bedeckt München 20°

Offener Brief an Mick Jagger:Satisfaction garantiert

Lieber Mick, Deine Rolling Stones machen auf jung, Berlin macht auf jung. Jetzt kommst Du nach Berlin. Das ist gut so, denn hier gibt es ein paar Läden, die sogar noch Deine Lieder spielen.

Lieber Mick, du kommst in eine Stadt und in ein Alter, wo das alles nicht mehr so leicht ist. Festival-Wonneproppen Dieter Kosslick hat dich zur Berlinale eingeladen, und Du, Keith und die anderen habt zugesagt. "Shine a light" eröffnet an diesem Donnerstag die Berlinale, ein Dokumentarfilm über die Rolling Stones.

Immer für eine Feier zu haben: Mick Jagger.

(Foto: Foto: dpa)

Martin Scorsese hat ihn gemacht. Man hat ja immer ein bisschen Angst, wenn Scorsese einen Film dreht, ohne dass De Niro in der Nähe ist. Hier sagen viele, dass ein Film über die Rolling Stones in etwa so dringlich ist wie einer über Mundspülungen, aber wahrscheinlich ging es Scorsese nicht darum, einen wichtigen Film zu machen. Das sollten Dokumentarfilme ja eigentlich sein.

Vermutlich hat Scorsese das Ding nur gedreht, um sich wieder jung zu fühlen. Jugend, die mal war. Schau, wie schön es früher war, ein Weißt-Du-noch-Film - das ist ja in Wahrheit der Grund, warum Du noch da bist, warum seit einiger Zeit immerzu irgendwelche Filme von toten oder fast toten Musikern im Kino laufen.

Lieb gemeinte Ratschläge

Es geht in den Filmen in Wahrheit gar nicht um die Geschichte der Musiker, es geht um die Geschichte des Zuschauers. Die Jugend des Zuschauers, die Jugend des Fans, die Jugend der nicht mehr so jungen Männer in den Ressortleitungen der Zeitungen und Magazine, die das alles ein bisschen ironisch kommentieren, aber die Filme dann doch ganz groß ankündigen. Nostalgie ist gedachte Heimat, und sie verkauft sich gut, fast so gut wie Sex und Eisbär-Babys mit schwieriger Sozialprognose.

Nun, lieber Mick, da es bei Deinem Aufenthalt in der Stadt eigentlich um Jugend geht und Du die nächsten Tage in einer der jüngsten Hauptstädte Europas sein wirst, einer Stadt, von der alle immerzu schreiben wie wild, wie pulsierend, wie aufgedreht, ja, wie jung sie ist, hier einige Ratschläge. Eine lieb gemeinte Handreichung für das Nachtleben. Nicht mehr.

Total underground

Bestimmt werden die von der Agentur Dir sagen, wo Du ausgehen sollst, welche Clubs gerade gehen, was man gesehen haben muss. Dazu Folgendes - man muss nichts gesehen haben. Es gibt ein paar sehr nette Läden, aber warum die alle ausrasten, weil ein paar junge Menschen irgendwann Anfang der Neunziger ein paar alte Boxen in alte Keller der Stadt gestellt haben, und das Ganze nicht bei der Stadt anmelden, versteht kein Mensch. Das Berliner Nachtleben ist gut, es ist sogar sehr gut, aber es ist nicht so, dass man wirklich etwas verpasst, wenn man es nicht erlebt.

Sollte in Deinem Betreuer-Stab jemand aus München, Düsseldorf oder Frankfurt sein, sag' ihm das. Das andere: Du kannst Dich in Berlin wie ein Popstar benehmen. Hier benehmen sich alle wie Popstars, die Barleute in den Clubs, die Taxifahrer, alle. Die Menschen hier werden Dich so hässlich behandeln, wie Keith Richards aussieht. Sie meinen es nicht so. Heißt es. Gewöhn' Dich also daran. Das geht.

Die wohl entscheidende Frage für einen Popstar während der Berlinale ist, wo man hingeht. Nun, die Berliner Club-Szene wird gerade ein bisschen erwachsen, heißt es. Das bedeutet, dass die Getränke teurer werden, die Läden schicker, die Türsteher hysterischer und die Gespräche der Gäste ironischer. Viele Medienleute, Du kennst das wahrscheinlich aus London.

