"Oh Schimmi!" von Teresa Präauer Präauers Villa Kunterbunt ist eine Hommage an das Äffische

"Oh Schimmi" erzählt zwar von einem jungen Mann in Liebesnöten, ist vielleicht der Roman einer ziemlich verrückten Familie oder eines ganz schön bildungsfernen, in Problemvierteln hausenden Milieus, könnte aber möglicherweise als gesellschaftskritische Satire auf die gesellschaftskritische Satire gelesen werden.Oder auch als Hommage an alles Äffische. Ganz nach Belieben. Linst man aber erst mal mutig in diese Villa Kunterbunt (nichts anderes ist "Oh Schimmi") hinein, wird einem sofort Folgendes passieren: Mit einem Stoßseufzer der Erleichterung macht man sich frei und lässt alle Hüllen fallen, Hüllen, die da heißen Inhalt, Bedeutung und Form.

Stattdessen folgt man Schimmis, also Teresas Gesetz, setzt die Affenmaske auf und dekliniert frei nach den "Dri chinisin mit dim Kintribiss" alle Affen der Sprach- und Literaturgeschichte von vorn bis hinten durch, wortwörtlich und unter diversen Verballhornungen logischer Denkregeln, moralischer Gebote und grammatischer Disziplinarmaßnahmen. Slapstick und Spektakel sind dabei die Lockstoffe für libertinäre Vergnügungssüchtige, ein Potpourri literarischer und anderweitiger Jingles sind die Belohnung für den gebildeten Freak. Das Buch eben nicht als Affe, sondern als Pferd - und der Leser als Rodeoreiter. So ungefähr muss man sich die Lektüre vorstellen.

Albern und klug zugleich

Anders als bei "Johnny und Jean" ist der denkbar einfache Plot - Jimmy will eine Frau wie der Schimmi die Banane - dieses Mal unverkennbar ein Alibi, um die Polonaise der mutigen Leser in den virtuellen Großstadt-Dschungel zu führen. Immerhin mit dem "hottesten Obermakaken" (Trommelwirbel), dem "man you love to hate" (Fanfare), dem "schlimm, schlimmer, Schimmi"-Jimmy an der Spitze, der als "herrlicher Reiter mit Motorradhelm und Ellbogenschützern auf einem galoppierenden Schaf" vorweg turnt und das hohe Lied der Minne auf seine Weise deklamiert. Anders gesagt: Tarantino meets Dorota Masłowska, Cervantes meets Monika Rinck. Soll heißen: "Oh Schimmi" ist nicht nur albern, sondern auch klug, ja sogar der eigenen Autorin gegenüber subversiv.

Tier werden

Einen Vogel haben hilft

Teresa Präauer ist derzeit Samuel-Fischer- Gastprofessorin an der FU Berlin. Sie beschäftigt sich mit dem Flugwesen und kennt gute Gründe für einen Lehrstuhl "poetische Ornithologie".   Von Jutta Person

Ziehen wir dafür ein Beispiel aus dem Diskurs-Dropping heran ("Oh Schimmi" ist nämlich auch ein Diskurs-Roman), dann bekommt Jimmys Vater einen Auftritt, der weit schlimmer als Schimmi ist. "Wo das Blut des Bürgerkriegs noch am Boden klebe, dort sei er zur Stelle und tätige sein hochriskantes Investment. Das stütze die zusammengebrochene Wirtschaft und sei eine Chance für den Wiederaufbau einer bald demokratischen Gesellschaft", zitiert Präauer verdächtig deutlich die väterliche, nämlich neoliberale Ideologie. Sie rüttelt aber gleich am eigenen politisch korrekten Ross und bringt es durch den peinlichen ideologiekritischen Allgemeinplatz aus dem Takt.

Bei dieser Autorin steht man nur sicher auf dem Boden der Möglichkeiten

Trotzdem bleibt, in der Ecke, neben dem getrockneten Blut, die Kritik im Raum. Teresa Präauer schiebt sie eben mit der Spitze ihrer High Heels dem Leser zu. Oder sollte man es mit den Worten der ausgebeuteten Putzfrau Guadelupe sagen, die Jimmy in die Geheimnisse des weiblichen Orgasmus einführt und uns in die Kunst des Lesens: "also, pass auf, du öffnest die Zuckerdose und so weiter, ja, ja, du kostest sie, nein, auf keinen Fall gleich alles ausschlecken, nein, du wartest einen Moment, du machst dies und das, ja, auch mit den Fingern, nein, nicht sofort ganz hinein, zuerst außen, ein bisschen auch an die heilige Jungfrau dabei denken."

Subkutan spürt man im Witz die Wahrhaftigkeit. Sie ist es, die Präauers Ironie von jener der Neunzigerjahre unterscheidet. Wo damals gähnende Leere herrschte, weil niemand mehr an etwas glaubte, da gibt es bei Teresa Präauer die Kunst. Aber keineswegs als Religion, sondern als Aufforderung zur "Schimmifikation". Die bedeutet nicht, sich die Welt zu machen, wie sie einem gefällt, sondern bloß, die real existierenden Klappen zu öffnen, um desto sicherer auf dem Boden der Möglichkeiten zu stehen. Oder offensiver und im Affenzahn gesagt: "Was grau gewesen, wird jetzt bunt." Also Augen auf!

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