Theater in Österreich:Gefallener Engel

Pressebilder: Burgtheater Wien (*Das Wiener Burgtheater legt wieder los *
Analogpremiere im Akademietheater: Strindberg "Fräulein Julie")

Julie (Maresi Riegner) steht nach der Begegnung mit Jean unter Schock.

(Foto: Susanne Hassler-Smith)

In Wien wird wieder gespielt: Mateja Koležnik inszeniert "Fräulein Julie" im Akademietheater als Tragödie fast biblischen Ausmaßes.

Von Wolfgang Kralicek

Die Theater in Österreich spielen endlich wieder. Alle? Nein, nicht alle: Das große Haus des Burgtheaters bleibt trotz Öffnungserlaubnis bis zum Ende der Spielzeit geschlossen. Grund dafür sind Renovierungsarbeiten im Zuschauerraum, unter anderem wird eine neue Klimaanlage eingebaut. Dass diese Arbeiten lang geplant waren und man sie auch nicht so einfach vorziehen konnte, wird schon stimmen. Aber kurios ist es schon, wenn ein Theater nach mehr als sechs Monaten Lockdown nahtlos in die nächste große Pause geht.

Während es im großen Haus - wo mehr oder weniger fertige Inszenierungen von Johan Simons (Shakespeares "Richard II."), Frank Castorf (Handkes "Zdeněk Adamec") und Simon Stone ("Komplizen" nach Gorki) auf ihre Premieren warten - also erst im September wieder losgeht, herrscht in den anderen Spielstätten des Burgtheaters Hochbetrieb: Bis Saisonschluss Ende Juni bringt das Haus acht größere und kleinere Produktionen heraus; besonders dicht ist die Frequenz im Akademietheater, wo innerhalb von nur dreieinhalb Wochen fünf Inszenierungen Premiere haben. Am Ende wird zumindest auf dieser Bühne fast alles herausgekommen sein, was zu Beginn der Spielzeit auch geplant war.

Den Anfang machte August Strindbergs Einakter "Fräulein Julie" in einer Inszenierung von Mateja Koležnik. Das kompakte Trauerspiel von 1889 hat sich bis heute im Repertoire gehalten, weil es einen denkbar einfachen Vorgang - ein Diener schläft mit der Tochter seines Herren - auf enorm vielschichtige Weise verarbeitet. Wer hier wen verführt, lässt Strindberg meisterlich in der Schwebe; auch die gesellschaftlichen und sexuellen Machtverhältnisse in dieser ungleichen Beziehung sind nie ganz eindeutig gezeichnet. Strindberg hat dem kurzen Stück ein langes Vorwort vorangestellt, in dem er es zum Prototypen eines "modernen psychologischen Dramas" erklärt; für die Umsetzung wünscht er sich eine möglichst kleine Bühne und starkes Seitenlicht, damit die feinsten Nuancen der Mimik sichtbar würden.

Hier ist klar, wer das Opfer, wer der Täter ist

Der Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt folgt dieser Vorgabe, indem er für das Stück einen kleinen Bühnenkasten konstruiert hat, der den Aktionsradius der Schauspieler stark einschränkt; und ja, das Licht kommt überwiegend von der Seite. Anders als in der Vorlage, wo das Stück in der Küche spielt, ist hier allerdings das angrenzende Badezimmer der Schauplatz - ganz naturalistisch ausgestattet mit Badewanne, Waschtisch, Klomuschel. Im Hintergrund führt eine große Tür mit Milchglasscheiben in Richtung Küche; wenn die Akteure sich gerade draußen aufhalten, sieht man sie gar nicht, und wenn die Tür zu ist, sind sie auch akustisch kaum wahrzunehmen.

Fräulein Julie (Maresi Riegner) erscheint als ätherisch überdrehtes Wesen, das sich mit den Händen einerseits selbst immerzu zärtlich über Bauch und die Schenkel streicht, andererseits aber schon auch dem selbstbewusst-virilen Diener Jean (Itay Tiran) in den Schritt greift. Skeptisch beobachtet wird das Treiben von der mit Jean quasi verlobten Köchin Kristin (Sarah Viktoria Frick). Ihr räumt Koležnik im ersten Teil der Inszenierung mehr Platz ein, als sie bei Strindberg hat. Statt nämlich, wie es im Text steht, schlafen zu gehen, versteckt Kristin sich hinter dem Duschvorhang und wird so Zeugin des sich anbahnenden Geschlechtsakts. Das Keuchen, mit dem die Sexszene unterlegt ist, kommt allerdings von der eifersüchtigen Kristin, die zu hyperventilieren beginnt. Nicht nur in dieser starken Szene ist Sarah Viktoria Frick so präsent, dass das Stück anfangs "Fräulein Kristin" heißen könnte.

Dann kommt Fräulein Julie ins Bad, und das Drama nimmt seinen Lauf. Genauer gesagt: Es ist eigentlich schon gelaufen. Viel deutlicher als in anderen Inszenierungen des Stücks wird hier, dass es eine Tragödie und wer das Opfer ist. Die nackte junge Frau, die sich da den Ekel vom Körper waschen möchte, ist offenbar schwer verstört. Während es bei Strindberg erst am Ende auf Selbstmord hinausläuft, ist hier Julies erster Gedanke, sich die Pulsader aufzuschneiden. Was ihr widerfahren ist, bleibt ein Geheimnis. Steht sie unter Schock, weil sie einen Fehler begangen hat, der nicht mehr gutzumachen ist? "Sagdassdumichliebst, sagdassdumichliebst", brabbelt sie, aber das glaubt sie ja selber nicht.

In der nur eine gute Stunde kurzen, präzise durchkomponierten Inszenierung kommt nie die Hoffnung auf, dass vielleicht doch noch alles gut werden könnte. Am Ende möchte Kristin mit Jean in die Messe gehen - doch daraus wird nichts, denn der Graf ist zurück. Während deshalb jetzt schnell die Spuren des Sündenfalls beseitigt werden, weht aus der Kirche das "Miserere" auf die Bühne (Komposition: Michael Gumpinger). Erbarme dich: Im modernen Psychodrama "Fräulein Julie" hat Mateja Koležnik die ganz archaische Geschichte eines gefallenen Engels entdeckt.

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