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Literaturnobelpreis:Das ideale Feindbild

Sie setzt sich für Frauenrechte und sexuelle Minderheiten ein, trägt Rasta-Zöpfe und Perlen im Haar: Die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk.

(Foto: AFP)

Polens Regierung feiert den Nobelpreis für Olga Tokarczuk als Auszeichnung für die polnische Literatur. Doch schlägt ihr auch polemische Kritik von Teilen der Rechten entgegen.

Die linksliberale Zeitschrift Polityka druckte vor Kurzem einen Leserbrief, der vorschlug, Olga Tokarczuk in den Präsidentenwahlen als Kandidatin des linken und liberalen Lagers aufzustellen. Tokarczuk, die am Dienstag den Literaturnobelpreis bekommt, wollte das nicht kommentieren, aber die Episode zeigt, wie sehr sie in Polen auch als politische Autorin wahrgenommen wird, mag sie noch so oft betonen, dass ihre Werke frei sind von aktuellen Bezügen. Als Bürgerin aber will sie nicht schweigen. So rief sie in der vergangenen Woche zur Teilnahme an einer Demonstration gegen die Versuche der Regierung auf, die Gerichte völlig unter ihre Kontrolle zu bringen und Richter unter Druck zu setzen. "Polnische Richter, wir sind mit euch", rief sie. Auch in der Vergangenheit war sie politisch aktiv, sogar in einer Partei, bei den polnischen Grünen, die allerdings ein Schattendasein fristen.

In der Regierung, die trotz ihres klassisch sozialdemokratischen Wirtschaftsprogramms im Westen meist das simple Etikett nationalkonservativ bekommt, hat man sehr schnell begriffen, dass Angriffe auf die Preisträgerin international ein negatives Echo finden. Staatspräsident Andrzej Duda, ein eher gemäßigter Konservativer, der allerdings die von der Europäischen Union monierten Verfassungsbrüche durch die Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) gedeckt hat, gab die Parole aus: "Dieser Nobelpreis ist eine große Auszeichnung für die polnische Literatur!"

Schnell zog ein PiS-Sprecher nach: Der Parteichef Jarosław Kaczyński, der selbst seine Gegner mit seinen Kenntnissen der polnischen Literatur beeindruckt, habe einige ihrer Werke "mit großem Interesse" gelesen. Angesichts dieses versteckten Lobs musste auch Kulturminister Piotr Glinski beidrehen. Der hatte sich drei Tage vor der Bekanntgabe der Preisträger in einem Interview sehr abfällig über sie geäußert. Er habe mehrere Bücher angefangen und keines zu Ende lesen wollen. Immerhin gelobte er dann selbstironisch Besserung.

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Gänzlich humorlos aber sind die Attacken aus rechten Blättern und Internetportalen. Tokarczuk gibt mit ihrem Eintreten für Frauenrechte und sexuelle Minderheiten, mit ihren Rastasträhnen und Perlen im Haar für ihre Kritiker seit Langem ein ideales Feindbild ab, was sich unter anderem in der Häme über das "alternde Hippie-Mädchen" niederschlägt.

Der katholisch-konservative Publizist Grzegorz Górny befand, das Nobelpreiskomitee werde schon lange von "linken Kräften" dominiert. Die viel gelesene Webseite Wpolityce.pl (In der Politik) ergänzte: "Wenn ein literarisches Werk von Antikonservatismus, linkem Denken und Feminismus durchsetzt ist, bringt das Punkte." Das Nobelkomitee habe mit der Entscheidung für Tokarczuk bewiesen, dass es "am Tiefpunkt" angelangt sei. Witold Gadowski, einflussreicher Kommentator und Dichter, fragte: "Hat sie irgendeinen positiven Einfluss auf die Bevölkerung?"

Olga Tokarczuk war schon vor dem Nobelpreis die bekannteste polnische Schriftstellerin der Gegenwart

Krzysztof Masloń, der sonst über Korrumpierbarkeit und Eitelkeit der Schriftsteller während des Parteiregimes schreibt, nannte sie "Genossin Olga", ungeachtet der Tatsache, dass die Literatin in ihren jungen Jahren zur demokratischen Opposition gegen das Parteiregime gehört hatte. Maslońs literarisches Urteil: "Am besten gelingt es ihr, vor dem Spiegel zu kokettieren." Auch schwimme sie auf der Modewelle, "die Juden auf den Händen zu tragen". Erfreulich sei immerhin, dass niemand Tokarczuk lese, eine Behauptung, der die Verkaufszahlen widersprechen: Olga Tokarczuk war schon vor dem Nobelpreis die bekannteste polnische Schriftstellerin der Gegenwart.

