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Oper in Dresden:Der Rest ist Anna

Don Carlo Aufklang

Nur eineinhalb Stunden, konzertant mit Orchesterchen: Alles an Giuseppe Verdis "Don Carlo" ist auf die Diva zugeschnitten, auf Anna Netrebko.

(Foto: Daniel Koch; Sepmeroper Dresden)

Anna Netrebko, die umworbenste Sängerin der Welt, singt in einem stark verkürzten "Don Carlo" - mit Orchesterchen und vor nur 300 Zuschauern. Es ist das größte Opernglück seit der Pandemie.

Von Egbert Tholl

Auftritt der Königin. Anna Netrebko naht von links, Yusuf Eyvazov von rechts. Im echten Leben sind sie ein Paar, hier können sie keines sein. Sie ist Elisabetta, Gattin von König Philipp, er ist Don Carlo, dessen Sohn. Einst waren sie einander versprochen, waren auch verliebt ineinander, dann erzwang die Staatsraison die Heirat, die allen Unglück bringt. Anna Netrebko trägt ein phänomenales schwarzes Kleid, darauf silberne Stickereien, zwei Reiter, Ornamente. Eyvazov trägt einen Smoking von eher spekulativem Chic.

Die Dresdner Semperoper macht große Oper im kleinen Format. Giuseppe Verdis "Don Carlo". Die italienische vieraktige Fassung, zusammengestrichen auf 90 Minuten. Im Mai hätte Anna Netrebko ihr Rollendebüt als Elisabetta in dieser Produktion geben sollen, nun bleiben davon vier kompakte Abende, unmittelbar hintereinander. Konzertant, mit acht Musikern. Wenn in der kommenden Saison die vollständige Premiere stattfinden wird, wird Netrebko wohl nicht singen. Es bleiben diese vier Abende, die jeweils gut 300 Zuschauer beglücken. 300 von normalerweise 1300, so viel ist möglich in Dresden, verteilt aufs Parkett und alle vier Ränge. Ob ohne Netrebko überhaupt so viele Besucher ihre Angst vor dem Virus überwinden würden, ist fraglich.

In der vieraktigen Fassung ist dieses Duett das erste Aufeinandertreffen der beiden. In der fünfaktigen Fassung haben sie im Wald von Fontainebleau eine Begegnung voll unschuldiger Freude aneinander. Zumindest für einen Moment, dann bricht die Nachricht herein, dass ihr aufgetragen ist, Philipp zu heiraten.

Netrebko darf Eyvazov näher kommen - die beiden sind ja ein Haushalt

Nun also lauscht die Königin den Nöten des einstigen Verlobten, der ihr Sohn geworden ist. Es mag eine konzertante Aufführung sein, aber wie so oft beweist Anna Netrebko einen Bühneninstinkt, der jede szenische Erklärung annähernd überflüssig macht. Allein wie sie Eyvazov zuhört, wenn der erzählt, dass er als Don Carlo der Enge des Hofs, der Nähe zu seinem Vater, zu seiner Liebe, die er nicht mehr empfinden darf, entfliehen muss, wie sie wägend und königinnenlich ihm zuhört, ach, allein das ist Theater.

Dann endlich der erste Ton, nicht viel mehr als ein Ausruf. Sofort ist da diese Verzauberung ihrer Stimme, diese einzigartige, dunkle Grundierung, dieses sichere Fundament, von dem es hinauf geht in jegliche Höhen. Wie immer bruchlos, elegant, bis die Stimme entschwebt, im herrlichsten Pianissimo verklingt. Aber das kommt erst später, jetzt müssen sie noch diskutieren. Sie dürfen sich näher kommen dabei, sie sind ja ein Haushalt. In diesen Zeiten hat es eindeutig Vorteile, wenn ein Opernhaus Paare engagieren kann.

Gesünder kann eine Sängerin nicht klingen

Doch auch Eyvazov verblüfft. Der Mann hat hart an sich gearbeitet, so der Eindruck. Er ist schlank, alert, viril, seine Stimme gewaltig, stählern, in der Höhe wie gemeißelt. Gut, er begreift eine konzertante Aufführung im ganz altmodischen Sinn, vollführt all die zu bester Persiflage taugenden Tenorgesten, die Hand expressiv vor der Brust. Und ein wenig Gespür für gelegentlich ein kleines Diminuendo würde seiner Rollengestaltung gut tun. Theater ist nicht so seine Stärke, die Aufführung als Demonstration von Stimmgewalt indes schon.

Johannes Wulff-Woesten, der selbst am Klavier sitzt und von dort auch ekstatisch dirigiert, wenn es gar nichts zu dirigieren gibt, hat eine funktionstüchtige Orchestrierung erstellt, für Geige, Cello, Bass, Flöte, Oboe, Englischhorn und Harmonium, angelehnt an Gioacchino Rossinis "Petite Messe solennelle", die Verdi sehr schätzte und in der welcher die Kombination Klavier-Harmonium für einen ganz spezifischen Reiz sorgt. Der Chor beschränkt sich auf drei Damen und vier Herren, die auch nur dort auftauchen, wo es für die musikalische Szenerie der Ensembles unabdingbar ist. Die Auswahl der Arien, Duette, Ensembles ist durchaus auf Anna Netrebko zugeschnitten. Tilmann Rönnebeck etwa darf als König Philipp nicht viel mehr vortragen als die Erkenntnis, Elisabetta habe ihn nie geliebt, und tut dies souverän, aber wenig anrührend.

Die Macht der Kirche spielt hier kaum eine Rolle, der Großinquisitor fehlt bis auf einen Zuruf in der Schlussszene ganz. Schon das Vorspiel, eigentlich dunkel und dräuend, ganz düsterer Katholizismus, klingt hier, wegen des Harmoniums, eher nach protestantischem Kirchentag. Das Autodafé, auch die Szene, in der die Macht des Königs an der der Kirche zerschellt, fehlen ganz. Es geht hier auch nicht um die Erzählung des Dramas. Auch wenn Elena Maximova eine rauschende Eboli ist, Sebastian Wartig ein lyrischer Posa, Alexandros Stavrakakis ein wahrhaft gewaltiger Mönch - für die Plausibilität der Szenen sorgt vor allem Netrebko.

Es ist das größte Opernglück seit der Pandemie. Die drei Bläser des zurückhaltenden Orchesterchens auf der Bühne, der Schmelz der Geige und des Cellos reichen aus, um eine Erinnerung an die vollständige Partitur erstehen zu lassen. Der Rest ist Anna. Die sorgsame Hinwendung zu dramatischeren Partien steht ihr gut, Dresden ist ein Haus, an dem sie gern etwas ausprobiert. 2016 debütierte sie hier als "Lohengrin"-Elsa, inzwischen ist ihre Stimme weiter gewachsen, ohne dass sie ihre spezifischen Qualitäten auch nur eine Spur verloren hätte. Gesünder kann eine Sängerin nicht klingen. Und dann schließlich Elisabettas letzte Arie, der Abschied von allen süßen Erinnerungen: Sie verknüpft Hoffnung mit heroischem Trotz, sie lässt in Minuten das ganze Leben einer Frau leuchten. Das ist theatralischer, lebensweiser Instinkt in klanglicher Vollendung.

© SZ vom 24.06.2020/tmh
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