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Österreichische Literatur:Immer gut drauf

Von den Schmetterfäusten Bud Spencers und den gezielten Hieben in Karl-May-Romanen zum fernöstlichen Wing Tsun: Der Autor und Kampfsportfan Thomas Glavinic denkt über Selbstverteidigung nach.

Von Sofia Glasl

Old Shatterhands Markenzeichen ist es, seine Gegner mit einem einzigen Schlag gegen die Schläfe umzuhauen. Ob das realistisch ist? Das war Karl May vermutlich egal, Hauptsache sein Protagonist ist ein Held. Doch einem medial versierten Leser wie dem österreichischen Schriftsteller Thomas Glavinic stellt sich durchaus die Frage, ob ein normaler Mensch wirklich über eine solche heldenhafte Schmetterhand verfügen könnte. Ebenso, ob es möglich wäre, wie Bud Spencer mit Dampfhammerfäusten Gegner um Gegner in den Boden zu stampfen. Im Gegenzug wird sich möglicherweise der Leser der "Gebrauchsanweisung für Selbstverteidigung" fragen, was Thomas Glavinic mit dem darin verhandelten Gegenstand verbindet und weshalb er nun anstelle eines neuen Romans einen Ratgeber geschrieben hat. Wer den oft polternden und immer wieder autobiografisch arbeitenden Glavinic kennt, wird schon vermuten, dass viel von ihm selbst die Rede sein wird. So setzt er seine Verwunderung über Old Shatterhand und Bud Spencer an den Beginn seiner lebenslangen Begeisterung für Kampfkünste. Er reflektiert seine Entwicklung vom zweifelnden Karl-May-Fan bis hin zum Wing-Tsun-Schüler - dieses Selbstverteidigungssystem trainiert er seit Jahren mehrmals die Woche. Das waren Glavinics kampfkünstlerische Lehr- und Wanderjahre, wenn man so will. Da ist von seinem Eingriff in den eskalierenden Beziehungsstreit eines befreundeten Paares zu lesen und von einer Fluchtfahrt, die er als Taxifahrer antreten musste, als er von einem Fahrgast mitten in eine Kneipenschlägerei gerufen wurde, um ihn dort herauszuholen.

Anhand dieser Anekdoten trägt er ihm wichtig Erkenntnisse zusammen, die dem ungeschulten Selbstverteidiger die Grundlagen des "street smart", also des vorausschauenden Durch-die-Welt-Wandelns vermitteln sollen. Er rät etwa, in Konflikten nie auf den Boden zu starren, um nicht unsicher zu wirken und das Selbstbewusstsein zu schulen, um Angreifern souverän entgegentreten zu können. Das leuchtet ein, wenngleich diese Tipps und die Hinweise zu deren Umsetzung nicht sonderlich neu oder besonders wissenschaftlich unterfüttert sind.

Thomas Glavinic: Gebrauchsanweisung zur Selbstverteidigung. Piper Verlag, München 2017. 224 Seiten, 15 Euro.

Die Welt besteht für Glavinic schwarz-weiß-malerisch aus Tätern und Opfern und er will den Opfern helfen, zumindest die Möglichkeit zu haben, in Konfliktsituationen zum Täter werden zu können, um sich selbst und andere zu schützen. Er nennt die Täter Lianenschwinger und begegnet ihnen ähnlich kraftmeierisch wie sie den Drangsalierten "Du Opfer!" entgegenbrüllen: "Täter zu sein bedeutet, kein Opfer zu sein. Solche Menschen sind Opfer, denen ihr Opferdasein unerträglich geworden ist, die jedoch lediglich eine destruktive Art gefunden haben, mit ihm umzugehen."

Ein gut gezielter Hiebe kann eine Auseinandersetzung sofort beenden

Glavinic beteuert, keine Küchenpsychologie betreiben zu wollen, tut aber genau das. Mit großem Genuss drischt er verbal auf lianenschwingende Schläger ein und rät dennoch, immer zuerst zu versuchen, mit Worten zu schlichten, bevor man zuschlägt. Dann solle man aber immer der Erste sein, da ein gezielter Hieb eine Auseinandersetzung sofort beenden könne.

Was in seinem Roman "Wie man leben soll" noch gut funktionierte, gerät im Format der Gebrauchsanweisung in Schieflage: Im Roman ließ er Karl Kostrum noch mit Ratgeberbüchern durch seine übergewichtige Jugend stolpern. Dieser hielt seine eigenen Lebensunweisheiten zum Vergnügen der Leserschaft in pubertierenden Merksätzen fest: "Wenn zwei Menschen kämpfen, geht es immer darum, wer von ihnen wütender ist. Der wird gewinnen, dessen Wut größer ist." In der Gebrauchsanweisung nun, kondensiert Glavinic seine Kampfsporterfahrung im selben Stil. Das führt wie bei Karl zu einer Vielzahl von pointierten und twitterfähigen Aphorismen, die er seinen Anekdoten als zusammenfassende Sinnsprüche anheftet. "Das Gesicht zu wahren bedeutet in erster Linie, es sich nicht demolieren zu lassen."

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag auf seiner Internetseite zur Verfügung.

Das liest sich vergnüglich, keine Frage, doch nutzt sich derlei Wortjongliererei über die Strecke ab und gerinnt teilweise zu polternden Kalauern. Das ist durchaus auch dem Format geschuldet, denn der Band ist in der erfolgreichen Reihe "Gebrauchsanweisung für" des Piper Verlags erschienen, in der bisher hauptsächlich Reiseziele und Events wie das Oktoberfest für Neulinge erklärt werden. Für derlei Freizeitvergnügen geht die Rechnung der autobiografisch angehauchten Ratgeber von bekannten Autoren auch tadellos auf. Ebenso leuchtet ein, weshalb Glavinic als Kampfsportler einen Band zur Selbstverteidigung beitragen sollte. Doch genau dieses Thema ist es, weshalb die Gebrauchsanweisung zwischen fröhlich dahergeplapperten Storys von an den Falschen geratenen U-Bahn-Schlägern und plattitüdenhaften Standardratschlägen stecken bleibt. Für einen tatsächlichen Erkenntnisgewinn kratzt der Band inhaltlich zu sehr an der Oberfläche, für einen reinen Anekdotenband ist das Thema dann doch zu ernst, um fröhlich über einige der Geschichten hinwegzulesen.

© SZ vom 11.10.2017

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