Oper Der Totentänzer

Aribert Reimann hat zum neunten Mal eine Oper komponiert, und ist trotzdem noch nervös. Über seine Zweifel und Erinnerungen kurz vor der Uraufführung.

Von Reinhard J. Brembeck

Das ist vollkommen anders als alles, was ich bisher gemacht habe." Aribert Reimann sitzt aufgeregt in der Kantine der Deutschen Oper Berlin und spricht von seinem neuesten Stück "L'invisible" (Der Unsichtbare), das an diesem Sonntag uraufgeführt wird. Reimann ist ein Theaterroutinier, der schon acht Opern herausgebracht hat, davon drei in München - darunter 1978 sein größter Erfolg, der "Lear" -, eine in Wien, und eine an der Deutschen Oper Berlin, wo er einst als 18-Jähriger seine Karriere als Klavierbegleiter begann. Aber der mittlerweile 81-jährige Komponist, dem gerade eine Erkältung zusetzt, ist jetzt bei seiner neunten Opern total unsicher. Wird das Publikum am Sonntag begreifen, was er will?

Es ist Montagmittag, gerade hat es die zweite Gesamtprobe gegeben, mit der traumhaft sicher und schön singenden Rachel Harnisch, dem Dirigenten Donald Runnicles, dem Regisseur Vasily Barkhatov. Und jetzt zweifelt also dieser weltberühmte Mann, ob sein neues Stück funktionieren wird. Abgebrüht ist anders. Aber die Verletzlichkeit, die Reimann nervös macht und die er mit leiser Sorge dem Dirigenten, dem Regisseur und dem Dramaturgen mitteilt, nimmt für ihn ein.

Reimann richtete sich drei Stücke ein, die um Maeterlincks Kernthema kreisen: den Tod

Reimann, der Belesene, begeistert sich seit jeher für die großen Schriftsteller. Er hat Shakespeare vertont und Louise Labé, Strindberg und Rilke, Lorca und Michelangelo, Joyce und Celan. Jetzt ist er auf ein 30 Jahre altes Projekt zurückgekommen. Damals sah er drei Stücke von Maurice Maeterlinck an der Berliner Schaubühne. Der wird nur wenig gespielt, am bekanntesten ist Debussys Vertonung von "Pélleas et Mélisande". Auch Komponisten wie Schönberg, Chausson oder Vaughan Williams haben sich für Maeterlincks schwerelos melancholische Texte begeistert, die voller Andeutungen und Todeserwartung sind.

Auch Reimann erlag dieser Versuchung. Er richtete sich drei Stücke ein, die um Maeterlincks Kernthema kreisen: den Tod einer Mutter bei der Geburt ihres Kindes ("L'intruse"), das Ertrinken eines Mädchens ("L'interieur") und das Sterben eines Jungen ("La mort de Tintagiles").

Mit dem Tod ist Reimann früh in Berührung gekommen. Sein fünf Jahre älterer Bruder war 1944 an Scharlach erkrankt und lag im Krankenhaus. Einen Tag vor seiner Entlassung wurde die Klinik bombardiert. "Das Krankenhaus wurde zerstört. Obwohl ein riesiges rotes Kreuz drauf war, und es war mittags um eins. Trotzdem haben die Amis da reingeknallt." Der Bruder starb, ihm ist die Partitur gewidmet. "Er war die Person, auf die ich fixiert war. Der Schatten des Todes ist deshalb seit meinem achten Lebensjahr an meiner Seite. Das zieht sich durch alle meine Opern."

Das Maeterlinck-Projekt aber verschwand erst einmal aus Reimanns Bewusstsein, auch weil der Auftrag für die Kindsmörderin "Medea" (Wien 2010) dazwischenkam. Als dann aber die Deutsche Oper nach einem neuen Stück fragte und erstaunlicherweise von dem Maeterlinck-Projekt begeistert war und, noch erstaunlicher, eine französische Version erwartete, gab es kein Halten mehr. "Ich habe mich im Französischen viel, viel wohler gefühlt."

Das Original inspirierte ihn sehr viel mehr als die Übersetzung, in der Maeterlincks morbid-mürbe Atmosphäre verloren geht. Was, ein Spezialist hat ihm das erklärt, mit einer Spezialität Maeterlincks zu tun hat. Obwohl der im flämischen Gent geborene Dichter französisch geschrieben hat, ist der Satzbau dem Flämischen verpflichtet, das dem Deutschen ähnelt. So konnte Reimann eine vertraute Syntax mit frankophoner Sinnlichkeit aufladen.

