zwölftonmusik ist hässlich', dann ist da auch ein bisschen der Gedanke von 'entarteter Musik' drin." Die Nazis verfolgten jede Form von musikalischer Moderne, Ernst Krenek selbst war Opfer davon. Er konnte sein Werk 1934 nicht wie geplant an der Wiener Staatsoper uraufführen, sondern erst 1938 in Prag. Kurz darauf emigrierte Krenek in die USA. "Jeder hat seine Meinung, aber man sollte sich überlegen: Wenn alle diese Musik ablehnen, haben die Nazis ein bisschen ihr Ziel erreicht."

Starke Ablehnung trifft nicht nur Komponisten, auch Politiker. "Wir aber wollen Deutsche sein, nicht Weltbürger", ruft das Volk - nicht auf einer heutigen Demo, sondern in Kreneks Libretto. An Aktualität fehlt es diesem Stück wirklich nicht.

Karl V., Premiere am Sonntag, 10. Februar, 18 Uhr, Nationaltheater, Max-Joseph-Platz 2