Süddeutsche Zeitung

Offener Brief an die Deutsche Filmakademie:Weihnachtsmann fehl am Platz

Filmkritiker rufen die Deutsche Filmakademie in einem offenen Brief auf, das derzeitige Vergabeverfahren beim Deutschen Filmpreis zu überdenken. Denn das Konsenskino werde bevorzugt, das künstlerische Extreme ebenso wie Kassenerfolge außen vor lässt. Zu den Unterzeichnern zählen auch SZ-Redakteure, die das hohe Preisgeld für problematisch halten.

In diesen Tagen geht den Mitgliedern der Deutschen Filmakademie ein offener Brief zu, ein Aufruf zur Diskussion - unterzeichnet von einer Gruppe deutscher Filmkritiker. Kollegen von FAZ, Zeit, Welt, Tagesspiegel, taz und Berliner Zeitung unterstützen den Appell, ebenso Kritiker der öffentlich-rechtlichen Radiosender, dazu von Fachmagazinen wie Cargo und epd Film. Auch die Filmredaktion der SZ, vertreten durch Fritz Göttler und mich selbst, ist dabei.

Ziel ist es, noch einmal ein grundsätzliches Nachdenken über den Deutschen Filmpreis in Gang zu bringen, den die etwa 1300 Mitglieder der Filmakademie vergeben. Es ist der höchstdotierte deutsche Kulturpreis. "Anders als bei den Oscars, Césars oder Goyas feiert sich hier nicht nur eine Filmbranche selbst, sondern vergibt darüber hinaus eine Preissumme von fast drei Millionen Euro, die aus dem Etat des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien zur Verfügung gestellt wird", heißt es in dem Schreiben. "Hieraus erwächst für die Akademie eine große Verantwortung, weil die Preisgelder für künftige Filmprojekte vorgesehen sind. Ist diese Vermischung von Förderungspolitik und der Auszeichnung künstlerischer Leistungen unverrückbar festgeschrieben? "

Tatsächlich würden wohl selbst die Mitglieder der Akademie in ihrer Mehrheit nicht behaupten, dass das derzeitige Nominierungs- und Preisvergabeverfahren zufriedenstellend funktioniert.

Regisseure und Produzenten wie Til Schweiger oder Bernd Eichinger, die beim Publikum erfolgreich waren, fühlten sich in der Vergangenheit oft wegen ihrer Kommerzialität benachteiligt oder ausgeschlossen - nicht förderungs- und damit hauptpreiswürdig, weil ohnehin Bestverdiener.

Filmemacher, die hohe künstlerische Risiken eingehen und Neues wagen wollen, sehen sich auf entgegengesetzte Weise diskriminiert: Ohne Chance auf eine kulturelle Förderung, die sie dringend brauchen könnten - weil ihre Arbeit weder mit dem Geschmack des Massenpublikums noch mit dem Mehrheitsgeschmack der 1300 Filmakademiemitglieder kompatibel ist, die in geheimer demokratischer Wahl über die Preisvergabe abstimmen.

"Die Entscheidungen der letzten Jahre zeigen eine unübersehbare Tendenz zum kleinsten gemeinsamen Nenner, zu einem Konsenskino, das künstlerische Extreme ebenso wie große Kassenerfolge von vornherein ausschließt", heißt es weiter. "Kann man 'John Rabe' (Goldene Lola 2009) und 'Vincent will Meer' (Goldene Lola 2011) tatsächlich als die herausragenden Filme ihres Jahrgangs prämieren? (. . .) Wir möchten daher an die Akademie appellieren, ihre grundsätzliche Aufstellung, zumindest aber ihr Auswahl- und Abstimmungsverfahren noch einmal gründlich zu überprüfen."

Wie die Misere zu beheben wäre, darüber herrscht auch bei den unterzeichnenden Kritikern natürlich kein Konsens. Einige plädieren dafür, weiter an den Details der Nominierungs- und Abstimmungsregeln zu arbeiten; andere zweifeln an der kollektiven Kompetenz der Akademiemitglieder, staatliche Gelder an die eigenen Kollegen zu verteilen, und wünschen sich neue Gremien.

In der SZ-Filmredaktion wiederum verdichtet sich das Gefühl, dass die andauernden Probleme des Deutschen Filmpreises mit dem grundsätzliche Dilemma zusammenhängen, dass man entweder künstlerische Leistungen feiern oder staatliche Fördergelder verteilen kann - aber schlecht beides zugleich.

Die Frage an die Mitglieder der Akademie, welche Leistungen der Kollegen sie durch Filmpreise würdigen wollen, müsste von allen finanziellen Überlegungenen frei sein. Dann hätte man, wie bei vielen anderen Preisgalas, eine klare Auseinandersetzung der Branche mit sich selbst, zwischen Tradition und Innovation, Befriedigung und Herausforderung des Publikums. Die Entscheidungen, die dabei herauskämen, müsste man nicht immer richtig finden - aber spannend wären sie allemal, wie man an den Oscars sieht. Und: Der Deutsche Filmpreis hat nach Jahren der Aufbauarbeit inzwischen Aufmerksamkeit genug, ganz für sich zu stehen.

Was aber wird aus den drei Millionen Euro Fördergeldern, die der Kulturminister gern symbolisch übergibt, zusammen mit den Filmpreisen - wie ein feixender Weihnachtsmann, der Geschenke verteilt? Sie fallen bei den rund 300 Millionen Euro, die Bund und Länder jährlich ohnehin in die Filmbranche pumpen, nicht weiter ins Gewicht. Man könnte sie einfach in einen anderen Topf werfen, zur besonderen Verwendung für Filmemacher, die Zukunft und Erneuerung versprechen.

Das Schönste aber wäre, dass der deutsche Film, sonst gänzlich von der Gnade seiner Förderer abhängig, wenigstens an einem Abend im Jahr so etwas wie Freiheit spüren dürfte. Keinen Bückling machen, keinem Minister danken - wie toll wäre das denn? Es könnte direkt zu neuen Meisterwerken anspornen.

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Quelle:
SZ vom 18.10.2012/pak
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