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Open-Air-Oper:Liebesdrama und Bibel

Rossinis "Mosè in Egitto" bei den Bregenzer Festspielen

Die erste halbe Stunde lang klingt dieses Stück so fremd und aufregend, dass man sofort versteht, weshalb es die zweite Premiere der Bregenzer Festspiele ist. Jahre lang war es so: Draußen, auf dem See, wurde eine Oper gezeigt, die populär genug ist, um viele Tage lang 7000 Menschen pro Abend anzulocken; drinnen gab es Entdeckungen und Wagnisse. Dieses Jahr gibt es Rossini. Aber eben keinen von dessen Hits, sondern "Mosè in Egitto", also "Moses in Ägypten" - der Titel sagt bereits alles, worum es geht. Die Hebräer hocken in Ägypten in Knechtschaft, Moses fordert vom Pharao Freiheit, der gewährt sie nicht, Moses bestellt bei Gott die ersten Plagen, der Pharao knickt ein, die Plagen bleiben aus, der Pharao wird wieder hartherzig. Das geht dann ein paar mal hin und her, bis alle Plagen durch sind, die Hebräer fliehen und des Pharaos Streitmacht im Roten Meer versinkt. Steht so in der Bibel.

Was aber nicht in der Bibel steht, ist die Liebesgeschichte zwischen Osiris, des Pharaos Sohn, mit, eh klar, Elcia, einer gefangenen Hebräerin. Rossini nannte das Werk selbst ein Oratorium, heute trägt es die Bezeichnung "tragisch-sakrale Handlung", und eben die erste halbe Stunde lang hört man Musik eines eigenwilligen Zwitterstücks, sehr sakral anmutend, vor allem durch die Verschleifung der Chorpassagen mit dem, was die Solisten zu tun haben. Dann jedoch bricht sich immer mehr Konvention Bahn, die Liebesgeschichte schiebt sich vor das historische Panorama und Rossini macht Oper, die zwar tragisch gemeint ist, für die er sich aber seiner bewährten Mittel bedient, und die sind nun einmal bei ihm konnotiert als Mittel der Komödie. Mithin: ein leicht bizarrer Eindruck, aber auch am Ende ein flehendes Gebet des Chores und ein hingehauchtes Duett zwischen Osiris und Elcia, das Clarissa Constanzo und dem hochinteressanten, flamboyanten jungen Tenor Sunnyboy Dladla (der heißt wirklich so) wunderschön gelingt. Blöd nur, dass sich Rossini hemmungslos in die Liebesgeschichte verliebt und gleich drei Duette der beiden hintereinander packt, mit abnehmender Qualität - hier hätte es Not getan, zu streichen.

Die anderen Sänger, außer der tollen Mandy Fredrich als des Pharaos Gattin, sind eher gemütlich bis unbeholfen zugange, die Wiener Symphoniker gehen unter Enrique Mazzola hemdsärmelig ans Werk. Und dieses dauert.

Die Regisseurin Lotte de Beer übergibt alle Verantwortung dem Theaterkollektiv "Hotel Modern". Zu dritt basteln die Szenarien aus kleinen Puppen in Häuschen und Landschaften, die, gerade bei den Plagen, in Großprojektion suggestive Bilder erzeugen, auch vor Mord und Vergewaltigung an den Hebräern nicht Halt machen. Doch die Drei mischen sich auch sehr inkonsequent ins Geschehen ein, ziehen den Fokus auf sich selbst und verhunzen damit ihre eigene, an sich großartige Arbeit.