Politisches Sachbuch für Jugendliche:Lass uns Freunde sein

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Sich zusammentun, ist gut. Aber mit wem? Und vor allem: mit wem nicht? (Foto: Christian Mang/Reuters)

"Ohne euch wär's echt scheiße!" von Jörg Bernardy und Lisa Krusche ist ein Theorie-Handbuch für die junge, politisierte Generation.

Von Kathleen Hildebrand

Wenn die vergangenen fünf Jahre eines gezeigt haben, dann dass man jungen Menschen nun endgültig nicht mehr den Vorwurf mangelnder Politisiertheit machen kann, nicht einmal mehr im satten Westeuropa. Von Greta Thunberg über Luisa Neubauer bis hin zu den Aktivisten und Aktivistinnen der "Letzten Generation" haben Jugendliche und junge Erwachsene sich in überwältigendem Maß Gehör verschafft. Sie reden vor den Vereinten Nationen, in Fernsehtalkshows und kleben sich auf Straßen fest. Sie gehen für ihr Anliegen, ernsthaften Klimaschutz, sogar ins Gefängnis. Und vor allem: Sie tun sich zusammen. Auch das ist etwas, was die sogenannte Jugend im Zeitalter des Handystarrens, angeblich nicht mehr kann.

Der Hamburger Autor und Philosoph Jörg Bernardy hat nun ein anspruchsvolles, aber trotzdem sehr gut lesbares Kompendium von Theorien vorgelegt, mit dem sich sehr viel von dem fassen lässt, was passiert, wenn Menschen sich zusammenschließen: nämlich oft viel Gutes, wie der Titel "Ohne euch wär's echt scheiße" nahelegt. Aber eben auch nicht so Gutes. Denn befreundet ist man eben nie mit allen - wen also schließt man aus? Bernardys mehrseitige Kapitel, in denen er antike Philosophen, Hannah Arendt, Jacques Derrida, aber auch Zeitgenossen und -genossinnen wie die Historikerin Mary Beard zitiert, handeln von Kapitalismus und Einsamkeit, von Gefühlen und ihrem Platz in der Politik und von der Vermarktung menschlicher Verbindungen in den sozialen Netzwerken.

Dazwischen stehen literarische Miniaturen, Gedichte und Kurzgeschichten der jungen Schriftstellerin Lisa Krusche. Sie hat vor zwei Jahren am Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teilgenommen, den Deutschlandfunk-Preis gewonnen und mit "Das Universum ist verdammt groß und supermystisch" 2021 einen von der Kritik enthusiastisch gelobten Jugendroman veröffentlicht. Ihre Texte erden die Theorie, holen sie zurück in den emotionalen Nahraum. Etwa wenn sie den inneren Monolog eines Jungen aufschreibt, der seinen besten, aber leider weit weggezogenen Freund besucht oder den Konflikt beschreibt, den ein anderer mit sich herumträgt: Sein Freund mobbt einen Klassenkameraden. Aber soll er ihn deshalb bei der Vertrauenslehrerin verpetzen?

Jörg Bernardy und Lisa Krusche: Ohne euch wär's echt scheiße! Von Freundschaften, Netzwerken und politischen Bewegungen. Beltz und Gelberg, Weinheim 2022. 154 Seiten, 17 Euro. Ab 14 Jahren. (Foto: Beltz & Gelberg)

Bernardy fängt beim Kleinsten und deshalb Anschlussfähigsten an: der Freundschaft zwischen zwei Menschen. Er unterscheidet zwischen lockerer Zweck- und inniger Charakterfreundschaft, lässt den bei diesem Thema unvermeidlichen Montaigne zu Wort kommen, und - das ist das Interessanteste an Bernardys Herangehensweise - er ergeht sich nicht in romantischen Verklärungen, sondern zeigt gleich auch die Schattenseiten der Verbindung mit ausgewählten anderen. Mit Pierre Bourdieus Kapitaltheorie erklärt er, dass es auf sehr vielen Ebenen zählt, mit wem man befreundet ist. Wenn das wohlhabende, einflussreiche Menschen sind, ergeben sich daraus vielleicht kostenlose Ferien an schönen Orten oder ein Praktikumsplatz, der offiziell gar nicht ausgeschrieben ist.

Nie bleiben sie beim Klischee "Freundschaft = gut" stehen, sondern fragen weiter, bohren tiefer

Freundschaften können soziales Kapital sein. Sie sind nie unpolitisch. Sie bedeuten Macht. Denn wenn sie, wie die antiken Philosophen es für ganz selbstverständlich hielten, zwischen "Gleichen" entstehen, reproduzieren sich Eliten - und halten die meisten anderen außen vor. Also historisch meist Frauen, Arme und solche, die nicht der männlichen, heterosexuellen, wohlhabenden "Norm" entsprachen.

Das Wunderbare an diesem Buch ist, dass Bernardy und Krusche ihre Leser intellektuell so ernst nehmen. Nie bleiben sie beim Klischee "Freundschaft = gut" stehen, sondern fragen weiter, bohren tiefer. Sie fragen nicht nur, warum man mit wem befreundet ist. Sondern auch, warum mit sehr vielen nicht - sei es, weil sie in der Schule zufällig am anderen Ende des Klassenzimmers sitzen oder weil sie einer anderen Religion, Kultur oder sozialen Schicht angehören. "Vielleicht", schreibt Bernardy gegen Ende des Buchs, "wäre für die Zukunft anstelle von ,Gleichheit unter Gleichen' der Slogan ,Gleichheit unter Verschiedenen' oder ,Diversität unter Gleichen' passender. Oder, wie die Philosophin Hannah Arendt in ihrem Aufsatz Was ist Politik? schreibt: ,Politik handelt vom Zusammen- und Miteinandersein der Verschiedenen.'" Bei der Lektüre dieses Handbuchs, das fantastisch gemacht ist für eine neue, politisierte Generation, geht es nicht immer nur gemütlich zu. Man fühlt sich manchmal ertappt, aber gerade das kann den Horizont erweitern.

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