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Oper:Demut kommt vor dem Fall

Der Filmemacher Wim Wenders inszeniert in Berlin erstmals eine Oper: Georges Bizets "Perlenfischer" gerät brav.

Seine berühmten Filmtitel stammen vielleicht aus einer geheimen Opernphantasie: Da will einer im Lauf der Zeit und in weiter Ferne so nah geahnt haben, der Himmel über Berlin verrate viel über den Stand der Dinge - bis ans Ende der Welt. Und jetzt hat Wim Wenders im Berliner Schillertheater alias Staatsoper zum ersten Mal faktisch Oper inszeniert. Georges Bizets Jugendwerk "Die Perlenfischer" von 1863, acht Jahre vor dem Welterfolg "Carmen" komponiert, spielt an einem ausgesprochen exotischen Handlungsort, auf der Insel Ceylon, dem heutigen Sri Lanka.

Von popkultureller Schräglage ist, wie Wenders zu der selten gespielten Oper kam. Er habe, sagte er, das Stück nicht aufgrund eigener Ideen, von Repertoirewissen gefunden, sondern im Zusammenhang mit der eigenen Amerika-Geschichte vor Jahrzehnten: In der sagenhaften "Tosca"-Bar an der Columbus Avenue in San Francisco habe er aus der Klassik-Jukebox damals immerfort nur die schmachtende Tenorarie des Nadir hören wollen, die Ohr-wurm-Nummer aus der ihm nicht bekann-ten Bizet-Oper. Die Platte besitze er bis heute, denn die Wirtin der Bar habe sie ihm beim Abschied geschenkt.

LES PÊCHEURS DE PERLES

Vor der Kraft der Musik kapitulieren die Bilder. Eine Geschichte lässt sich so leider nicht erzählen.

(Foto: Donata Wenders)

Schon einmal näherte sich Wenders der Oper. In Bayreuth sollte er 2013 den "Ring des Nibelungen" inszenieren. Wegen Wenders' filmischen Produktions- und Verwertungsplänen wurde das jedoch abgesagt, Frank Castorf übernahm. Aber später rief Daniel Barenboim an und lud ihn ein zur Berliner Opernregie. Der Dirigent habe nach einer Schrecksekunde, da er Bizets "Les pêcheurs de perles" noch nie ge-macht hatte, grünes Licht gegeben - nach einem prüfenden Blick in die Partitur. Ba-renboim seinerseits erinnert sich, wie er als junger Mann die Oper, mit dem 23-jährigen Placido Domingo in der Tenorpartie, in Tel Aviv erlebt und nie vergessen habe. Entstehungsgeschichten können spannend sein wie die Stücke selbst.

"Die Perlenfischer" ist eine düster romantische Dreiecksgeschichte um zwei Männer und eine Frau, einen subalternen Oberpriester und den dramatisch dominanten Chor. Im Mittelpunkt ist die schöne Priesterin Leila, die durch das Gebet zu Brahma und das erzwungene Keuschheitsgelübde die Perlenfischer der Insel vor Gefahren auf See beschützen soll. In sie hatten sich vor Jahren zwei Burschen verliebt, die Freunde wurden, da sie ihre Gefühle vergessen wollten. Haben sie aber nicht: Nadir, der feurige Tenorliebhaber, und Leila finden ihre Liebe wieder, Bariton-Freund Zurga, Anführer der Perlenfischer, und das Volk fordern: Tod den Verrätern. Am rasch und fadenscheinig umgebogenen Happy End gewährt Zurga die Freiheit, weil Leila ihm vor Jahr und Tag das Leben gerettet hat.

"Les pêcheurs de perles" des jungen Georges Bizet hatte bei der Pariser Uraufführung keine gute Resonanz. Nur Hector Berlioz rühmte das romantische Stück, den Reichtum an Melodien und Klangfarben, sich wie bei Offenbach aufschaukelnden Chorrhythmen. Daniel Barenboim am Pult der Staatskapelle kann die lyrischen Schönheiten der Partitur fließenden Klang werden lassen. Schon das Vorspiel mit seiner Überlagerung von Schmachten und ostinater Unruhe, Angst, die auf den vielfach gestaffelten Chorgesang (Martin Wright) übergreift, wird mit Sorgfalt ausformuliert. Barenboim lässt mit aller gebotenen Leidenschaft keinen Zweifel aufkommen, dass die dramatisch donnernden, in lan-gen Bögen entfalteten Chorfinali Bizets so überlegen und wuchtig komponiert sind wie die in den frühen wilden Opern Giuseppe Verdis.

Diese zaghaft wirkende Opernregie verzichtet auf jede Interpretation

Und Wim Wenders weiß: Die Filmlein-wand und die Opernbühne sind sehr un-terschiedliche Bedeutungsträger. Dort Kamerablicke auf Landschaften, Naheinsichten in Menschenseelen, das Erzählpuzzle von Detail und Schnitt, dort Menschen im Augenblick eines Ganzen, die Aura im Hier und Jetzt von Musik und Gesang. Wenders' guter Schachzug war es jedenfalls, dass er für seine erste Opernregie, um Vergleichen aus dem Weg zu gehen, keines der Schlachtrösser des Repertoires haben wollte wie die Filmkollegen, nicht den "Parsifal" wie Bernd Eichinger oder den "Lohengrin" wie Werner Herzog.

Wenders, der dünnhäutige Melancholiker, hat zuletzt in Interviews zugegeben und jetzt auf David Regehrs kahler, vom düsteren Licht Olaf Freeses poetisch schattierter Bühne sichtbar gemacht, dass er als Opernregisseur vor der Kraft der Musik kapitulieren muss, zumal vor der live erlebten 86-stimmigen Wucht eines Opernchors, die ihn tief berührt haben muss.

Eigentlich will er gar keine Geschichte erzählen, sondern nur der dramatisch makellosen Musik dienen - so das zaghaft wirkende Konzept seiner Opernregie, die auf jede Interpretation, aufs Gesamtkunstwerk, verzichtet. Wenders filmischer Blick führt in einen objektlosen Bühnenraum, wo Projektionen auf dem Zwischenvorhang Meeresgewoge und expressive Baumgruppen zeigen oder Leilas schleierumweht luftige Figur. Und Wenders verzichtet auf jede Beziehung zum sozialen Heute, er lässt die Akteure für sich sein: Die drei zerrissenen Figuren der Handlung singen meist aufrecht ins Publikum, selbst wenn sie wie Nadir und Leila in Liebe einander zugetan sind. Chorregie, immer ein schwieriges Kapitel, wirkt hier statisch.

Da gelingt der zweite Teil besser, weil sich das Drama tragisch zuspitzt, die Sänger ihre Aktionen auch vokal verdichten. Der geschmeidige, in der Höhe etwas spitze Tenor Francesco Demuros gibt dem Nadir lyrisches Leichtgewicht, während Gyula Orendts kraft- und klangvoller Bariton dem Zurga kämpferischen Rang zuweist. Wolfgang Schöne ist der rau sonore Oberpriester Nourabad. Als Leila beherrscht die zu Starruhm aufgestiegene Russin Olga Peretyatko-Mariotti mit glühender Ausdrucks- und Sopranstärke souverän das Geschehen. Ihr dringlicher Charakter der liebend Dienenden gibt der Aufführung den behaupteten Glanz, der am Ende mit Ovationen bedacht wird.