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Österreich:Das Gute muss durchgesetzt werden

Lojze Wieser

Der Verleger und Herzenseuropäer Lojze Wieser.

(Foto: Tobias Zick)

Zu Besuch beim Verleger Lojze Wieser, der Hunderte Bücher aus Ost- und Südeuropa ins Deutsche übertragen ließ.

Lojze Wieser bestellt Leberkäse mit Semmel und Senf. Vom Stehtisch aus verfolgt er, "massig und zart", wie sein Freund Peter Handke ihn mal beschrieben hat, den Auftritt eines schwarzhaarigen Rosenverkäufers. "Habibi!" ruft er dem Mann zu, "mein Lieber!" auf Arabisch. Im selben Moment fängt der Metzger, seinerseits massig, an, dem Rosenverkäufer mit beiden Händen entgegenzuwedeln: "Naa, bleib draußen!" Der dreht unbeirrt eine Runde durch den Laden. Als er wieder hinaus ist, mault ihm der Metzger hinterher: "Was soll man machen mit denen?" - "Deiner Frau einen Strauß Rosen kaufen?", schlägt Wieser vor. "Ha!" ruft der Metzger, dann ist es still.

Lojze Wieser weiß, dass der Metzger ein bekennender "Freiheitlicher" ist. Er geht trotzdem hin, immer wieder, zum einen weil er es sich nicht abgewöhnen will, im Gegenüber zuerst den Menschen zu sehen und nicht den Vertreter einer gegnerischen Kategorie, und zum anderen weil er ja selbst immer argumentiert, dass man, wenn man ein wirklich geeintes, menschliches Europa will, im Alltag sisyphoshaft dafür eintreten muss. "Das Gute muss durchgesetzt werden", sagt er, "das Falsche kommt von ganz allein."

Und schließlich: Warum sollte man den besten Leberkäse der Stadt dem politischen Gegner überlassen? Lojze Wieser, 65 Jahre alt, fröhlich wucherndes Haar zu beiden Seiten des Schädels, ist in Österreich schließlich nicht nur als Verleger bekannt, sondern, spätestens seit seiner Fernsehsendung mit dem Titel "Der Geschmack Europas", auch als Gastrosoph. Im Hauptberuf allerdings ist er "Verleger der Verständigung", so hat ihn der tschechische Schriftsteller und Diplomat Jiří Gruša mal genannt: "Er hat die anderen wirklich verstanden."

"Es ist wohl so, wenn andere aufgeben, fange ich erst an zu strampeln."

Lojze Wieser gilt als der Mann, der mit seinem kleinen Klagenfurter Verlag den deutschsprachigen Lesern die Tür zur Literatur des europäischen Ostens aufgestoßen hat. Wobei es eher ein jahrzehntelanges Laborieren als ein Stoßen war; schwer, knirschend, mitunter schmerzhaft. Wieser hat sich an dieser Tür immer wieder die Schulter, manchmal auch den Kopf geprellt. Er hat Phasen blanker Existenzangst durchlebt, er ist während des Jugoslawienkriegs mehreren Briefbombenattentaten entgangen, er hat sich und den Verlag nach einer Insolvenz wieder aufgerichtet. "Tja, es ist wohl so", sagt er, jetzt in seinem Büro, "wenn andere aufgeben, fange ich erst an zu strampeln."

Wozu das Strampeln? Wieser legt die flachen Hände mit den Fingerspitzen aneinander, ahmt eine schiefe Ebene nach: Wenn das Fundament, auf dem das Haus Europa gebaut wird, nur auf einer Seite stabil ist, wie soll es dann jemals gerade stehen, geschweige denn Unwetter trotzen? Um die Dringlichkeit des ganzen Vorhabens klarzumachen, lässt Wieser die Zahlen sprechen; die sind allemal nüchtern genug: Zwischen 1860 und 1980 wurden alles in allem kaum 300 Titel aus dem jugoslawischen Raum ins Deutsche übersetzt, ein Großteil davon in der DDR. Dann kam der Wieser-Verlag und hat allein in den vergangenen 23 Jahren mehr als 350 Bücher aus Ost- und Südosteuropa auf Deutsch zugänglich gemacht. Zum Beispiel, im Herbst 2017, das fast 3 000 Seiten starke Europa-Monument "Die Fahnen" von dem kroatischen Dichter Miroslav Krleža, über den Jean-Paul Sartre gesagt haben soll, wäre ihm dessen Werk rechtzeitig bekannt gewesen, hätte er seinen "Ekel" so nicht schreiben brauchen.