Sehr angesagt ist zum Beispiel gerade die Bar Tausend. Den Laden gibt es noch nicht so lange. Der Chef will nicht, dass man die Adresse sagt. Das Ding soll geheim bleiben. Ehrlich gesagt, ist das ein bisschen komisch, weil jeder weiß, wo der Laden ist. Falls nicht, ganz einfach, lass Dich einfach zu einer Kneipe in Mitte fahren, die Ständige Vertretung heißt - ist gleich neben dem Bahnhof Friedrichstraße - von da 20 Meter links, wo die Schlange ist. Oder, wenn Du es für dich behältst: Bar Tausend, Schiffbauerdamm 11, Unter der Eisenbahnbrücke, 10115 Berlin.

Sabber aus den Mundwinkeln

In dieser Bar sind angeblich die Schönen und Coolen der Stadt. Von außen ist kein Schild drand. Man muss klopfen, total underground. Drinnen schick, ein bisschen retro, ein bisschen edel, insgesamt ein bisschen unnötig, aber deine Presse-Leute werden Dir den Laden empfehlen. "Really hot shit", werden sie sagen. Geht so, kannst Du antworten. Nett.

Fast schon ein Klassiker ist das Rodeo. Wenn Du sehen willst, was Jude Law mit Frauen macht, wenn er irgendwo in einen Club kommt, dann hättest Du vor ein paar Wochen hier sein müssen. Er geht da häufiger hin, heißt es. Er hat angeblich "eine gute Freundin" in der Stadt. Der Türsteher im Rodeo ist Grieche, netter Kerl. Der Club ist in der Auguststraße in Mitte, ein altes Postamt, etwas verratzt, aber okay. Angeblich ist es ein wenig out, weil der Grieche zu viele Leute reingelassen hat. Mag sein. Vielleicht sollte man dem Laden aber eine Chance geben, wie gesagt, vielleicht ist Jude Law wieder da, und man kann wieder sehen, wie Frauen etwas Sabber aus dem Mundwinkel in die Cocktails tropft.

Eher was für Keith dürfte das Weekend sein. Musik, die sich leichter mit Drogen erträgt. Die Jungs vom Weekend sind richtig lustig. Sie versuchen, in wirklich jedem Reiseführer zu stehen, und gleichzeitig auf total "in" und "closed shop" zu machen. Dass sie halbwegs damit durchkommen, liegt an der Lage. Das Weekend ist am Alexanderplatz, in einem Hochhaus, kennt auch jeder. Du kannst oben tanzen, wenn Du Techno, House und solche Sachen magst, und über Berlin schauen. Ist sehr fotogen die Stadt, auch ohne Wolkenkratzer.

Eine der wenigen Läden, die noch Deine Musik spielen

Ein Club, der nicht so weit weg ist, vom Potsdamer Platz, in dem ja die Premiere heute Abend stattfindet, heißt Felix. Das Felix versucht jetzt ein bisschen edler zu werden, strengere Tür, mehr Niveau, mehr Chichi. Wie gesagt, da geht der Trend jetzt hin in Berlin. Nun, bisher hatte das Felix etwas Edelpuffiges, viele Arschgeweih-Frauen, viel toupiertes Haar, viel bauchfrei, hätte Dir gefallen. Jetzt versuchen sie es mit mehr Niveau. Naja. Wenn Du einen Ort brauchst, den Du komplett mieten willst, dann ist vermutlich das Felix richtig.

Zum Abschluss ein Laden, der wirklich der absolute Knaller ist. Alte Kantine, Kulturbrauerei, Prenzlauer Berg. Das Bier ist billig, die Musik laut, die Männer haben T-Shirts an, auf denen steht - "Das einzige Gemüse, das ich mag, ist Bier" oder "Sport ist Mord - nur Sprit hält fit". Es riecht ab einer gewissen Uhrzeit nach Erbrochenem, und wenn es ganz spät wird, und Puhdys, Grönemeyer und Police schon liefen - dann kommt auch ein Stück von Dir. Satisfaction, es ist garantiert Satisfaction. Einer der wenigen Läden, die noch Deine Musik spielen - ein ehrlicher, ein aufrichtiger Laden, so wie früher, in der guten alten Zeit, als wir alle noch jung waren.

Bildergalerie

Dieses wurstige Gefühl auf der Bühne: Mick Jagger