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Österreich im Dritten Reich:Giftige Früchte, gut gereift

Straßencafé in Wien, 1938

Was steht in der Zeitung? Gäste in einem Wiener Straßencafé im Jahr 1938.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

In ihrem autobiografischen Roman "Die dunklen Jahre" erzählt Friederike Manner von der Flucht einer Familie vor den Rassegesetzen. Das Buch erschien 1948. Jetzt ist es wieder da.

Von Karl-Markus Gauss

Ein populäres Klischee der österreichischen Literatur besagt, dass es erst die experimentierfreudigen Autoren der "Wiener Gruppe" gewagt hätten, literarisch mit den klerikalen und faschistischen Traditionen des Landes aufzuräumen. Dieses Klischee, das auf gründlicher Unkenntnis beruht, wird publizistisch bereits in der dritten Generation verbreitet, sodass aus ihm schon fast eine offiziöse Kulturlegende wurde. Tatsächlich blendet es nicht nur die Werke zahlreicher Autoren aus, die aus Österreich ums Leben flüchten mussten und gleichwohl überall, wo sie strandeten, Erzählwerke zu schreiben begannen, in denen sie sich mit der verlorenen Heimat kritisch auseinandersetzten. Sie schließt zudem all jene Autoren aus dem Kanon einer vermeintlichen Moderne aus, die sich im weitesten Sinne dem realistischen Erzählen verpflichtet fühlten, und deren Romane, wie kunstvoll sie die jüngste Vergangenheit auch erkundeten, heute als traditionalistisch abgetan werden.

Das betrifft Erzähler wie Reinhard Federmann oder Milo Dor, die in ihrer Sozialkritik durchaus keine kommunistischen Sympathien hegten; Autoren wie Franz Kain, Marie Frischauf oder die "rote Gräfin" Hermynia Zur Mühlen, die gerade wegen dieser Sympathien gebannt wurden; und auch bürgerliche Kosmopoliten wie Ernst Lothar oder Martina Wied.

Auch Friederike Manner rechnet zur langen Liste der unterschätzten, in ihrem Falle müsste man sagen: totgeschwiegenen Autoren und Autorinnen. 1904 in Wien geboren, hat sie 1948, nach ihrer Heimkehr aus der Armut und Not des Exils, den Roman "Die dunklen Jahre" unter dem Pseudonym Martha Florian veröffentlicht. Er wurde kaum rezipiert, blieb siebzig Jahre lang unbeachtet. Jetzt ist er neu aufgelegt worden, was das Verdienst der Kritikerin und Kuratorin Evelyn Polt-Heinzl ist, die sich mit eigenen Büchern und Editionen vergessener Autoren um die Revision des österreichischen Kanons bemüht.

Polt-Heinzl bezeichnet "Die dunklen Jahre" als "autobiografischen Romanbericht", was nicht unberechtigt ist, weil die Autorin ganz nahe am Schicksal ihrer eigenen Familie bleibt, wenn sie das gesellschaftliche Panorama der Jahre zwischen 1934 und 1945 entwirft. Wie Klara, die Ich-Erzählerin des Romans, war auch dessen Verfasserin mit einem jüdischen Arzt verheiratet, mit dem sie zwei Kinder hatte und den sie verlassen wollte; von dem sie, die Arierin, sich aber doch nicht scheiden ließ, als die nazistischen Rassegesetze ihn um seine Ordination brachten und es für ihn in Wien bald lebensgefährlich wurde. Wie der Autorin gelang es auch ihrem Alter Ego im Roman, die beiden Kinder zuerst bei Verwandten in der Schweiz unterzubringen, später musste jedoch die ganze Familie weiterflüchten, nach Jugoslawien, wo der Mann in einem Konzentrationslager ermordet wurde. Die Autorin und ihre Protagonistin überlebten als Schreibkräfte in der deutschen Verwaltung des besetzten Belgrad und schlugen sich mit ihren Kindern in den letzten Kriegstagen zurück ins zerbombte Wien. Dort hat Friederike Manner 1956, zermürbt von der alltäglichen Feindschaft, auf die sie als Antifaschistin mit ihrem kompromisslosen moralischen Anspruch überall stieß, Selbstmord verübt.

Mag der Roman sich in seinem äußeren Handlungsgang auch am abschüssigen Lebensweg der Autorin und ihrer Familie orientieren, ist er doch weit mehr als nur ein literarisiertes Dokument jener "dunklen Jahre", nämlich ein Kunstwerk, das in formaler Hinsicht von erstaunlicher ästhetischer Modernität zeugt. Wie kühn die Autorin verschiedene Genres miteinander verbindet! Da ist eine "Widmung" vorangestellt, die als eigenständiger Prolog gelten kann, das erste Kapitel beginnt mit einer Anklagerede gegen Gott selbst, darauf folgen historische Berichte, erzählerische Miniaturen, prägnante Porträts, Tagebuchblätter, Briefe an verschiedene Empfänger, moralisch-philosophische Exkurse und dokumentarische Passagen.