Woher nimmt Wieser die Energie für derartige verlegerische Kraftakte? Zur Antwort schlägt er eines der Bücher auf, das er selbst herausgegeben hat, seine "Lieblingsgedichte", und liest gleich das erste vor; vom albanischen Dichter Fatos Arapi. Es handelt von einem Sklaven, "gealtert, Wunden, Ketten", und der Sultan schaut vom Pferd auf ihn herab und fragt ihn, warum er nicht aufhöre, gegen sein Schicksal anzukämpfen. "Weil, Großmächtiger Sultan", erwidert der Sklave, "jeder Mensch in der Brust ein Stück Himmel hat, und darin fliegt eine Schwalbe." Lojze Wieser klappt das Buch zu: "Damit ist doch eigentlich alles gesagt."

Ausflug nach Slowenien, über die nahe Grenze. Auf dem Armaturenbrett seines schwarzen Škoda liegen Dutzende getrocknete Blüten, vor jeder größeren Fahrt schenkt seine Frau ihm eine Blume als Talisman, und er kann sich von keiner trennen. Er startet den Motor, mit der Zündung springt auch das Radio an, Ohren betäubend laut, eine Männerstimme bellt, Strache von der FPÖ, an diesem Tag noch Vize-Kanzler. "Den hörn ma jetzt ned", murmelt Wieser, dreht das Radio leise und fährt los, raus aus der Stadt.

Die slowenischen Partisanen spielten im österreichischen Bewusstsein kaum eine Rolle

Eine steile Passstraße durch die Karawanken, am Straßenrand blüht die Erika. Ein paar Kilometer hinter der Grenze fährt Wieser rechts ran, schreitet über die Straße, ein schwarzes Skelett reckt da seine Arme zum Himmel, im hohlen Brustkorb baumelt noch ein Herz. "Obtožujem!", steht rings um den Sockel, ich klage an.

"Als Kind hat mich das ziemlich in Angst versetzt, dieses Gerippe", sagt Wieser. Später hat dieser Schauplatz ihn politisiert, es ist die Gedenkstätte für das Konzentrationslager, dessen Fundamente durch das Frühlingsgrün der Bergwiesen brechen wie Zahnstümpfe: das KZ Loibl, eine "Außenstelle" von Mauthausen, deren Insassen von den Nazis gezwungen wurden, einen Tunnel durch den Berg zu treiben; Hitler wünschte eine schnellere Verbindung zwischen Kärnten und Slowenien. Es ist aber auch die Gegend, in der slowenische Partisanen sich formierten und die Nazis bekämpften, "so zäh, dass die Wehrmacht reichlich Truppen zur Verstärkung schicken musste", erzählt Wieser. "Das hat sie entscheidend an der Ostfront geschwächt."

Der Kampf der slowenischen Partisanen spielte bis 1980 im österreichischen Bewusstsein kaum eine Rolle. Dann brachte Wieser jenes Buch heraus, das als das zentrale Dokument des antifaschistischen Widerstands dieser Region gilt: "Gämsen auf der Lawine", die Erinnerungen des Partisanenkommandeurs Karel Prušnik-Gašper. "Vorher galten die Partisanen schlicht als Banditen", sagt Wieser. Mit der deutschen Ausgabe von Prušniks Erinnerungen sei auch die slowenische Sprache ein paar Schritte "aus dem Schatten" getreten. Auch wenn sie heute kaum noch jemand in Österreich spricht. Auf der Rückfahrt muss man den österreichischen Grenzbeamten an der Schengen-Grenze die Ausweise zeigen. Ob das da "Suchtgift" auf dem Armaturenbrett sei, fragt der Mann mit einem süffisanten Blick auf die Trockenblumen, ehe er die Pässe zurückreicht und ein Nicken in Richtung Klagenfurt andeutet.

