Berlins Olympia-BewerbungSo alt sah die Zukunft noch nie aus

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Nicht wirklich zum Kringeln: Der Berliner Fernsehturm mit Olympia-Deko – glücklicherweise bislang nur als KI-Simulation.
Nicht wirklich zum Kringeln: Der Berliner Fernsehturm mit Olympia-Deko – glücklicherweise bislang nur als KI-Simulation. Kulturprojekte Berlin/Naroska

100 Jahre nach den NS-Spielen: Deutschlands Hauptstadt will sich um Olympia ab 2036 bewerben – unter anderem mit einer kindlichen Ringelreih-Idee.

Von Gerhard Matzig

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Am Dienstag, schreibt der Tagesspiegel, seien „Berlins Olympia-Planer in die Offensive“ gegangen. Veröffentlicht wurde da das Konzept für die Bewerbung Berlins um die Olympischen Sommerspiele ab 2036. Gemeint ist jener „geheime Olympiaplan“, der dank des Geheimnisverrats der Bild-Zeitung vom Sonntag nun nicht mehr so geheim ist.

Man hätte jedoch schon aus ästhetischen Gründen nichts dagegen gehabt, wenn die Offensive und das Geheimnis Berlins defensiv und geheim geblieben wären. Andererseits gibt es gerade wenig Grund zu Heiterkeit und Frohsinn: Trump, Iran, deutsche Innenpolitik, deutsche Außenpolitik, Tankstellen – und wo ist Timmy, der Wal? Und somit zur „Hauptstadt, die mit den Ringen spielt“.

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Auch diese Regierung verendet in Ängsten und Eitelkeiten? In den Medien ist es jeden Tag fünf vor zwölf? Warum es in diesen Zeiten kein Eskapismus ist, mit einem alten König und einem Tier in Not zu fühlen.

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Eigentlich versteht man ja schon kaum, dass es immer noch Nationen gibt, die sich darum balgen, sich in demütiger Bittstellung beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) einzufinden. Das IOC wird begleitet von Korruptionsvorwürfen, intransparenten Vergabeverfahren, gerontokratischen Strukturen und der Sympathie für Autokratien. Der olympische Gedanke wurde längst denunziert. Geblieben ist eine gigantische Image-Waschmaschine, missbrauchte Sportler, zugemüllte Städte und der Geldspeicher vom IOC.

Olympia: angesichts bröckelnder Brücken, kaputter Schienen und maroder Sozialsysteme eine ziemlich irre Ambition

Aber auch, wenn sich noch fast jedes Versprechen auf „nachhaltige Spiele“ als Feenstaub erwiesen hat, der zwischen nationalen Mitmach-Parolen und IOC-Abgründen verrieselt: Hat Deutschland keine anderen Probleme, um zu enormen Kosten erst mal vier Städte (München, Berlin, Hamburg und KölnRheinRuhr) vier Konzepte ausarbeiten zu lassen? Damit man sich im Herbst auf eine Region deutschlandweit einigt? Angesichts bröckelnder Brücken, kaputter Schienen, delirierender Energiekosten, maroder Sozialsysteme und allgemeiner Reformmüdigkeit ist das eine ziemlich irre Ambition. Oder wie man auf der Homepage von „Olympia in Deutschland“ findet: „Unser Land. Fit für die Zukunft.“

Vielleicht, anders kann man sich jedenfalls das Konzept von Berlin kaum erklären, wird man fit für die Zukunft, wenn man einen absurden Städte-Wettbewerb krönt mit einem Ergebnis, das zu einem KI-Malwettbewerb unter Kindertagesstätten passen würde. Herausgekommen ist ein Design für den öffentlichen Raum, wie es kindischer und ideenloser nicht denkbar ist. So vergangen wie in Berlin sah die Zukunft noch nie aus.

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Nicht nur die Touristen bleiben aus, auch Berlinern gefällt ihre eigene Stadt nicht mehr. Außer fürs Kaputtsparen scheint sich dort niemand mehr für irgendetwas zuständig zu fühlen. Klage einer Anwohnerin.

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Geplant ist ein Fernsehturm, dessen Stahlbetonschaft mit den olympischen Ringen geschmückt ist und daher anmutet wie das Plastik-Wurf-Ringspiel auf der Seite Mein-kleines-baby.de: „Spielzeit in lehrreiche Momente verwandeln“. Um noch beim Spielen zu bleiben: Die 30 Meter hohen „Molecule Men“, die der Bildhauer Jonathan Borofsky für die Spree entworfen hat, tragen nach der gleichen sagenhaften Berlin-Vision olympische Ringe um die Hüften: Hula-Hoop in der Hüpfburg Berlin. Ringe zieren aber auch die Brücke vor dem Berliner Dom und den Flughafen BER, der auch ohne bunte Kringel an seine Existenz als Architektur-Lachnummer der Welt erinnert. Es ist zum Kringeln.

Ringen mit Ringen: Auch „Molecule Men“ sollen behängt werden.
Ringen mit Ringen: Auch „Molecule Men“ sollen behängt werden. Kulturprojekte Berlin/Naroska/Schlott

Welche Agentur sich auch immer das Luftschlangen-Konzept ausgedacht haben mag: Wer hier länger als fünf Sekunden nachdenken musste, um die Olympia-Bewerbung einer Stadt mit dem Zitat der olympischen Ringe zur KI-Chiffre der Einfalt kurzzuschließen, sollte zumindest keine einzige Sekunde davon in Rechnung stellen dürfen für irgendeine Form von entwurflicher Arbeit. Nach der fulminanten Ästhetik, die im olympischen Paris zu sehen war als einzigartige Feier architektonischer und stadträumlicher Schönheit, ist Berlin offenbar zum Gegenteil entschlossen – und degradiert die Hauptstadt zum Partykeller mit Pappnasen-Optik und Konfetti.

Hat da jemand was verloren? Simulation geschmückter Laternen bei der Siegessäule.
Hat da jemand was verloren? Simulation geschmückter Laternen bei der Siegessäule. Kulturprojekte Berlin/Naroska

Das olympische Emblem geht auf Pierre de Coubertin zurück. Die farbigen Ringe sollen einerseits die fünf Kontinente repräsentieren – aber auch den Lorbeerkranz der Antike zitieren in der Neuzeit. Kirschlorbeer, wenn wir schon beim Lorbeer sind, gilt etwa in Heckenform als giftig, invasiv, ökologisch wertlos und leblos. Er verrottet schlecht und gehört zum Sondermüll. Die Design-Idee der Hauptstadt, die mit den Ringen spielt, in einem Wort? Sondermüll.

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