Ölpreissprünge:Zurück zur Scholle

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Auf der anderen Seite bieten Apokalyptiker und "Survivalists", die mit dem Untergang des Planeten schon immer gerechnet haben, ihre Überlebensstrategien nun für das Ende des Ölzeitalters. Denn während man in den achtziger Jahren noch nach Australien auswandern konnte, sollte man heute ihrer Meinung nach nur noch Dinge horten und einen Unterschlupf bauen. "Doomers" nennt sie Heinberg in Anlehnung an den Tag des Jüngsten Gerichts.

Kampf um die letzten Ressourcen

Und er beschreibt zugleich selbst lustvoll seine Version der Zukunft: "Extrem umweltschädliche Energiealternativen wie Kohle und Ölsand werden zum Blasebalg des Fegefeuers der Klimaerwärmung. Extremistische politische Bewegungen werden entstehen, und die Welt wird in einem Kampf um die letzten Ressourcen untergehen. Wen die Kriege nicht umbringen, der wird verhungern."

In England preist der Arzt und Journalist Vernon Coleman gerade in ganzseitigen Anzeigen seine Version der Zukunft an: Die "Oil Apocalypse", so der Titel, "ist kein Skript für einen Horrorfilm. In einer Generation werden fünf von sechs Menschen auf dem Planeten tot sein." Seinen Lesern rät er, sich auf eine völlig andere Welt vorzubereiten, "in der die Reichen Pferde reiten, die Mittelschicht Fahrrad fährt und die Armen zu Fuß gehen. Kaufen Sie kein Haus, für das Sie ein Auto brauchen." Auch der Held in Kunstlers "World Made by Hand" träumt vom einem Pferd. Das ist der Luxus der Zukunft.

In diesen Tagen nun demonstrieren Inder, weil die Regierung die Benzinsubventionen gesenkt hat. Hersteller von Waschmitteln bis Computerbildschirmen warnen vor höheren Preisen. In Europa gehen Fischer auf die Straße, weil der Rohölpreis das Ausfahren inzwischen unrentabel macht. Der Preis für eine Tonne Düngemittel hat sich in den letzten Jahren vervielfacht; Fachzeitschriften für Landwirte informieren ihre Leser darüber, wie sie ihre Betriebe umbauen können - aus der Not geboren, nicht, weil man unbedingt ökologisch arbeiten will. In den USA ziehen die Bürger in die Städte, und die ersten Suburbias verelenden schon zu Slums.

Der angesehene Ökologe Bill McKibben rät zur "Deep Economy", zur "Re-Lokalisierung" der Produktion. Zurück zur Scholle ist ein Lieblingskonzept der Peakisten. So wie "Permakultur", eine ökologische Antwort auf die erste Ölkrise in den Siebzigern, die auf Grundlage ethischer Leitsätze die Rückkehr zu einer nachhaltigen Landwirtschaft und Energieversorgung propagiert.

Werden Sie Selbstversorger

Zu den neuen Survivalisten zählt inzwischen selbst jemand wie Barton M. Biggs, der frühere Chefstratege des Finanzinstitutes Morgan Stanley. Wie andere hat auch er ein Buch herausgebracht, in dem er vor dem möglichen Kollaps der Zivilisation warnt: "In Ihrem Zufluchtsort müssen Sie Selbstversorger werden und in der Lage sein, etwas Nahrung anzubauen. Sie sollten gut mit Saatgut ausgerüstet sein, mit Dünger, Konserven, Wein, Medikamenten und Kleidung. Stellen Sie sich die Familie Robinson vor."

Wer ein Beispiel für eine gelungene Umstellung der Nahrungsproduktion für das Post-Öl-Zeitalter sucht, findet sie dann ausgerechnet in Kuba. Die Insel hat vorgeführt, wie man in der Landwirtschaft ohne Petrochemie auskommt. Als nach dem Ende der Sowjetunion die Öllieferungen ausblieben, kollabierte die vom Öl abhängige Landwirtschaft. Es drohte eine Hungerkatastrophe. Heute haben Tausende Ochsengespanne Traktoren ersetzt, an den landwirtschaftlichen Fakultäten forschte man nach Nützlingen und Bakterien, die Dünger und Pestizide ersetzen, überall gibt es Stadtgärten. Inzwischen ist Kuba in der Lage, sich selbst zu versorgen. Ohne Luxus, aber zumindest muss niemand mehr hungern. Deswegen fahren Ökologen aus aller Welt auf die Insel, um das Programm zu studieren.

In Großbritannien erklären sich Städte und Dörfer unterdessen zu sogenannten "transition towns", Übergangsstädten. Städte wie Bristol versuchen, ihre Wirtschaft, Transportwesen, Energie- und Nahrungsversorgung zu "relokalisieren". Die Praxis, berichtete ein Reporter des Guardian, sei allerdings weniger spektakulär.

Wie im Krieg

Man zeigt sich Filme über Peak Oil und Klimawandel, einige Orte haben eine eigene Währung eingeführt, mit der man lokale Produkte erstehen kann. "Es gibt Workshops für Gemüseanbau, Brotbacken und Sockenstopfen. Nun, sollte das alles ein wenig nach den vierziger Jahren klingen, dann deshalb, weil es so ist." Denn viele Ideen stammen aus dem Zweiten Weltkrieg, als in England jahrelang der Treibstoff knapp war.

Nach Untersuchungen der amerikanischen Energiebehörde EIA würde es 20 Jahre dauern, um die Weltwirtschaft so umzubauen, dass ein wirtschaftlicher und sozialer Kollaps verhindert werden kann. Zehn Jahre, so der Bericht, seien schon knapp kalkuliert. Bleibt noch weniger Zeit, sind Revolten, Aufstände, Ressourcenkriege und der Zusammenbruch ganzer Gesellschaften so gut wie sicher.

Vielleicht haben die "Doomers" ja doch recht. Denn geschehen ist nicht viel, obwohl inzwischen sogar die Leiter großer Ölkonzerne vor dem nahenden Peak warnen. Ein paar Prozent Öl wird durch Biokraftstoff ersetzt, was inzwischen zur Krise in der Nahrungsmittelproduktion beiträgt. Sonne, Wind und Wasserenergie werden gefördert, bringen aber nicht annähernd genug, um Öl ausreichend und schnell genug zu ersetzen. Und das wird noch lange so bleiben. Zu lange, fürchten die Peak-Oil-Anhänger.

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