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Olafur Eliasson in der Tate Modern:Ausgestopft

Mit wundersamen Verbindungen von Kunst, Natur und Technik hat Olafur Eliasson die Museumswelt begeistert. Doch jetzt scheinen seine Sensatiönchen nicht mehr in die Gegenwart zu passen.

Von Catrin Lorch

Das "Weather Project" war einer der größten Momente der zeitgenössischen Kunst - als ginge die Sonne auf inmitten eines nebligen Herbstes in London, das im Jahr 2003 noch keine Kunstmetropole war und dem die Dimensionen der neuen Tate Modern Gallery, eines früheren Kraftwerks am Themseufer, noch fast unheimlich waren. Doch die rotglühende Sensation zog damals mehr als zwei Millionen Besucher in die gewaltige Eingangshalle, die Olafur Eliasson mit tausenden von Quadratmetern Spiegelfolie und einem Halbkreis aus roten Lampen in ein Wunder verwandelt hatte.

Danach war Olafur Eliasson ein Star, ein isländisch-dänischer Berliner Künstler, der in den Neunzigerjahren von der jungen Szene geliebt wurde für fast anarchische Interventionen, der zur Vernissage die Spree in leuchtendem Grün einfärbte oder einen handelsüblichen Ventilator in ein gefährlich taumelndes Flugobjekt verwandelte, indem er ihn an einer langen Kette unter die Decke hängte. Der Künstler, der Regenbogen aufscheinen und Dauerregen auf Glasscheiben simulieren konnte, schloss die Kunst mit Natur und Wissenschaft kurz, war anrührend und überwältigend in der Rolle des Naturburschen in den Laboratorien der Großstadt.

Eliassons "Model Room" erinnert ein wenig an Modellbaulandschaften in deutschen Bahnhofshallen.

(Foto: Anders Sune Berg)

Nach dem "Weather Project" war das Image gefestigt: Olafur Eliasson war der Romantik insoweit verpflichtet, als er die Natur in ihrer Fragilität zeigte, aber eben auch ein Kind des 20. Jahrhunderts, das mit den Errungenschaften der Technik spielte wie mit Bauklötzen. Eliasson ließ Wunder nicht nur geschehen, er griff auch ein. Die Kunst, die sich den Kräften der Natur anvertraut hatte, wurde zur formenden Kraft. Spiegel, Linsen und Diskokugeln trieben die Visionen an, ließen sie funkeln.

Eliasson ließ Wasserfälle vor Manhattan in den East River stürzen, simulierte Quellen im dänischen Louisiana-Museum und begnügte sich nicht mehr damit, eine zwanzig Meter breite, sanftgrüne "Moss Wall" (1994) zu pflanzen, sondern plant ganze Parkanlagen für afrikanische Mega-Citys. Eine Seitenlinie seines Werks ist die "Little Sun", ein solargetriebenes Lämpchen mit gelbem Plastikrand, das afrikanische Slums erleuchtet und dessen Erlös gewaltige Solarprojekten zugute kommt.

Wenn das Klimawandel-Kunst sein soll, dann fragt man sich: Wie sieht denn Eliassons Energiebilanz aus?

Doch die neue Ausstellung "Olafur Eliasson. In Real Life" am Ort seines größten Triumphes, der Tate Modern, ist keine überwältigende Rückschau. Dass die Sache nicht aufgehen wird, davon bekommt man schon im ersten Saal eine Ahnung. Dort ist der "Model Room" aufgebaut, ein Tisch voller Modelle, der an eine futuristische Mini-Stadt erinnert, vor allem aber an die großartigen "Kandors" von Mike Kelley, für die der Geburtsort von Superman die Blaupause ist. Allerdings hat Eliasson die Installation vorsichtshalber in einen Glaskasten gesetzt, so dass sie dasteht wie die Modellbaulandschaften in deutschen Bahnhofshallen. Das Ganze strahlt nicht die gebündelte Kraft unzähliger Visionen aus, sondern wirkt schlichter, verschrumpfter.

Die „Big Bang Fountain“ sprudelt bedeutungsschwer im Stroboskoplicht.

(Foto: Anders Sune Berg)

Der anschließende Parcours zerfällt in eine Folge von Sensatiönchen - vom 39 Meter langen vernebelten Gang "Your blind passenger" bis zu dem Saal, in dem Wasser im Stroboskopenlicht sprudelt. Die Werke, die so eindrucksvoll in die Stille von Museen oder die Abfolge von Gruppenausstellungen einbrachen, addieren sich aber nicht zur Gesamtheit, sie lassen sich einfach nur auf viele Nenner bringen. Überraschend ist vor allem, dass vieles nicht mehr wirklich frisch wirkt. Die "Moss Wall" verströmt heute nicht die Aura von Flechten und Geröllfeldern, sondern evoziert die gedämpfte Stimmung veganer Boutiquen. Diese Art von gebändigter und ausgestellter Natur ist nicht einmal mehr im Rückblick visionär. Während Wissenschaftler derzeit - nur zum Beispiel - den unterirdischen Verbindungen von Pilzen nachspüren, man gerade erst beginnt, die Dimensionen alles Biologischen zu erfassen, liegt "Natur" hier wie ausgestopft da.

Natürlich ist es einen Versuch wert, mit diesem moosgrünen, wasserhellen Werk die heutigen Diskussionen um Klimawandel und Anthropozän zu kapern. Aber auch die aus dem ewigen Eis eines grönländischen Fjords geschnittenen Blöcke, die im vergangenen Jahr in London, von Eliasson "Ice Watch" betitelt, vor der Tate und dem Bloomberg-Gebäude schmolzen, wirken nun weniger wie ein Protest gegen schmelzende Polkappen denn wie ein gut platzierter Hinweis auf die eigene anstehende Großausstellung. Diese bewirbt sich jetzt auf dem Vorplatz mit einem elf Meter hohen Wasserfall. Die Bilanz, wie viel Energie und Wasser für diesen Zierbrunnen verbraucht werden, wird hoffentlich der Jahresbericht des Museums aufbereiten.

Olafur Eliasson: In Real Life. Tate Modern, London, bis 5. Januar.

© SZ vom 25.09.2019

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