Seine Oper "Troades" ist ihm die allerwichtigste, weil sie gegen Krieg und fürs Überleben steht

Reimann ist der berlinischste aller Komponisten. Diese Stadt mit ihren scharfen, dunklen und abgewetzten Kontrasten prägt seine Musik. Einmal hat er an der Hochschule eine Professur im barock ausladenden München angeboten bekommen, die Bedingungen waren absolut ideal. "Ich hätte nie in München leben können. Einmal habe ich dort ein kurzes Stück komponiert und mich unglaublich schwergetan. Ich habe gemerkt: Da bin ich nicht zu Hause." Also lehnte er zum allgemeinen Erstaunen und mit einer Allerweltsentschuldigung (Föhn) ab.

Stattdessen unterrichtete er in Berlin, aber nicht Komponieren (das können viele), sondern zeitgenössisches Lied. Nicht nur, weil er an der Musik seiner Kollegen interessiert ist (dieser Mann kennt einfach alles!), sondern weil ein Komponist auf Musiker angewiesen ist, die seine Musik aufführen können. Er bildete Sängerinnen aus wie die grandiose Christine Schäfer oder den Pianisten Axel Bauni, der einer der großen Liedbegleiter, Musikintellektuellen und Reimanns unverzichtbare Stütze ist.

Reimanns Vater war Chef des Berliner Domchors, die Mutter Sängerin. Im Krieg ausgebombt lebte die Familie in Potsdam und floh vor den Russen nach Westen. Drei Wochen ist die Familie nur gelaufen, "mit einem Handkarren, wie die Mutter Courage. Immer wenn wir abends in ein Dorf kamen, sahen wir das Dorf, in dem wir mittags waren, brennen." In Perleberg erlebte er das Kriegsende. "Meine Mutter war ja Gott sei Dank schon 42, und die Russen haben sie in Ruhe gelassen. Es gab nichts zu essen. Meine Eltern fanden auf der Straße ein riesiges Paket mit Knorr-Suppenwürfeln, und das hat uns zwei Monate über Wasser gehalten."

Die Erfahrungen als Flüchtling hat er in "Troades" verarbeitet, dem Euripides-Stück über die von den Griechen verschleppten Trojanerinnen. "Das ist die Oper, die mir am allerwichtigsten ist. Weil ich einmal in meinem Leben ein Stück schreiben wollte gegen den Krieg, für das Überleben."

Nach dem Krieg wieder in Berlin, machte Reimann die letzte Volksschulklasse und sang beim Papa im Chor. Als für eine Produktion von Brecht/ Weills "Der Jasager" im Hebbeltheater ein Junge gesucht wurde, schickte ihn der Vater hin. Er lernte die Rolle in zwei Tagen und wurde genommen. Nach Krieg und dem Tod des Bruders war ihm die Rolle des Kindes, das in den eigenen Tod einwilligt, völlig vertraut.

Er erinnert sich daran, wie seine Mutter eine Probe besuchte: "Sie brach in Tränen aus, als sie das hörte. Sie war so überwältigt von Weills Musik, die sie zwölf Jahre nicht mehr hören durfte." Während der Proben begann Reimann damit, selbst zu komponieren: "Als ich dann da in einer Probe stand, hab ich mir gedacht: Irgendwann komme ich hierher wieder zurück, entweder als Sänger oder als Komponist." Allerdings kam es nur zu vier Vorstellungen. Denn zusammen mit dem "Jasager" wurde Brechts "Die Gewehre der Frau Carrar" gezeigt. Aber: "Die Leute, die den Krieg überlebt hatten, die keine Nazis waren und die einfach so entsetzlich gelitten hatten, waren nicht in Lage, ein Gewehr auf der Bühne zu ertragen."

Obwohl die drei Stücke in "L'invisible" nicht zusammenhängen, lässt sich ein roter Faden ausmachen. Der Junge, der im ersten geboren wird, verschläft als Säugling im zweiten die Botschaft vom Tod seiner ertrunkenen Schwester und stirbt im dritten selbst. Reimann hat der naheliegenden Versuchung widerstanden, den Jungen singen zu lassen, es ist eine Sprechrolle. Auch, weil damit sein toter Bruder gemeint ist und nicht er, der Überlebende, der ehemalige Chorknabe.

Das Stück hört so auf, wie die Oper angefangen hat, sodass der Totentanz wieder von vorn beginnen kann. Reimann bestreitet, dass er jetzt wieder eine Oper schreiben wird. Aber das hat er schon immer getan., man muss ihm das nicht glauben. Er hat da auch noch ein angefangenes Projekt liegen, Lorcas "Publikum", das zwar nicht fertig, aber schon teilweise gedruckt ist. Viele drängen ihn, es endlich abzuschließen. Er zögert, seit 30 Jahren. Aber ganz aufgegeben hat er den Plan nicht.