Ukraine Die schlimmsten Kämpfe des Schülers Oleg

In seinen Kindheitserinnerungen zeigt sich der inhaftierte ukrainische Regisseur Oleg Senzow als eigensinniger Außenseiter.

Von Sonja Zekri

Es gibt verschiedene Varianten, um ein Vorwort spektakulär enden zu lassen, aber der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow greift in der Einleitung zu Oleg Senzows Geschichtenband "Leben" zu einem selten drastischen Mittel. Seine Einführung gipfelt in der Bitte, die Leser mögen doch dem Autor, Senzow, Briefe ins Gefängnis schreiben. Sie sollten nicht damit rechnen, dass Senzow Fragen zu seinem Buch so bald auf einer Lesung oder einer Buchmesse werde beantworten können, warum also nicht Post in die Zelle? Die Adresse seines Gefängnisses finde man im Internet, schreibt Kurkow ermunternd. Dass russische Justizvollzugsanstalten nur Schreiben in der Landessprache weiterleiten, brauche niemanden abzuschrecken. Da finde sich sicher ein Übersetzer, und sei es ein automatischer, im Internet.

Ein eingekerkerter Schriftsteller, dessen Leser ihn dem Vergessen entreißen: das ist in der Tat keine alltägliche Konstellation. Das Schöne an Oleg Senzows Geschichtenband "Leben" ist allerdings, dass sie überhaupt nicht stört.

Dutzende Ukrainer in russischen Gefängnissen hoffen auf den neuen Präsidenten Selensky

Der ukrainische Regisseur Oleg Senzow ist inhaftiert in Russland, gehört also wie Dutzende Krimtataren und Matrosen zu jenen Ukrainern in russischen Gefängnissen, deren Hoffnung sich auf den neuen Präsidenten der Ukraine richten, Wolodymyr Selensky. Eine der wenigen Wahlkampfaussagen Selenskys war das Versprechen, die ukrainischen Gefangenen in Russland zu befreien, auch wenn wohl nicht einmal er selbst weiß, wie er das anstellen soll. Immerhin arbeiteten der einstige Fernsehkomiker Selensky und der Regisseur Senzow auf ähnlichem Gebiet.

Dabei ist Senzows Filmografie bisher eher übersichtlich. Sein erster Spielfilm "Gamer" mit Laiendarstellern aus der Videospiel-Szene lief erfolgreich auf Festivals, das darauffolgende Filmprojekt "Rhino" brach er ab, weil die Proteste auf dem Kiewer Maidan begannen. Nachdem Russland die Krim annektiert hatte, organisierte Senzow, der auf der Halbinsel geboren wurde, Lebensmitteltransporte für die ukrainische Armee, bis er im Mai 2014 vom russischen Geheimdienst verschleppt und von einem russischen Gericht angeklagt wurde.

Oleg Senzow brach seinen Hungerstreik nach 145 Tagen ab, als ihm Zwangsernährung drohte.

(Foto: dpa)

Die Vorwürfe, von Menschenrechtsorganisationen als Vorwand, als Witz, als Scheinanklagen kritisiert, lauteten, er sei Mitglied der rechtsextremen Partei "Rechter Sektor" gewesen und habe das Lenindenkmal und die Ewige Flamme in Simferopol sprengen wollen. Was folgte, war für viele Kunstschaffende ein neuer Tiefpunkt in der Beziehung Russlands zu Künstlern und Kritikern: 20 Jahre Haft, trotz der Proteste aus der Ukraine, Russland, dem Rest Europas, ein Hungerstreik, mit dem Senzow 64 ukrainische politische Gefangene in Russland freibekommen wollte und den er nach 145 Tagen abbrach, als ihm die Zwangsernährung drohte. 2018 verlieh ihm das Parlament der Europäischen Union den Sacharow-Preis für Menschenrechte. In Abwesenheit.

Wie es Oleg Senzow inzwischen geht, gesundheitlich, mental, ist unklar, denn er wurde in ein Lager nördlich des Polarkreises verlegt, also sehr weit weg für Angehörige und seinen Anwalt. Ohne eine Zeile mit ihm gewechselt zu haben, darf man allerdings vermuten, dass Oleg Senzow ein Mensch brettharter Prinzipien ist, man könnte auch sagen: von einer fast selbstzerstörerischen Sturheit.