Auf dem Heimweg erzählt Wieser, wie ihm schon als Kind zu Hause überall, aus Truhen und Schubladen, Bücher entgegenquollen. Sein Vater, kriegsverwundeter Maurer, war Vertrauensmann eines Buchklubs in seinem Kärntner Heimatdorf namens Čahorče, beziehungsweise Tscharoritsch. Mit zwölf, dreizehn Jahren las er Dostojewski und Tschechow, und den slowenischen Erzähler Fran Saleški Finžgar im Original: Pod svobodnim soncem, Unter freier Sonne. Seine Klassenkameraden lasen derweil lieber Karl May. Fast alle stammten sie aus slowenischsprachigen Familien. Aber er und sein Cousin waren die einzigen, die in der Schule nachmittags zum Slowenischunterricht gingen. "Das war wie Nachsitzen", sagt er.

Etliche Familien ringsum gaben im Nachkriegsösterreich ihre Muttersprache und ihre slowenische Identität auf, in Kärnten spricht man Deutsch, warum sollen es die Kinder unnötig schwer haben? Und doch verbindet Lojze Wieser viel Heiteres mit dem Slowenischen, das ihn in seiner Kindheit und Jugend umgab. Die Familienfeste, auf denen Verwandte, die tief zerstritten aufeinandertrafen, gemeinsam sangen und tanzten und tranken - und dann wieder für eine Weile versöhnt waren. "Das hat mich sehr geprägt", sagt er: "die friedensstiftende Kraft von Liedern, Texten, Sprache."

Wichtig sei ihm, dass jeweils weibliche und männliche Stimmen zu Wort kommen

Im Jahr 1997, der Verlag war gerade in übler Geldnot, erfand Wieser aus genau diesem Geist heraus jene Reihe, die ihm dann auch wirtschaftlich so etwas wie Stabilität brachte: "Europa erlesen". Kompakte, mit Lesefaden und Prägung veredelte Bändchen, die dem Leser jeweils eine Region oder eine Stadt aufblättern, in Form von literarischen Kostproben. Bei der Auswahl der Regionen hat Wieser abermals seinem Trieb freien Lauf gelassen, "starre nationalstaatliche Grenzen zu unterhöhlen", wie er selbst sagt; ein Band etwa heißt schlicht "Balkan", ein anderer würdigt den Karst, die Gegend zwischen Slowenien und Italien, die sich mehr durch ihre konsequente Steinigkeit als durch einen geografisch klar definierten Umriss auszeichnet.

Die Auswahl der Texte ist subjektiv; wichtig sei ihm, sagt Wieser, dass jeweils weibliche und männliche Stimmen zu Wort kommen und sich Innen- und Außenansichten treffen. Alles getrieben von der Überzeugung, dass "Sprache die Grundlage des Menschseins ist". Und deshalb "müssten wir ihr auch die Bedeutung geben, die sie für den Einzelnen und die Einzelne spielt, und sie vom Brimborium des Nationalismus, des Nationalstaats und der damit verbundenen Ideologien befreien."

Lojze Wieser schlägt wieder seine Lieblingsgedichte auf, Erich Prunč, "Epilog", und liest vor: "Kein Weg führt zurück. Die Schiffe leck, die Flaggen tot, durstig der Wind. Kein Weg führt zurück. Schiffer, hier, an dieser Küste, finden wir unser Glück." Für Wieser sind das Mutmacher-Zeilen, programmatisch für die heutige Debatte in Europa: "Genau darum geht es doch", sagt er: "Mit diesen Menschen hier, in diesem Leben, an diesem Ufer musst du das Leben verändern. Nicht irgendwo in der Zukunft, nicht irgendwo in der Vergangenheit."

Damit alle Menschen, so stellt Wieser sich das vor, mit allen Muttersprachen einander auf Augenhöhe begegnen, brauche es ein Grundrecht auf einen Dolmetscher, in allen Ländern des Kontinents, festgeschrieben in der Verfassung. Ja, klar, man wird noch träumen dürfen, so kurz vor der Europawahl. Wer sollte das in der realen Welt bezahlen? "Das würde doch", sagt er, "pro Land weniger kosten als eine einzige Boden-Boden-Rakete."