Friederike Manner: Die dunklen Jahre. Roman. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Evelyne Polt-Heinzl. Edition Atelier, Wien 2019. 420 Seiten, 28 Euro.

Gott konfrontiert die Erzählerin Klara damit, dass sie von Kindheit an zwei Dinge suchte: "das Wunder, einmal aufzuwachen und zu wissen: alles ist gut; und Erkenntnis". Und sie fragt ihn, warum diese beiden Dinge einander ausschließen müssen. Als der Roman einsetzt, wird im Februar 1934 gerade der Aufstand der Arbeiter niedergeworfen. An diesem dramatischen Wendepunkt der österreichischen Geschichte, der dem Land für vier Jahre den sogenannten christlichen Ständestaat mit seinem gleichsam hausgemachten klerikalen Faschismus beschert, befindet sich die Ehe Klaras in einer schweren Krise.

Klara will sich von ihrem Mann trennen, den sie zwar für "den Besten und Gütigsten" hält, aber eben nicht mehr liebt; und von dem sie doch sagt: "er ist besser als ich; er kämpft darum, mir zu verzeihen." Aber da sind die beiden kleinen Kinder, das kluge Mädchen, der kranke Bub, die aufopferungsvolle Arbeit des Mannes - und vor allem die sich stetig verschärfende politische Situation. Paradox genug: Die zerbrechende Ehe bleibt aufrechterhalten, eben weil sich die Verhältnisse so rapide verschlechtern, dass Trennung jetzt Verrat bedeuten würde.

Friederike Manner

Friederike Manner (1904–1956) war nach dem Krieg Literaturkritikerin und Lektorin. Ihren einzigen Roman publizierte sie 1948.

(Foto: Edition Atelier)

Als im März 1938 die Wehrmacht das Land besetzt und sich so viele Wiener über Nacht in Bestien verwandeln, die ihre Nachbarn denunzieren und sich deren Besitz aneignen, gelangt Klara zu einer bestürzenden Einsicht: dass nämlich die Schuld der Österreicher, die sich dem Nationalsozialismus ergeben, schwerer wiegt als jene der Deutschen. Mochten sich diese 1933 noch Illusionen über den Charakter des Regimes gemacht haben, das sie eben an die Macht gebracht hatten, so galt diese Ausrede für die Österreicher nicht mehr. Denn "fünf Jahre Nationalsozialismus in Deutschland hatten längst erwiesen, welch giftige Früchte dort reiften".

Die erste Exilstation verschafft Sicherheit nur für kurze Frist, und schon dort, in der Schweiz, muss Klara die erste bittere Erfahrung des Flüchtlings machen, dass ich "auf Wohltätigkeit angewiesen, zur Dankbarkeit verpflichtet" bin. Viel schlimmer wird es in Belgrad werden, wo es für die Familie ums nackte Überleben geht. Selbst in diesem Teil des Romans nimmt sich die Autorin die Freiheit zu originellen Exkursen. So beschreibt sie mit feinem Impressionismus die Schönheiten der "weißen Stadt", in der doch deutsche Sondereinheiten schon bald Jagd auf Juden und Kommunisten machen. Unter den Serben begegnet sie großherzigen und berechnenden, mutigen und kleinlauten Menschen; als sie in ein Dorf in der Wojwodina übersiedelt wird, bekommt sie es mit Donauschwaben zu tun, die in einem nationalsozialistischen Wahn verfangen sind, und deutsche Flüchtlinge ans Messer liefern wollen. Wie Klara mit allen Kräften gegen den Untergang kämpft, dabei oft an Selbstmord denkt, ihn aber nie versucht, weil es doch gilt, ihre Kinder zu retten - davon erzählt der Roman bald lakonisch, bald geradezu pathetisch.

Am Ende hat Klara ihre Kinder durch den Krieg gebracht, aber im befreiten Österreich scheint sie für sich keinen Platz zu finden. Das hat auch damit zu tun, dass sich die Täter von gestern als die wahren Opfer gerieren und sich sogleich wieder ihre Positionen im Staat und in der Gesellschaft zu sichern wissen. Doch Klaras Schicksal wird nicht einfach mit dem Gang der Geschichte kurzgeschlossen. Ihre menschliche Stärke erweist sich in der Auseinandersetzung mit all dem, was ihr in den dunklen Jahren zugemutet wird; aber ihre herzergreifende Schwäche, ihre Verletzlichkeit ist nicht nur durch diese verursacht. An einer Stelle räsoniert sie über die Kälte des Winters, und da sagt sie: "Da ich an das Frieren denke, scheint mir, als hätt ich selbst mein Leben lang gefroren ...".

Man muss die Literaturgeschichte nicht neu schreiben, aber ihr manche vergessenen Autoren und Autorinnen zurückgeben. Etwa Hermynia Zur Mühlen, von der vor Kurzem eine großartige Werkausgabe in vier Bänden erschienen ist (SZ vom 11. Mai), oder Friederike Manner, deren Roman zu den großen Werken ihrer Zeit gehört.

© SZ vom 30.09.2019

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