Österreichische Literatur Am Fenster

Peter Henisch erzählt in seinem Roman "Suchbild mit Katze" von seiner Kindheit im Wien der Nachkriegszeit.

Von Helmut Schödel

Den Vater des Wiener Schriftstellers Peter Henisch kennen seine Leser aus "Die kleine Figur meines Vaters" (1976), die Mutter aus "Eine sehr kleine Frau" (2007) und wenn nun es nun im "Suchbild mit Katze" um das Leben des kleinen Peter, Jahrgang 1943, im Wien der Nachkriegszeit geht, könnte man meinen, hier schreibe jemand weiter an seiner Lebensgeschichte.

Aber um Memoiren geht es Henisch nicht. Der ruhige Fluss der Gedanken und Geschichten versetzt den Leser in eine schöne Melancholie und die Unschärfe der Erinnerung wird durch die Fakten aus der österreichischen Geschichte nur scheinbar ausgeglichen. Zweifel scheinen Henisch seit je angebracht, und so ist es schon zu Beginn nicht sicher, ob die große Frau mit dem Krug auf dem Kopf, die er angeblich am Meer sah, tatsächlich ein schwarzes Kleid trug.

Hier schreibt ein Beobachter an Reportagen der Erinnerung

Der Autor erinnert sich nach Art des damals noch sehr kleinen Peter. Da taucht zum Beispiel Onkel Willi auf. Der ist aber erst 18, für den vielleicht Siebenjährigen aber schon ein strammer Typ aus der Erwachsenenwelt. Er hat sieben Schwestern und zwei Brüder. Trotzdem wird in der sehr kleinen Wohnung der Eltern noch ein sogenannter "Bettgeher" auf einem tagsüber zusammengeklappten Feldbett untergebracht, weil man damals eben auch auf Kleingeld angewiesen war. Und die erste Freundin vom Mietshaus gegenüber? Als sie sich auf die Firmung vorbereitete, bekam sie Schuldgefühle wegen ihrer Petting-Übungen und beendete die Freundschaft. Und dies, während Peters Vater, der Fotograf, lukrativen schamlosen Motiven nachjagte. Der kleine Peter lernt früh, mit Widersprüchen zu leben.

Peter Henisch: Suchbild mit Katze. Roman. Deuticke Verlag, Wien 2016. 208 Seiten, 20 Euro. E-Book 15,99 Euro.

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Die Wiener Vorstadtwelt wurde für Henisch ein Sprungbrett ins Weite, nach Istanbul, Paris, New Orleans oder Italien. Die kurzen Einsprengsel darüber sind Querverweise auf Peter Henischs spätere Bücher, in denen er dem Popstar Jim Morrison zu begegnen versuchte oder Franz Kafka und Karl May. Für den schwärmte schon der kleine Peter, der von Anfang an Schriftsteller werden wollte.

Einer der wichtigsten Orte in diesem Buch ist das Fenster. Das Fenster zum Hof, von wo er seine kleine Freundin beobachtet. Das Fenster zur Straße hin, auf der sich in wechselndem Licht das Leben abspielt. Das Fenster zur Welt in den Entwürfen seiner Bücher. Draußen das Leben, drinnen der beobachtende Dichter, der es in Reportagen der Erinnerung bewahrt.

Der kleine Peter, im Schulaufsatz danach befragt, was er einmal werden will, schreibt: "Ich würde gerne eine Katze sein." Denn an seiner Seite hat er eine schwarze Katze. Heißt sie Murr? Nein, so hieß sie bei E. T. A. Hoffmann. Murrli heißt sie und führt ihr Leben glückvoll an den bisweilen schwierigen Umständen des Einzelkindes in der Nachnazizeit vorbei. "Suchbild mit Katze" ist ein ironisches, eindrucksvoll hingetuschtes Stück Leben. Kein Aufreger, kein großes Buch für die Charts - aber ein sehr schönes Buch für Leser.