Österreichs "Heimkehr ins Reich" Die Opfer, die jubelten

1938 marschierte Hitler in Österreich ein und annektierte das Land. Lange Zeit stellten sich die Österreicher als erste Leidtragende der NS-Gewalt dar. Nun bewerten sie ihre Rolle neu.

Von Cathrin Kahlweit, Wien

Es gibt jetzt mehr Nazis in Wien als achtunddreißig. Jetzt kommen sie wieder aus allen Löchern heraus, die über vierzig Jahre verstopft gewesen sind", heißt es in "Heldenplatz". Solche Texte mochten altgediente Burgschauspieler 1988 nicht sprechen, und schon gar nicht mochten sie sagen, Österreich sei eine "Kloake, verlottert und vermodert und verkommen". Das Stück von Thomas Bernhard, das seine Landsleute empörte, hätte 1988 zum 100. Geburtstag des Burgtheaters uraufgeführt werden sollen. Weil aber einige Burg-Stars ihre Rollen voller Wut zurückgaben, kam das Skandalstück erst mit einem knappen Monat Verzögerung auf die Bühne.

Was es auslöste - Beschimpfungen, Demonstrationen, Drohungen gegen den deutschen Intendanten Claus Peymann: Heute ist das alles Geschichte. In Wien lächelt man darüber, ein wenig verschämt, weil man als Österreicher ja tatsächlich hart im Nehmen sein musste, um sich als Teil einer großen post-nationalsozialistischen Verschwörung hinstellen zu lassen.

Und weil der Kloakengeruch andererseits eben doch übers Land wehte. Schließlich hatte das Land gerade erst die weltweite Debatte über den Beschönigungspräsidenten Kurt Waldheim hinter sich gebracht, der seine Rolle in der Wehrmacht verschwiegen und einen "Pflichterfüllungs-Diskurs" in Gang gesetzt hatte, wie das Österreichs Zeithistoriker heute nennen. Konnte es, fragte Waldheim, falsch sein, wenn man doch nur seine Pflicht getan hatte? Die meisten Österreicher nickten, nein, Pflichterfüllung war richtig, Waldheim wurde Bundespräsident, und die Mär von Österreich als Hitlers erstem Opfer lebte noch eine Weile weiter.

Und das Land blieb ja auch verlottert, im Bernhardschen Sinne zumindest. Die neuen Rechten unter Haider ("Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann . . . oder Kunst und Kultur?") wurden groß und regierten schließlich mit. Die Welt stand Kopf, erst Sanktionen wegen Waldheim, dann wegen der FPÖ, das nahmen viele Österreicher persönlich. Zumal die Deutschen immer vorne dran waren mit ihrer Kritik und sich als bessere Vergangenheitsbewältiger gerierten.

Nationalsozialismus

Wie Hitler an die Macht kam

Die zweite Republik brauchte lang, bis die Bereitschaft da war, sich mit der Rolle der Politik und der Bevölkerung in den Jahren zwischen 1933 und 1938 und vor allem im schrecklichen Frühling 1938 auseinanderzusetzen. In diesem Jahr nun jährt sich der Tag des Anschlusses zum 75. Mal, und vieles, ja fast alles ist anders. Zwar stellen die Grünen anlässlich des Jahrestages kritisch fest, dass die Republik bis heute ihre Kriegsopfer, etwa in der Krypta am Heldenplatz, höher in Ehren halte als etwa Widerstandskämpfer oder Deserteure - und fordern daher als Zeichen des Respekts endlich ein angemessenes Denkmal für Deserteure wie auch die Umbenennung von Kasernen und öffentlichen Orten, die immer noch nach Kriegsverbrechern benannt sind.

So recht sie haben - das sind die üblichen Begleiterscheinungen eines jeden Gedenktages, der im Zusammenhang mit der NS-Herrschaft steht. Viel ist nicht geblieben von jener aufgeheizten Atmosphäre, die die Gedenkfeiern März für März über viele Jahre hinweg prägte.

Der Historiker Oliver Rathkolb hat denn auch beobachtet, dass die Debatte "lange nicht mehr so emotional aufgeladen" ist. Und dass sich der Forscherblick weg vom Opfermythos, hin zur Gesellschaft, zu den Bürgern, ihrer Verantwortung und ihrer Motivation wende. Die "weltgeschichtliche Kollaboration unterschiedlichster Bevölkerungsschichten" stehe jetzt im Fokus der Geschichtsschreibung.