Wenn man nämlich für einen Moment von der politischen Perspektive absieht, von der Expansion der russischen Skandaljustiz auf fremde Staaten, bleibt ja vor allem die Frage, warum sich jemand in eine solche Lage bringt. Warum sich in allen Konflikten und allen Unrechtsregionen dieser Welt Menschen immer wieder in solche Lagen bringen, solche Risiken eingehen, Freiheit und Leben riskieren.

Fragen wie diese nun führen schnurgerade zu Senzows Buch. Dafür hat der Verlag Voland und Quist acht im Jahr 2015 im Kiewer Laurus-Verlag erschienene Erzählungen von verschiedenen Übersetzern ins Deutsche übertragen lassen, und obwohl keine davon vom Maidan oder dem Krieg mit Russland handelt, erhält man eine Ahnung, wie Senzow wurde, was er ist.

"Meine Welt war begrenzt, hatte aber keine Grenzen, eine Schale voll kindlichem Glück."

Die Coming-of-Age-Geschichte auf der Krim beginnt mit dem Panorama einer goldenen sowjetischen Kindheit. Der Leser trifft den kleinen Oleg, einen schmächtigen, kränklichen Jungen, der einen zottigen Hund namens Dick besitzt, von ungarischen Spielzeugsoldaten träumt und die Anfangsmelodie der Fernsehserie "TASS ist ermächtigt zu ermitteln" liebt. Der Duft von Bratkartoffeln gehört zu dieser Kindheit und Straflager für Kartoffelkäfer aus Sperrmüll. "Meine Welt war begrenzt, hatte aber keine Grenzen", schreibt Senzow: "Sie war voll, eine Schale voll kindlichem Glück."

Oleg Senzow: Leben. Geschichten. Aus dem Russischen von Irina Bondas, Andreas Tretner u.a. Verlag Voland und Quist, Dresden und Leipzig 2019. 112 Seiten, 16 Euro.

(Foto: )

Die Sentimentalität dieser Erinnerung dürfte sich von jener vieler westlicher Leser so wenig unterscheiden wie der Schrecken, der folgte: die Schule. Gewiss, der Drill, die Routine, die "klebrig-zähen Unterrichtsstunden" entstammten dem sowjetischen Bildungshorror. Aber die schlimmsten Kämpfe des Schülers Oleg waren nichts Ungewöhnliches. Er, der Begabte und Redegewandte, brachte seine Lehrer gegen sich auf, weil er unentwegt Fragen stellte, und seine Mitschüler, weil seine Aufsätze über russische Literatur als vorbildlich vorgelesen wurden, woraufhin ihn die anderen Kinder einmütig, erbarmungslos und ausdauernd quälten. "Ich wollte immer sein wie alle, aber es ist mir nie gelungen", schreibt Senzow: "Mein ganzes Leben bin ich schon für mich und stehe abseits."

Da schwingt Fatalismus mit, aber in Wahrheit ist sein Außenseitertum natürlich eine selbst getroffene Wahl, und vielleicht nicht mal die schlechteste. Er berichtet von Schlüsselmomenten, die ihn prägten, als sich beispielsweise im Krankenhaus ein Schnösel über einen Jungen mit Downsyndrom lustig macht, Senzow schweigt, sich dieses Schweigen übel nimmt und schwört, fortan einzuschreiten, wenn ein Mensch gedemütigt wird.

Bei genauerem Hinsehen wird Senzows Sonderrolle nicht nur zu einer moralischen Überlebensstrategie, sondern auch der Weg zu künstlerischer Unabhängigkeit. Er schafft es trotz Durchschnittsabschluss auf eine Hochschule, verkauft nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Schlankheitsmittel, wird Gamer und schließlich Filmemacher und Schriftsteller. Senzow ist ein Autodidakt, ein Selfmademan, einsam vielleicht, aber auch unabhängig und ganz sicher Welten entfernt von den verkrachten Freunden seiner Kindheit, von Makar, Taxik und Oleg, mit denen er einst Fußball spielte, aber die inzwischen saufen, Sekten beigetreten oder fett geworden sind.

Nichts von alledem erklärt, warum er in einem sibirischen Lager gelandet ist. Seine Geschichten zeigen ihn als idealistischen, etwas naiven, möglicherweise sogar selbstgerechten Menschen. Aber es brauchte eine geopolitische Krise und eine gelenkte Justiz, damit diese Eigenschaften lebensgefährlich wurden.

Die Adresse seines Gefängnisses lautet: FKU - IK8, 629400 Nenezkij-awtonomnyj Okrug, Gorod Labytnangi, Uliza Sewernaja 33.