Tomasz Antoni Żak, einst als experimentaler Theaterregisseur gefeiert, nun Autor der Zeitschrift Polonia Cristiana (Das christliche Polen), bemerkte ironisch: "Es ist doch nur der Nobelpreis." Als Beispiele für den Verfall des Preises, der nicht mehr nach literarischer Qualität, sondern nach Weltanschauung vergeben werde, kursieren in der polnischen Debatte immer dieselben Namen: Dario Fo, Elfriede Jelinek, Bob Dylan, aber auch Wisława Szymborska, die Preisträgerin von 1996, die damals nur wenige ihrer Landsleute kannten.

Auch Szymborska wurden Gottlosigkeit und Sympathie für den Kommunismus vorgeworfen. Anlass war ihre Begeisterung für das Parteiregime nach dem Weltkrieg. Als junge Frau schrieb sie euphorische Verse im sozrealistischem Stil über die Aufbauleistungen der Partei, stieß aber bald zur Dissidentenbewegung. Ihre Jugendwerke bezeichnete sie als "Irrtum einer Verblendeten".

Doch in nationalkonservativen Kreisen wollte man dieses Reuebekenntnis nicht anerkennen, so wie auch im Fall des Lyrikers Czesław Miłosz, des Preisträgers von 1980. Der hatte unmittelbar nach dem Krieg Stalin dafür gerühmt, dass die Rote Armee das nationalsozialistische Terrorregime zerschlagen hat, überwarf sich aber schnell mit der neuen roten Herrschaft an der Weichsel. 1951 setzte er sich in den Westen ab und schrieb neben Gedichten auch tiefschürfende Essays über die Verführbarkeit von Intellektuellen in totalitären Regimen.

Eine Kirchenzeitung behauptete, sie propagiere die Abkehr von christlichen Traditionen, ihr Werk strahle "Düsternis und Schrecken" aus

Dennoch wollten Nationalisten nach seinem Tod 2004 seine Beisetzung in der "Krypta der verdienten Polen" in der Krakauer Paulinerbasilika verhindern. Doch der damalige Krakauer Erzbischof Franciszek Macharski, ein Vertreter des Reformkatholizismus in Polen, brach den Widerstand mit einem Zitat eines anderen polnischen Dichters: Karol Wojtyłas, des späteren Papstes Johannes Pauls II. Der hatte nämlich Miłoszs Werk und dessen Suchen nach dem Sinn des Lebens sehr gewürdigt.

Unter Berufung auf den Fall Miłosz hat nun das katholische Intelligenzblatt Tygodnik Powszechny (Allgemeines Wochenblatt), das Sprachrohr der Reformkatholiken, das Werk Tokarczuks sowie ihren Einsatz für Minderheiten, für Tier- und Naturschutz gelobt und ihr Foto auf die Titelseite gebracht. Doch der Tygodnik Powszechny, der aus der rechtsextremen Ecke oft als "unpolnisch" angegriffen wird, stand ziemlich allein im katholischen Blätterwald. Die größte Zeitschrift aus diesem Spektrum, der Gość Niedzielny (Sonntagsgast), rückte Tokarczuk in die Nähe des Neuheidentums: Sie propagiere die Abkehr von der christlichen Tradition und ein Leben "nach dem Rhythmus von Mond und Blut". Ihr Werk strahle "Düsternis und Schrecken" aus.

Einen eigenen Akzent setzte in der hitzigen Debatte das Außenministerium in Warschau, geführt vom proeuropäischen Soziologieprofessor Jacek Czaputowicz, der zur Zeit des Parteiregimes eine Untergrundbibliothek geführt hatte und als Aktivist der gegen Zensur kämpfenden "Gesellschaft für das freie Wort" wiederholt inhaftiert war. Aus dem Ministerium verlautete kurz und knapp, dass die polnischen Kulturinstitute im Ausland selbstverständlich die Preisträgerin als herausragende Vertreterin der Kultur des Landes einladen würden.

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